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Donnerstag, 21. März 2019

„Lust der Täuschung“ in der Münchner Kunsthalle

In der Kunsthalle München fand vom 17. August 2018 bis zum 13. Januar 2019 die Ausstellung „Lust der Täuschung. Von antiker Kunst bis zur Virtual Reality“ statt. So ein Thema ist schon interessant und vorgestellte Täuschungen sind meist Hingucker. Anderseits sind Täuschungen auch alltäglich. Unter so einem Täuschungs-Blickwinkel hätte man auch vor dem Museum bleiben und dort umfangreich fündig werden können. Ich mußte also nicht nicht unbedingt in die Ausstellung, aber kurz vor dem Ausstellungsende sind wir doch noch hinein.

Nach meinem letzten Besuch der Münchner Kunsthalle („Pompeji in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung“) hatte ich über die Kunsthalle selbst nicht viel geschrieben. Mittlerweile ging es bei mir darum, daß archäologische Funde an ihren Fundort zurückkehrten und mir ist jemand aus dem ehemaligen Dorf mit dem im Blog-Eintrag erwähnten Viergötterstein eingefallen, der mir in den 1980ern Kupfernes auf dem Wohnzimmerschrank zeigte, das er für ein dann nie entstandenes Heimatmuseum gesammelt hatte.

Die Zahl der Museen muß sich in diesen Jahren in Deutschland trotzdem verdoppelt haben und ich weiß nicht, ob solche Heimatmuseumsträume heute noch groß verfolgt werden. Anderseits wäre es nicht schlecht, den Leuten solche Sammlungen oder die archäologischen Fundstücke aus der Gegend zu zeigen. Bei Todesfällen gehen häufig viele Erinnerungsstücke verloren, beispielsweise alte Fotosammlungen. Würde man aus noch vorhandenen Beständen Stücke aussuchen und damit Wechselausstellungen gestalten, würden solche Bestände aufgewertet und der eine oder die andere würde solche Sachen weniger schnell wegwerfen. Ein an dem Schema der Kunsthalle orientierter, an die lokalen Verhältnisse angepasster Raum erscheint mir für solche Zwecke besser geeignet als ein Heimatmuseum mit eigenem Sammlungsbestand.

Die Kunsthalle hat keine eigene Sammlung, sondern bietet jährlich mehrere Wechselausstellungen mit geliehenen Ausstellungsstücken an. Sie befindet sich in sehr zentraler Lage - vom Zentrum Münchens ein paar Fußminuten entfernt - hat mithin auch eine sehr gute Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel und verfügt über eine verglichen mit anderen Museen deutlich leistungsfähigere Gastronomie. Das wäre dann alles irgendwie auf die dörflichen Verhältnisse zu übertragen. Dort vielleicht statt der Gastronomie ein naher Backwarenverkauf mit Imbissmöglichkeit und viel Laufkundschaft.

Die einleitende Bemerkung über die alltägliche Täuschung sollte nicht herabsetzend gegenüber den von der Kunsthalle ausgewählten Kunstwerken verstanden werden. Die waren wahrscheinlich abgesehen von den Virtual-Reality-Stationen für kleine Museen unerreichbar. Verlustfrei vervielfältigbare Virtual-Reality-Stationen könnte man hingegen auch eine Zeitlang in einer Kleinformat-Kunsthalle aufstellen und deren Vermittlung wäre dort vielleicht sogar besser organisierbar gewesen. Die Münchner Kunsthalle hat an dem Freitag, an dem wir dort waren, etwas nach 11 Uhr angefangen den Besucherstrom zu steuern, in dem versucht wurde, den Verkauf der Eintrittskarten an die Zahl der aus der Ausstellung Kommenden anzupassen. Soweit so gut, im Falle der Pompeji-Ausstellung hätte das wohl funktioniert. Bei der „Lust der Täuschung“ gab es aber mehrere dieser genannten Virtual-Reality-Stationen und an jeder Station wieder eine eigene Warteschlange. Das wirkte auf mich dann schon wie ein ausstellungskonzeptionelles Problem. Wir haben alle VR-Stationen ausgelassen.

Die Ausstellung war im Gegensatz zu vielen archäologischen Ausstellungen nicht chronologisch aufgestellt. Im Hinblick auf die Virtual-Reality-Stationen war das ganz gut, weil sich so ihre Warteschlangen über mehrere Räume verteilten. Der Untertitel der Ausstellung „Von antiker Kunst bis zur Virtual Reality“ war auch nicht als irgendwie geartete Gegenüberstellung oder Schwerpunktsetzung zu verstehen. Es wurde zwar ein römisches Wandmalerei-Beispiel nach dem „4. Stil: Phantasiestil“ gezeigt oder das sich auf den Pygmalion-Mythos beziehende „Self-Portrait with Sculpture“ von John De Andrea. Im wesentlichen stammten die Ausstellungsstücke so wie das „Self-Portrait“ aber aus den letzten Jahrhunderten.

Täuschungen sind wie gesagt alltäglich. Es soll eine Entwicklungsstufe bei kleinen Kindern geben, ab der sie einem erzählen können, daß der hinter ihnen versteckte Bruder oder die Schwester sich gar nicht hinter ihnen befindet, sondern ganz woanders ist. Schon zuvor wissen sie, daß gemalte oder auf dem Tischtuch aufgedruckte Äpfel keine richtigen Äpfel sind. Eigene und fremde Selbsttäuschungen werden sie dann bis zum Lebensende begleiten. Heute schwer nachvollziehbare Rituale werden vielleicht geholfen haben, nicht ausschließlich dem harten Alltag verhaftet zu sein oder sich nicht immer mehr in ein schlimmes Schicksal hineinzusteigern. Und die Option diverse Stimmungsaufheller zu benützen, um dem Alltag sonnigere Aspekte abzugewinnen, möchte ich für die folgenden archäologischen Links auch noch erwähnen.

Nach der Wikipedia fand sich die römische Wandmalerei, von der in der Ausstellung ein Beispiel gezeigt wurde, „in den Wohnungen der Reichen, aber auch in kleinen Wohnbauten in der tiefsten Provinz“. Wie man dem Wikipedia-Artikel über die römische Malerei weiter entnehmen kann, hatten die Römer neben Hochzeitsgesellschaften, Hafenpanoramen und Ringern auch gemalte Nischen und Mauerdurchbrüche auf den Wänden. Einfachere Wanddekorationen konnte man schon bei den Jungsteinzeitlern nachweisen, siehe die im Eintrag „Jungsteinzeit in Karlsruhe“ erwähnten Lehmreste mit weißer Bemalung und Lehmbrüsten. Bei den steinzeitlichen Jägern kann man davon ausgehen, daß sie im Gegensatz zu uns gewohnheitsmäßige Täuscher waren, daß Täuschung zur täglichen Arbeit gehört hat. Von Marc Azéma gab es die Idee, daß sie absichtlich durch sich überlagernden Umrisse in prähistorisch Höhlenzeichnungen via Fackellicht animierte Bilder erzeugten, im Blog-Eintrag über das römische Baden-Baden hatte ich ein paar Links angegeben.

Oliver Dietrich, Laura Dietrich und Jens Notroff haben ihre Ansichten zum Kult aus Göbekli-Tepe-Perspektive unter die Überschrift „Cult as a Driving Force of Human History“ gestellt. Zum Alkohol bin ich schon früher auf ähnliche Überlegungen gestoßen. Die Sache ist heikel, weil diese Idee einerseits gern mit Augenzwinkern behandelt wird und anderseits der Missbrauch diverser Stimmungsaufheller ein großes Problem darstellt. Aber die Archäologie würde auch einen wichtigen Beitrag zur Drogen-Diskussion liefern, wenn der Gebrauch von Drogen tatsächlich schon Jahrtausende lang eine große Rolle für die menschliche Kultur gespielt hat. Die Alkohol-Überlegung stützt sich darauf, daß man erst glaubte, der frühe menschliche Getreideanbau erfolgte um das geerntete Getreide zu essen, Bier sei erst als Folgeprodukt aus übrig gebliebenen Getreide bzw. Brot entstanden. Nun stützen immer mehr Funde die Vermutung, daß die Alkoholgewinnung aus Getreide schon vor der eigentlichen Sesshaftwerdung erfolgte. Mehr dazu gibt es beim „Steinzeitbier-Projekt“ einer Arbeitsgruppe des Historischen Vereins Fürstenfeldbruck nachzulesen.

Zurück zur Kunstausstellung mit exquisiten Ausstellungsobjekten, wie etwa dem „Self-Portrait with Sculpture“ von John De Andrea von 1980. Der Pygmalion-Mythos ist zeitlos, und John de Andrea hat sich irgendwie mit seinem Werk in die Diskussion über diesen zeitlosen Mythos eingereiht. In diesen 1980er Jahren war schon einmal die Künstliche Intelligenz ein größeres Thema. Von der damals häufiger geäußerten Körper-Geist-Problematik habe ich aktuell schon lange nichts mehr gehört. Die religiöse Mutter eines Informatikers meinte damals mir gegenüber, sie glaube nicht an den Erfolg der KI, weil ab einer gewissen Stufe Geist notwendig ist und den hat eine Maschine nicht. Zur zeitlosen Frage nach dem möglichen Bewußtsein einer Künstlichen Intelligenz konnte ich Ende der 1980er einmal die sehr kurze Antwort eines vortragenden KI-Wissenschaftler miterleben, der meinte, der Fragesteller könne ja seinem KI-Programm die Antwort „Ja“ einprogrammieren, wenn jemand danach frägt, ob es Bewußtsein hat.

ELIZA war damals zumindest in diesen Kreisen bekannt, wobei aber vermutlich kaum jemand dieses Programm wirklich im Quelltext oder gar in Aktion gesehen hat. Es soll schon 1966 entwickelt worden sein und so eine Art „verstehendes Gespräch“ geführt haben. Also ich sage „ich bin traurig“ und das Programm versteht im Grunde nichts, interessiert sich auch nicht dafür was ich da genau sage, aber es dreht mir den Satz herum und frägt, warum ich traurig bin, und ich glaube dann das Programm interessiert sich für mich und halte es dann erst einmal für einen angenehmen Gesprächspartner. Ich glaube nicht an die beschriebene Leistungsfähigkeit von ELIZA 1966, kann mir aber sehr gut vorstellen, daß das Grundprinzip in gewissem Umfang funktioniert. Also man hat ein relativ dummes System, das uns durch diverse Täuschungen, auf die wir gut ansprechen, besser über diverse Klippen manöveriert. Was heute noch die angenehme Automatenstimme ist, die einen auf „Eins“ „Zwei“ oder „Drei“ am Telefon mit dem richtigen Menschen verbindet, ist morgen der sympathisch designte Krankenhaus- oder Haushaltsroboter.

Fiktional ist das über die Jahre reichhaltig begleitet worden. Zum Thema Täuschung drängt sich mir die 2016 erschienene erste Staffel der Westworld-Serie auf. Touristen können in der Serie so wie im Westworld-Film von 1973 einen mit Androiden bevölkerten Wildwest-Aufenthalt buchen. Die Menschen können mit ihren Revolvern die vom Aussehen und den Bewegungen her nicht vom Menschen unterscheidbaren Androiden erschießen, die Androiden umgekehrt den Menschen nichts anhaben, soweit alles wie gedacht funktioniert. Das „geistige“ Innenleben der Androiden wird in der Serie wesentlich komplexer als im Film von 1973 geschildert. Die Androiden sind via diversen Skalen auf ein bestimmtes Reaktionsverhalten festlegbar und können zudem durch offene Skripte gesteuert werden, in die sich andere Androiden oder menschliche Westworld-Gäste einklinken können. Die Ranchertochter Dolores etwa hat per Einstellung ein sonniges Gemüt und reitet regelmäßig nach ihrem Neuaufsetzen in die Stadt zum Einkaufen, wobei ihr beim Packen der Satteltaschen immer etwas unbeachtet herunterfällt, was dann einen anderen Androiden oder einen menschlichen Westworld-Gast zum Aufheben und zur Kontaktaufnahme animiert. Dolores hält sich derweil für ganz normal, ihr ist ihre Skript- und Skalensteuerung nicht bewußt, sie glaubt Ranchertochter zu sein und verabschiedet sich nach jedem Neuaufsetzen zum Einkauf von ihrem vor dem Haus sitzenden Vater, der im Verlauf der Serie wegen Störungen des ersten Androiden durch ein anderes, anders aussehendes Modell ersetzt wird.

Beim Neuaufsetzen werden Teile der Erinnerung gelöscht bzw. geändert. Das funktioniert bei einigen der Androiden nicht richtig, die können ungewollt auf Erinnerungssplitter aus früheren Einsätzen zugreifen. Für eine Prostituierte wird das besonders bizarr, weil sie vor ihren Prostituierten-Einsätzen eine Mutter mit Kind darstellte. Der ungebundenen Prostituierten kommen so immer Erinnerungen aus einem Überfallszenario in den Sinn, in dem sie um das Leben einer Tochter kämpft. Das aktuell einprogrammierte Androiden-Selbstbild gerät dadurch gehörig ins Wanken.

Die Westword-Staffel ist wirklich sehr fiktiv und weit von realen Möglichkeiten entfernt gebaut. Aber allein auf Basis von Software läßt sich heute schon viel erreichen. Man könnte etwa in Partnersuch-Apps gezeigte Präferenzen auswerten und damit Computerprofile generieren, die der Mensch lieber kennenlernen will als richtige Menschen. Generierte Fotos und Stimmen gehen schon, an den echt wirkenden Chatbot glaube ich noch nicht. Mit Daten wäre er aber schon bestens bestückbar. Jedenfalls wäre man verglichen mit dem Pygmalion-Mythos auf einer verfeinerten Ebene. Aus der „Lust der Täuschung“ fällt mir passend dazu nur „Young Self: Portrait of the Artist as He Was (Not)“ und „Old Self: Portrait of the Artist as He Will (Not) Be“ von Evan Penny ein. Ob die VR-Stationen noch etwas zu meinen letzten Textabschnitten boten, haben wir wie gesagt wegen den Warteschlangen nicht feststellen wollen.

Montag, 16. März 2015

„Klein, aber fein“

Gestern waren wir in „Kykladen - Frühe Kunst in der Ägäis“ in der Münchner Archäologischen Staatssammlung. Das ging mit dem Besuch nun doch ganz flott. Ich hatte erst im letzten Monat auf den Start der Kykladen-Ausstellung hingewiesen. Und vor dem Besuch hatten wir sogar schon eine Rückmeldung per Kykladen-Ansichtskarte bekommen: „Klein, aber fein“.

Archäologische Staatssammlung München

Die Bewertung trifft den Sachverhalt ganz gut. Die Spekulationen über die Bestückung der Ausstellung in meinem oben genannten Eintrag waren überhaupt nicht relevant - die Ausstellung ist verglichen mit der Karlsruher Kykladen-Ausstellung wesentlich kleiner. Dabei wurde nicht nur bei den Exponaten ausgedünnt. Der thematische Bogen ist nun wesentlich weniger breit gespannt.

Archäologische Staatssammlung München

Die griechischen Tannen für die Langboote, ihre Verwendung, ihr Aktionsradius, die Drehscheibenfunktion der Kykladen und die Ablösung durch die gesegelten Schiffe der Minoer - das spielt in der Münchner Ausstellung keine oder kaum eine Rolle. Nun gut, viel davon ist Spekulation auf Basis spärlicher Überreste. Es gab aber eine bessere Vorstellung von der Kraft und Dynamik, die hinter der Kultur steckte.

Archäologische Staatssammlung München

Ich bin in Karlsruhe bei der unbeantworteten Frage nach einem Nachwirken der Kykladen-Kultur bei Minoern und Mykenern hängengeblieben. Ich hatte dort nichts davon mitbekommen, daß sie die „Idole so aufgegriffen und in ihr Schaffen eingebaut hätten wie Pablo Picasso oder Henry Moore.“ Dieses in Karlsruhe dargestellte Aufgreifen durch die Moderne ist in München auch entfallen. Was vielleicht im Blick auf eine Profilbildung gegenüber dem nahen Haus der Kunst ein Versäumnis ist. Ich habe immer noch das Vorurteil, daß dieselbe Ausstellung unter dem Kunstetikett im Haus der Kunst mehr als 10mal soviele Besucher anziehen würde. Anderseits sind wir mit dieser Abstraktion aufgewachsen, was brauchen wir Verweise auf Picasso und Moore? Die wirklich an Kunst Interessierten werden auch so den Weg in die Archäologische Staatssammlung finden.

Archäologische Staatssammlung München

Also noch ein paar Ausstellungsstücke mehr aus der Kykladen-Kultur selbst wären nett gewesen. Platzmäßig wäre das gegangen. In den üblicherweise für Sonderausstellungen genutzten Raum hätte man noch einiges stellen können. Daneben belegt die Kykladen-Ausstellung auch noch im klassischen Dauerausstellungsbereich den geöffneten ebenerdigen Teil. Von der Dauerausstellung ist aktuell nur die Römerzeit im Keller zu sehen. („In den Abteilungen Vorgeschichte, Mittelalter und Neuzeit, der Mittelmeersammlung und Numismatik werden derzeit dringende Renovierungsarbeiten durchgeführt.“)

Archäologische Staatssammlung München

„Klein, aber fein“ - die Ausstellung ist zwar nicht groß, ist aber trotzdem sehr schön und empfehlenswert. Die schönen Exponate und ihre Beschriftungen sind gut zu erkennen und auch inklusive der schon kritisch gewesenen Gesamt- und Objektbeleuchtung angemessen repräsentiert. Und die gesparte Zeit kann man bestens nutzen, in dem man eine Pause mit einem Kaffee von der Museumskasse und einen Spaziergang im Englischen Garten mit einplant.

Archäologische Staatssammlung München

Der Eintrittspreis ist für die Ausstellung okay. Man könnte dafür noch ein paar Exponate im Sonderausstellungsraum haben wollen. Aber wenn man zum für München günstigen Kaffee in der Archäologischen Staatssammlung ein wenig isst, ist man schon im Bereich des Eintrittspreises, und so gesehen wäre ein Nachfordern bei der Ausstellung kleinlich. Die opulente Karlsruher Ausstellung war dann aber schon ein Schnäppchen dagegen. Wer damit Probleme hat, kann aktuell im „Großen Katalogsonderverkauf“ versuchen ebenfalls Schnäppchen zu ergattern. Manches davon sollte es noch zu unseren Lebzeiten im Internet deutlich besser geben. Kataloge mit vielen Seiten relativ klein und schwarz-weiß fotografierter Münzen - die kamen mir nicht in die Tüte. Und generell bin ich skeptisch was die Zukunft dieser Art der gedruckten Kataloge angeht. Wurde dann aber doch mit angeblichem Platz auf dem Regal von fünf mittelgroßen und kleineren Katalogen zu 3 Euro das Stück überzeugt.

Samstag, 8. Februar 2014

„Ötzi 2.0“ in der Archäologischen Staatssammlung

Seit gestern ist in der Münchner Archäologischen Staatssammlung die Ausstellung „Ötzi 2.0 - Neues von der Eismumie“ zu sehen.

„2.0“ oder „3.0“ zeigen als Versionsnummern eine größere Veränderung gegenüber den Vorgängerversionen an als „1.9“ oder „2.9“. Man erwartet da vielleicht schon einen Generationswechsel, was immer das dann für die Produkte bedeuten mag. Speziell die Versionsnummer „2.0“ hat durch das Schlagwort „Web 2.0“ eine große Verbreitung gefunden. Beim Web 2.0 ging das in Richtung „Mitmachweb“, veränderte Nutzung und Wahrnehmung des Internets, das war verglichen mit den sanften Generationswechseln mehr ein Paradigmenwechsel.

Bei der Ausstellung in der Archäologischen Staatssammlung darf man zwar mitmachen - man darf auf „interaktiven Modulen“ herumdrücken und einige Mikroskope stehen für eigene Untersuchungen bereit. Aber die Ergebnisse fließen natürlich nicht in die Ötzi-Forschung ein. Die „2.0“ drückt auch keinen Paradigmenwechsel aus, sondern mehr die aktuelle Generation des Wissens, das man in den zurückliegenden Jahren gewonnen hat. Die „2.0“ ist also mehr die normale Versionsnummer, deren technische Anmutung hat man gerne für die Ausstellung übernommen hat: wie schon in der Karfunkelstein- und Seide-Ausstellung vorgezeichnet, soll die Verbindung von Archäologie und Naturwissenschaften deutlich werden. Zudem gibt die Versionsnummer der Hoffnung Ausdruck, daß es weitere sensationelle Erkenntnisse und mithin irgendwann auch einen Ötzi 3.0 und einen Ötzi 4.0 geben wird.

Mit diesen Erklärungen für „Ötzi 2.0“ kommt man in der Ausstellung fast schon hin. Zu ergänzen wäre noch, daß die Münchner Ausstellung vom Südtiroler Archäologiemuseum Bozen konzipiert wurde (andere gehörte Formulierung: „kompakte Form dessen, was es in Bozen zu sehen gibt“) und daß es in Bozen zum 20. Jahrestag des Ötzifundes 2011 eine „Ötzi20“-Ausstellung gab und daß das in München verkaufte „Ötzi 2.0“-Buch von 2011 ist und von der Bozener Museumschefin Dr. Angelika Fleckinger herausgegeben wurde. Da habe ich das Nachsuchen zur Historie abgebrochen, wie die 20 mit der 2.0 zusammenhängt ist mir unbekannt geblieben.

Bozen ist der aktuelle Aufbewahrungsort von Ötzi. Die Geokoordinaten der Fundstelle von Ötzi und die Diskussionen um die Zuordnung zu Südtirol oder Österreich kann man dem Wikipedia-Artikel zu Ötzi entnehmen. Die Fundstelle ist von München aus nicht so aus der Welt. Nur mit Karte und ohne tiefere Ahnung meinerseits gesagt, wäre die Strecke für einen Ötzi auf vorhandenen Jungsteinzeitpfaden gut machbar gewesen. In das Karwendelgebirge geht es ja außerhalb der Winterzeit noch einfach, das habe ich mal in „Alpine Contrasts“ geschrieben. Von dort rüber in das Inntal und vom Inntal in das Ötztal und dann hoch zum Fundort.

Wie die Situation da oben so in etwa ausgesehen hat, also wo vielleicht die damaligen Verbindungen über die Wasserscheide verliefen und wo Ötzi in das 5000jährige Eis geraten ist, dazu hat mir im Nachhinein ein klassisches Modell gefehlt. Wäre ja nicht schlecht zu sehen, wo und wie sich der Bogenschütze anschleichen konnte, wenn Ötzi tatsächlich da oben durch einen Pfeilschuß getötet wurde. Ansonsten wird in der Ausstellung der Ötzi-Fund aber wie es zu erwarten ist in sehr sehr vielen Facetten ausgeleuchtet. Die Umstände des Fundes, die gewonnenen Erkenntnisse aus dem Fund, die Abfolge der Erkenntnisse in der Ötzi-Forschung, die orginalgetreu rekonstruierten Ausrüstungsgegenstände Ötzis, die zeitliche Einsortierung Ötzis lange nach den ersten Bauern in Mitteleuropa und vor den großen Pyramiden, das Klima, die Lebensumstände. Man kann in einem interaktiven Modul sehen, wie die einzelnen Kleidungsstücke getragen wurden. Man kann an einer Station Fell und mitgenommene Pilzarten anfassen und das unterschiedliche Gewicht und die unterschiedliche Beschaffenheit der verwendeten Holzarten feststellen. Überhaupt ist die Ausstellung sehr auf dieses Erfahren von Wissenschaft ausgerichtet. In einem vom Hauptraum abgetrennten Bereich sind die genannten Mikroskope aufgebaut und man kann sich dem Erforschen verschiedener Getreidearten, den unterschiedlichen Spuren an Zähnen oder der Untersuchung gebrochener Knochen widmen.

Der große Hauptraum der Ausstellung ist in ein Rechteck und ein an zwei der Rechteckseiten anliegendes größeres L geteilt. Diese beiden Teile sind ziemlich dunkel gehalten. Die meisten Austellungsmodule sind selbstleuchtend, also Schrift auf einer leuchtenden Fläche oder Auswahlfeld hintergrundbeleuchtet und angezeigte Kleidung ebenfalls hintergrundbeleuchtet. In dem Rechteck ist die gegenüber dem Eingang liegende Langseite mit solchen Modulen bestückt, so daß man beim Hineingehen auf ein paar helle Module zuläuft, was mit etwas Deko am Eingang an einen Gletscher denken lassen soll. Wurde mir hinterher gesagt, ich habe irgendwie nur die Module fixiert und das nicht gemerkt. In der Mitte dieses Rechtecks ist im Dunkeln eine Ötzi-Replik aufgebahrt. An der anderen Langseite ein einsamer waagrecht angebrachter Zeitstrahl - wohl in dem Fall ein Horizontal- oder Längsmodul. Der Zeitstrahl reagiert segmentweise mit seiner Beleuchtung auf Annäherung - vielleicht hätte der Zeitstrahl wegen dem dunklen Ötzi davor und den Modulen gegenüber permanent heller leuchten müssen. Etwas komisch fand ich die Aufstellung von zwei interaktiven Modulen im Übergang vom Rechteck in den L-Teil. Passend damit ich etwas zum Anschwärzen sehe, wollte vor mir ein von Dunkelheit umgebener Rollstuhlfahrer durchgeschoben werden, während vor den beiden hellen Modulen jeweils Leute standen. In beiden Raumteilen hätte es noch genug Platz an dunklen Wänden gegeben.

Verständlicherweise - man braucht ja noch das Forschungsmaterial für Ötzi 3.0 und 4.0 - ist von der Ötzi-Ausrüstung in der Ausstellung fast nichts im Orginal zu sehen. Nur ein Ahornblatt tief unter Glas, das Ötzi für das Einwickeln von Glut verwendet hat. Und „eine Life-webcam ist direkt mit der Kühlkammer“ des originalen Ötzi „in Bozen verbunden“. Ich habe nichts erkennen können, was ich aber auch nicht schlimm gefunden habe.

Ötzi-Fans müssen natürlich in die Ausstellung, wenn sie nicht lieber gleich nach Bozen fahren. Die Münchner Ausstellung ist nicht als Ersatz, sondern als Werbung für das Südtiroler Archäologische Museum gedacht. Leute mit Forscherdrang dürfen sich an mehreren Stationen endlich einmal selbst mit der Altersbestimmung aus Schädeln und ähnlichem beschäftigen. Eltern mit entsprechend interessierten Kindern sollten Zeit einplanen. Vielleicht wären da auch die angebotenen „Workshops für Erwachsene und Kinder“ eine nette Idee. Außer wegen den Veranstaltungen zur Ötzi-Ausstellung empfiehlt sich auch wegen der Möglichkeit einer Kombination mit der kommenden Sonderausstellung „Die Mumie aus der Inkazeit“ ein Blick auf die Museumswebsite. Diese Ausstellung soll ab 28. Februar in der Archäologischen Staatssammlung starten und dann wie die Ötzi-Ausstellung bis zum 31. August dauern.

Samstag, 11. Januar 2014

„Imperium der Götter“ in Karlsruhe

Im Badischen Landesmuseum im Karlsruher Schloss ist derzeit die Ausstellung „Imperium der Götter: Isis – Mithras – Christus. Kulte und Religionen im Römischen Reich“ zu sehen. Mit manchen Ausstellungstiteln ist es schon ein Kreuz - die zuletzt besuchte Ausstellung „Pompeji — Leben auf dem Vulkan“ zeigt auch viele Ausstellungsstücke aus der Region um Pompeji herum. Und ob diese Ausstellung das Leben auf dem Vulkan wiedergibt? Der Karlsruher Titel ist, richtig gelesen, genauer: „Imperium der Götter“ - das „Imperium“ bezieht sich auf das römische Reich. „Isis – Mithras – Christus“ - sind Schwerpunkte der Ausstellung. Und das waren „Kulte und Religionen im Römischen Reich“. Es geht nicht um alle Kulte im römischen Reich.

Begrüßt wird man noch von Jupiter und seiner engeren Göttergefolgschaft. Der römische Olymp — die römischen Götter waren schon lange an die griechischen angepasst — ist mit kleinen Götterfiguren illustriert, zwei davon aus dem Schatzfund aus Weißenburg, und man wird ein wenig in das religiöse Leben der Römer eingeführt. Via Bacchus geht es zu den Schwerpunkten, den „sogenannten orientalischen Kulten“ Mithras, Isis, Mater Magna/Kybele und Jupiter Dolichenus und danach zu den den „östlichen Religionen“ Judentum und Christentum. Die Ausstellungsflächen sind ungleich verteilt. Von Jupiter Dolichenus und dem Judentum ist weniger zu sehen, Mithras, Isis und Kybele kommen sehr gut weg.

Die Ausstellung ist teilweise eng gestellt. Man sieht sich zahlreichen kleinen und größeren Götterfiguren gegenüber. Es gibt überraschend viele kleine Tempelmodelle, und dazu noch zwei begehbare 1:1-Rekonstruktionen - die Katakombe der Heiligen Marcellinus und Petrus und das Mithräum von S. Maria Capua Vetere. In diese opulent ausgestattete Ausstellung sollte man viel Zeit mitnehmen oder einen zweiten Besuch miteinplanen.

Ausstellung 'Imperium der Götter: Isis – Mithras – Christus' im Karlsruher Schloss

Um die Ausstattung mal am Beispiel Mithras zu veranschaulichen: Karlsruhe ist mit diesem Gott sowieso schon bestens versorgt. Nun kommen auch noch die Leihgaben hinzu. Fotos von einfarbigen Mithras-Reliefen in Standarddarstellung hat man vielleicht so ungefähr im Kopf. In Karlsruhe gibt es jetzt ein drehbares Relief und eines aus Rom mit gut erkennbaren Farbresten und umfangreicherem Bildprogramm. Es gibt die regionalen Bezüge, auf die Mithräen im nahen Güglingen wird ausführlich eingegangen. Dazu gibt es ein kleines Tempelmodell und noch die erwähnte begehbare Rekonstruktion.

Blick vom Karlsruher Schloss in Richtung Stadtzentrum mit den Türmen von Rathaus und Stadtkirche

Anhand des hochrangigen Bestands des Landesmuseums habe ich schon mal das Problem „Dauer- versus Sonderausstellung“ beschrieben. Da war ich im dauerausgestellten Mithräum unten im Keller ganz allein und zwei Stock obendrüber war die Imperium-Romanum-Ausstellung proppevoll. Nun sieht man bei einem Mithras in der Sonderausstellung wohl auch ein Problem und es gibt dort tatsächlich zwei Hinweise auf die Dauerausstellung. Ich zweifle ob es hilft. Ich habe es nicht kontrollieren können. Ich habe mich vor dem Schloss mit meinem Freund aus der Schulzeit Wintersonne getroffen und bin gleich mit ihm in die Sonderausstellung und nach dem Schlosscafé war es kurz vor Museumsschluß.

Ausstellung 'Imperium der Götter: Isis – Mithras – Christus' im Karlsruher Schloss

Mithras kommt mit seinen Reliefen vielleicht nicht so facettenreich rüber. Demgegenüber kann man in der Wikipedia von mehreren Jupiter-Ausprägungen lesen, die teilweise ihre eigenen Tempel hatten, nebeneinander existierten und vermutlich ihre eigenen Verehrungskonjunkturen hatten. Also man sieht sich nicht nur zahllosen Göttern gegenüber, es gibt von den Göttern auch unterschiedliche Ausprägungen, die je nach Bedarf hervorgehoben und verehrt wurden.

Wie man in Karlsruhe sehen kann, ist Isis ein Beispiel für diese Ausprägungen. Ich hatte im Eintrag über das neue Münchner Ägyptische Museum von einer Führung und meinen Notizen berichtet: Serapis, „eine Art Retortengott der Ptolemäer mit Rauschebart“. Und „Die Ikonografie von Isis + Horus geht nahtlos auf Maria + Jesus über.“ Man kann das in der Karlsruher Ausstellung nachvollziehen. Aber es gibt die Isis auch in anderen, von Maria deutlich unterschiedenen Darstellungsformen.

Ausstellung 'Imperium der Götter: Isis – Mithras – Christus' im Karlsruher Schloss

Wie erwähnt ist die Ausstellung mittels dieser einzelnen Götter/Religionen strukturiert. Diese Teile stehen in der Ausstellung ohne Querbezüge nebeneinander, also man weist bei Isis nicht auf die oben genannten Übernahmen hin. Die Ausnahme ist etwas der Ausstellungsteil zum Christentum, zu dem etwa die von den anderen Kulten übernommenen Feiertage angegeben werden. Querbezüge zwischen den Kulten/Religionen wie die oben angesprochene Ikonografie oder vielleicht die Ausgestaltung einzelner Ausprägungen der Götter dürften aber auch eher normal als ungewöhnlich gewesen sein und damit so zahlreich, daß sie in der Ausstellung nicht eigens angesprochen werden konnten. In dem Zusammenhang ist zu beachten, daß etwa der römische Mithras wegen den zahlreichen Unterschieden zur persischen Vorlage als römische Neuschöpfung gilt. Bei den anderen „orientalischen Kulten“ werden die Einflüsse im Imperium ebenfalls nachhaltig gewesen sein und sie entsprechend zahlreiche Querbezüge aufweisen. Spätestens hier ergibt sich die Frage, wie es derweil den römisch/griechischen Göttern ergangen ist? Auf die Kulte von Demeter und Dionysos-Bacchus als wichtigsten Mysterienkulten der Antike wird kurz hingewiesen, aber unter den Hauptthemen waren sie in dieser Ausstellung nicht.

Ausstellung 'Imperium der Götter: Isis – Mithras – Christus' im Karlsruher Schloss

Also eine sehr opulente Ausstellung, bei der man sicher auf seine Kosten kommt, aber die man bei dieser Göttervielfalt auch mit ihren zwangsläufigen Beschränkungen sehen muß. Es gibt zahlreiche Ausstellungsstücke, von denen man sich regelrecht losreißen muß (hinsichtlich der Marmorskulptur aus dem Isis-Tempel in Pompeji hoffe ich auf 3D-Modelle und -Drucker). Und der Eintrittspreis ist nicht hoch. Vollzahler 8 Euro, mit Bahncard bin ich — die Götter wissen warum — sogar für 6 Euro reingekommen.

Freitag, 2. September 2011

kelten römer museum manching

Nach dem Besuch von Oberstimm, der „Kulisse des Osttores“ und dem ehemaligen Osttor des Oppidums Manching sind wir weiter in das „kelten römer museum manching“.

kelten römer museum manching

Bevor ich mehr zum Museum schreibe, will ich auf den Eintrag zum Oppidum Manching zurückverweisen. Stephan Gröschler hat einen längeren Kommentar mit ergänzenden Informationen zur aktuellen Situation verfasst, außerdem gibt es jetzt in seinem Blog eine dreiteilige Serie über das Oppidum Manching, hier der Start mit dem Titel „Die Kelten und das Oppidum Manching“.

Ich bin nur auf die aktuelle Situation aus der Sicht des ferner wohnenden Archäologie-Touristen eingegangen, dem auf dem Wall ein Firmenzaun den weiteren Weg versperrt und der darüber rätselt, was auf der Strecke von der „Kulisse des Osttores“ zum ehemaligen Osttor bei soviel Firmengelände zugänglich ist. Ab dem ehemaligen Osttor kommt dann der „Militärischen Sicherheitsbereich“, wo es nicht mehr weitergeht. Stephan hat die Situation mit seinem letzten Kommentar-Abschnitt ja glänzend illustriert. Man denke jetzt im Vergleich zu den Manchinger Gegebenheiten an den Rundwanderweg, der bei der Heuneburg das Freilichtmuseum, die großen Grabhügel und das Museum in Hundersingen verbindet.

kelten römer museum manching

Zum Museum: das ähnelt in der Struktur etwas dem Keltenmuseum Hochdorf. Es gibt die Räume für die Ausstellung, einen Filmsaal und verschiedene Rekonstruktionen im Außenbereich. Allerdings hat Manching wesentlich mehr Ausstellungsfläche im Museum, während der Freilichtbereich in Manching ein wenig hinten runterfällt. Er ist im Gegensatz zu Hochdorf zwar frei zugänglich, liegt aber etwas im Schatten der Zugänge zum Museum. Zudem sind es kleinere Teilrekonstruktionen, während Hochdorf komplette Häuser und einen Garten zu bieten hat.

Das Manchinger Museum hat ein großes Foyer, von dem ich beim ersten Besuch wegen der ungenutzten Fläche dachte, da wird noch irgend etwas eingebaut. Das Foyer erinnert aber auch an die Archäologische Staatssammlung München, deren Zweigmuseum das Manchinger Museum ist. Dort wird das Foyer bei besonderen Veranstaltungen genutzt, etwa zum Legionärsaufmarsch bei der letztjährigen langen Münchner Museumsnacht, und für manche Veranstaltungen auch bestuhlt.



Das große Foyer ist für Shop-Interessierte etwas tückisch. Der Shop zieht sich etwas hin, von der Auslage an der Theke um die Kasse über einen Buchständer bis über die Foyerwand zur Dauerausstellung, in der weitere Bücher und interessante kleine Repliken untergebracht sind. Da muß man schön alles absuchen. Außerdem gab es vorletzten Sonntag noch einen Tisch mit ausgelegter Literatur, etwa den Mitteilungen der Freunde der Bayerischen Vor- und Frühgeschichte Nr. 130 für 1,80 Euro mit einem Text des Museumsleiters Dr. Wolfgang David zur aktuellen Sonderausstellung „Aenigma - der rätselhafte Code der Bronzezeit. "Brotlaibidole" als Medium europäischer Kommunikation vor mehr als 3500 Jahren.“.

In meinem Hinweis auf die Ausstellung („Rätselhafte Täfelchen in Manching“) gibt es noch einen funktionierenden Link zu einem längeren Interview mit Dr. Wolfgang David zur Ausstellung. Die Mitteilungsblätter der Vor- und Frühgeschichtsfreunde sind normalerweise auf der Website der Archäologischen Staatssammlung eingestellt, hier weiter zum Menüpunkt „Mitteilungsblatt“. Dieses Mitteilungsblatt Nr. 130 ist allerdings noch nicht da, ich hoffe das kommt noch.

Als kleine Besonderheit gab es eine Liste, mittels der man den Katalog zur Ausstellung bestellen konnte. Erscheinungsdatum soll Ende September / Anfang Oktober sein. Die Ausstellung begann am 27.5. und geht noch bis zum 13.11.2011, das Mitteilungsblatt Nr. 130 ist „vom 10. August 2011“. Dazu noch der Aspekt, daß diese „Brotlaibidole“ erstmals im Mittelpunkt einer Sonderausstellung stehen, also vielleicht nicht so die publikumswirksamen oder wissenschaftlichen Knaller sind. Vielleicht hätte man da einmal die gewohnten Pfade verlassen und die Buch- und den Mitteilungsartikel zeitnah in das Internet einstellen können.

Rekonstruktion eines Schöpfbrunnens beim kelten römer museum manching

Die Aenigma-Ausstellung ist in einem eigenen Raum gegenüber dem Eingang zur Dauerausstellung untergebracht. Unterhalb des Foyers und des Kelten-Teils der Dauerausstellung ist ein größerer, für den Normalbesucher nicht vorgesehener Museumsbereich, in dem die Fachleute arbeiten können.

Die Aenigma-Ausstellung wird über die Rätselhaftigkeit verkauft (enigmatisch = rätselhaft, „rätselhafter Code der Bronzezeit“) - ich habe nicht so sonderlich vorab über dieses Rätsel nachgedacht. In der Ausstellung war das dann anders. Sie ist so aufgebaut, daß die aus unterschiedlichen Ecken Europas zusammengetragenen Brotlaibidole zusammen mit örtlichen Begleitfunden präsentiert werden. Dazu jeweils Informationen über den Fundort mit Fotos, Zeichnungen, Karte. Sehr schön gemacht. Was mich besonders beeindruckt hat und auch miträtseln ließ, waren die räumlich weit verbreiteten Brotlaibidole mit Einschnitten in genau gleichen Abständen und gleichartigen Vertiefungen bei den Einschnitten. Das sah wie ein Hilfsmittel aus, mit dem man etwas Fortlaufendes markieren kann. Allerdings weichen viele der anderen Brotlaibidole von dem Schema ab, haben etwa nicht die Vertiefungen. Vielleicht wurden bei ihnen keine Markierungsstöpsel verwendet, sondern eine Markierungsschnur? Andere unterscheiden sich noch mehr. Waren es spezialisierte Varianten? Oder es gab verschiedene Typen für unterschiedliche Ereignisse?

Baustelle eines Keltenhauses mit unterschiedlichen Bautechniken beim kelten römer museum manching

Zur Dauerausstellung will ich jetzt nicht mehr soviel sagen. Von meiner Seite nur noch der Hinweis, daß die Dauerausstellung klimatisiert ist - das war an dem schwülwarmen vorletzten Sonntag ganz gut. Außerdem sollte man den Audio-Guide mitnehmen, er wurde uns von der freundlichen Dame an der Kasse nachdrücklich empfohlen („kostet auch nichts“). Ich kannte das System nicht, es ist relativ klein, schön gestylt, und um die nächste Portion zu hören peilt man damit den Sensor in der nächsten Vitrine an.

Was in der Dauerstellung geboten wird, darüber gibt Museumswebsite Auskunft, ich verlinke auf die Seite zur Aenigma-Ausstellung. Außerdem gibt es verschiedene Besuchsberichte im Netz, bspw. den in den „Wegen zu den Kelten“ verlinkten Bericht von Reinhold in seinem Blog Taxi München. Beim aktuellen Surfen habe ich diesen Bericht gefunden. Ist zwar älter, aber man kann sich neben dem Manchinger Museum und dem Museumsleiter Dr. David auch Augsburger Bilder ansehen (Links zu Augsburg-Infomaterial gab es in „Museum, Mercateum, Mithräum Königsbrunn“).

Weiter gibt es ein Video mit Birgit Jaeckel über ihr Buch „Die Druidin“. Im Video sind neben Aufnahmen aus dem ehemaligen Oppidum bei Kehlheim Alkimoennis auch die "Kulisse des Osttores" und Szenen aus dem Manchinger Museum zu sehen.

Aufbau einer gallischen Mauer (murus gallicus) beim kelten römer museum manching. Der Wall des Oppidums Manching war in der ersten Ausbaustufe ein murus gallicus.

Mit dem „historischen Buch“ von Birgit Jaeckel will ich das Thema „kelten römer museum manching“ in diesem Blog-Eintrag beenden und überleiten zu historischen Büchern. Zunächst zu Stefan Nowicki, dessen "Kreuzfahrerin" nächste Woche in die Buchhandlungen kommen soll. Nach der Kurzbeschreibung startet das Werk zwar im Jahr 1096 und liegt damit außerhalb meines üblichen Zeitbereichs, aber Stefan Nowicki wohnt in Landsberg am Lech, da lassen wir die Nachbarschaft zu München für die Erwähnung den Ausschlag geben.

Beim Autorenkreis Quo Vadis steht die diesjährige Historica vom 11.-13. November 2011 in Singen mit öffentlichen Lesungen bevor. Die Gefahr ist gering, daß ich wieder wie letztes Jahr zur Historica 2010 in Karlsruhe-Durlach nach einem Hinweis im letzten Abschnitt Fotos aufstöbere und einen eigenen Blog-Eintrag dazu mache. Zwar habe ich vor mehr als 20 Jahren vom Hohentwiel herunter fotografiert, aber mit einem Dia-Film. Und ich glaube das war der Film, der nach dem Wegschicken zum Entwickeln nie wieder aufgetaucht ist. Heute hat man solche Probleme nicht mehr, nur Speicherkartenfehler, wie am Ende meiner ersten Tour auf den Michaelsberg...

Donnerstag, 31. März 2011

Jungsteinzeit in Karlsruhe

Bis zum 15. Mai 2011 kann im Badischen Landesmuseum im Karlsruher Schloss noch die Ausstellung „Jungsteinzeit im Umbruch - Die "Michelsberger Kultur" und Mitteleuropa vor 6000 Jahren“ besichtigt werden. Das Thema ist abweichend von den letztjährigen Ausstellungen über die Vandalen oder über die „dunklen Jahrhunderte“ Griechenlands sehr nahe liegend - der für die Michelsberger Kultur namensgebende Michaelsberg beim Bruchsaler Stadtteil Untergrombach ist nur wenige Kilometer entfernt.

Dennoch wurde kein lokales Thema daraus gemacht - wenn auch der Besucher zunächst durch einen rekonstruierten Erdwerks-Eingang läuft und hier die lokalen Funde von den Erdwerken bei Bruchsal und bei Bruchsal-Untergrombach die Hauptrolle spielen. Zum einen war der Michaelsberg namensgebend für eine großräumige Kultur. Das vor allem deshalb, weil hier schon früh archäologische Untersuchungen stattfanden. Zum anderen ist die Fundsituation auf dem üblichen Boden („Mineralboden“) nicht so gut wie in den Feuchtbodensiedlungen im Voralpenland, wo sich auch Bauhölzer, Holzgeräte und Pflanzenfasern erhalten haben, so daß die Ausstellung Exponate dieser Nachbarkulturen nutzt, um die jungsteinzeitliche Ausstattung umfassender darstellen zu können. Und schließlich waren diese Kulturen europäisch vernetzt, was in der Ausstellung durch Metallfunde und Jadeit-Beile dargestellt wird.

Das meiste aus der Michelsberger Kultur mag verloren sein. Aber bei dem wenigen, das gefunden wurde, scheint nach einer Karte mit Fundmarkierungen die Gegend bei Bruchsal und besonders die von Heilbronn vergleichsweise ergiebig gewesen zu sein. In dem Sinne finde ich es ganz gut, daß es derzeit außer in Karlsruhe auch im nahen Güglingen und in Heilbronn Steinzeitausstellungen gibt. In Güglingen ist „Älteste Spuren: Die Alt- und Mittelsteinzeit im Heilbronner Land“ bis zum 17.07.2011 und in Heilbronn „Steinzeit-Großbaustellen. Befestigte Siedlungen im Heilbronner Land“ noch bis 22.05.2011 zu sehen.

Rückseite Karlsruher Schloss

Beim Durchblättern des umfangreichen Prospekts (20 Seiten) zur Karlsruher Sonderausstellung sehe ich als einzigen Hinweis auf die beiden anderen Ausstellungen nur das ermäßigte Kombiangebot zusammen mit der Heilbronner Austellung auf der letzten Seite.

Aber was soll man zu diesen fehlenden Informationen sagen, wenn selbst der Hinweis auf die eigenen sehenswerten Stücke in der Dauerausstellung unterlassen wird? Ich hatte das Thema schon im Blog-Eintrag „Dauer- versus Sonderausstellung“. In Karlsruhe gehe ich immer noch im Mithräum im Keller vorbei, wo selbst bei gut besuchten römerlastigen Sonderausstellungen sonst niemand zu finden ist.

Im Falle der Jungsteinzeit-Ausstellung bin ich noch in den Jungsteinzeit-Bereich der Dauerausstellung, ebenfalls im Keller des Westflügels. Abgesehen von den Exponaten in der Michelsberger Vitrine schien nichts zu fehlen. Besonders sehenswert die dort aufgestellten Rekonstruktionen: ein Webstuhl, zwar mit bronzezeitlichem Vorbild, aber das Grundkonzept in der Jungsteinzeit könnte aufgrund von aufgefundenen tönernen Webgewichten ähnlich gewesen sein. Dann zwei steinzeitliche Geräte, die man sogar selbst bedienen darf: eine „Pendelsäge“ zum Sägen und eine „Bohrmaschine“ zum Durchbohren von Steinen.

Oben in der Sonderausstellung fragt man sich, wie die damals die Löcher in die Steinbeile gekriegt haben. Und unten in der Dauerausstellung sieht man eine verblüffend einfache Lösung: ein hohler Holunderstab wird mit einem Holzbogen hin und her bewegt, und wenn zwischen Holzröhre und Stein Quarzsand geschüttet wird, dann reicht die Reibung zum Bohren aus. Ich war allein mit der Aufsichtsdame und habe sie gefragt, ob viele von der Sonderausstellung oben herunterkommen. Sie hat gemeint, es kämen oft Schulklassen mit ihren Lehrern.

Die Sonderausstellung oben fand ich ganz gut. Wenn es auch damit haperte, das Gefühl für den „Umbruch“ zu bekommen. Es sind so riesig lange Zeiträume. Dann und wann kommt etwas neues dazu - Rad, Metalle - wobei das für mich mehr als graduelle Veränderung rüberkam. Vernetzung und Handel muß es ja schon vorher gegeben haben, Boote als Transportmittel standen schon zu Verfügung und sind nach Schätzungen zu den Verhältnissen in der Römerzeit mit besseren Wägen und Straßen wesentlich ökonomischer als der Landtransport. Wie brachte da das Rad einen Umbruch? Die große abrupte Veränderung wurde für mich nicht sichtbar.

Jungsteinzeit im Umbruch im Badischen Landesmuseum

Und die Fundverteilung der Metalle hat ihren Schwerpunkt in den Gebieten östlich/südöstlich des heutigen Deutschlands. Etwa das Stiergespann aus Kupfer aus Bytyn oder eine vorgestellte Goldscheibe aus Transdanubien. Eine „Kupferzeit“ ist als Epochenbegriff für diese Länder wirklich relevant, während sich der Begriff für unsere Gebiete nicht durchsetzen konnte. Vermutlich weil in dieser Zeit vorrangig nur importiert wurde und es nicht zu einer Übernahme der ganzen Technologie kam? (Im Keller gibt es übrigens beim Übergang in die Bronzezeit auch eine Skizze eines Kupferbergwerks).

Die ungenügende Fundsituation habe ich schon angesprochen. Das geht so weit, daß in der Literatur gewarnt wird den Begriff „Kultur“ zu wörtlich zu nehmen, weil die zeitliche und räumliche Zuordnung der Funde zu Gruppen vorrangig auf Basis der Keramik erfolgt und darüber hinaus sehr wenig von dem bekannt ist, was normalerweise eine Kultur ausmacht.

Im Falle der Michelsberger Kultur ist anscheinend weitgehend ungeklärt, welche Rolle die charakteristischen Erdwerke eigentlich spielen. Man möge auf der in meinem Blog-Eintrag über die Erdwerke im Braunschweiger Land angegebenen Projekt-Website dazu stöbern (daneben finden sich dort noch weitere weiterführende Links). Die Funde lassen daran zweifeln, daß es sich bei den Erdwerken um Verteidigungsanlagen handelte. Aber was war es dann, Kultort, Viehpferch, ...?

Und wie wurde der Lebensunterhalt gesichert? Bei Bruchsal habe ich immer „gute Böden“ und uraltes menschliches Siedlungsgebiet im Kopf. In der Ausstellung gibt es die Angabe, daß Auerochsen die wichtigsten Jagdtiere waren und vermutlich 20-30 % des Fleischbedarfs gedeckt haben. Also eine Ackerbau-Kultur mit etwas Jagd und Haustierhaltung nebenher? Anderseits wird im „allgemeineren“ Teil der Ausstellung die Brandrodung thematisiert, mit der weniger begünstigte Böden zum Preis eines hohen Landverbrauchs für kurze Zeit fruchtbar gemacht werden konnte. Ein Artikel im Katalog (24,90 Euro, Primus-Verlag) beschreibt darüber hinaus eine Nutzung mit Viehherden, bei der man großflächig Wälder abholzte und das Laub bestimmter Baumarten als Viehfutter verwendete.

Es wäre ganz nett, wenn man solche Aussagen, wenn sie einigermaßen belastbar sind, als Basis in eine geeignete Software eingeben könnte, die dann in der Landschaft mit Zeitschieber Äcker und Weideland generiert. Und darauf aufbauend könnten die Experten vielleicht noch verschiedene Theorien abbilden und so verschiedene Alternativen visualisieren, und die Laien könnten alles im Zusammenhang sehen und zuhause die Alternativen durchklicken. Ich glaube fest daran, daß so etwas irgendwann kommt und für alle Beteiligten zum Verständnis der Welt hilfreich sein wird.

Badisches Landesmuseum im Karlsruher Schloss

In Karlsruhe gibt es so etwas noch nicht zu sehen. Dort gelangt man nach dem rekonstruierten Erdwerks-Eingang zu einem Erdwerks-Modell, um das sich herum Vitrinen mit Keramik und Knochen befinden. Die Knochen sind befremdlich und regen wie Herxheim grausliche Phantasien an: ein abgetrennter Vorderschädel einer jungen Frau, möglicherweise als Gesichtsmaske verwendet. Menschliche Knochen mit Tierverbiss, ein Knochen nach Tierverbiss bearbeitet, also möglicherweise nachdem er durch einen Hund in die Siedlung geschleppt wurde. Und das bei sehr wenigen Funden von menschlichen Überresten im Verhältnis zur geschätzten Bevölkerungszahl.

Auf der Projektseite zu den Erdwerken im Braunschweiger Land ist der Gedanke zu finden, daß möglicherweise unterwegs bei Weidezügen Gestorbene später zu den Erdwerken gebracht wurden. So im Sinne Kultort hat Herxheim eine überregionale Bedeutung gehabt, dessen vermuteter großer Einzugsbereich sich nicht mit Weidezügen erklären läßt. Herxheim liegt Bruchsal räumlich sehr nahe, die ausgegrabenen Knochen dort kamen aber mehrere Jahrhunderte zuvor in die Gruben. Was heißt das nun wieder? War der heute grauslich wirkende Umgang mit den Toten über Jahrtausende normal? Anderseits, wie „normal“ würden wir auf die Jungsteinzeitler wirken? Die konnten vermutlich schneller ein Tier auseinandernehmen als wir heutzutage ein technisches Gerät und wußten auch noch, wie die jeweiligen Teile schmecken. Wir finden davon das meiste eklig und zimpern bei jeder Gelegenheit herum, wollen aber trotzdem gern leckere Steaks essen.

Der Michelberger Teil geht in der Ausstellung mit den Gefäßen anderer Kulturen zu Funden aus den Feuchtbodensiedlungen über. Vormals hießen die Pfahlbausiedlungen, das ist aber jetzt nach Ausstellung out. Wie schon oben gesagt, haben die Feuchtbodensiedlungen den Vorteil, daß mehr erhalten bleibt. Der folgende Ausstellungsteil wäre also verallgemeinernd zu sehen - so oder so ähnlich kann es auch bei den anderen Jungsteinzeitlern ausgesehen haben: ein Nachbau einer Hauswand auf Basis von am Bodensee gefundenen Lehmresten mit weißer Bemalung und Lehmbrüsten aus der älteren Pfyner Kultur zeigt, daß die Leute nicht mit kahlen Wänden gelebt haben. Mit den Funden kann man auf Bastkleidung und Flechtschuhe und Schmuck aus Bären- Eber- und Hundezähnen rückschließen. Es gibt Sichelklingen, Schaber, Messer, einen Furchenstock, Beilholme, Hacken, Steinbeile und Beispiele für die vielseitige Verwendbarkeit von Hirschgeweih und Birkenrinde zu sehen.

Die bayerischen Leser seien hier auf einen im Blog-Eintrag über die Roseninsel verlinkten Artikel der Augsburger Allgemeinen von 2009 hingewiesen. Die dort erwähnte starke Stellung des Bodenseeraums bei den Funden drückt sich auch in der Karlsruher Ausstellung aus. Aber der Artikel gibt Hoffnung: „Die Fundstätten in Bayern sind noch am wenigsten erkundet.“

Umbau Mittelparterre Schlossplatz Karlsruhe

Die Steinbeile leiten in der Ausstellung zum letzten Abschnitt über, zu dem sind bei mir die Stichworte Vernetzung und Prestigegüter hängengeblieben. Das Rad steht für die zunehmende Vernetzung. Die zunehmende Vernetzung und die Herrschaft über die Verteilungswege könnte eine Hierarchisierung gefördert haben, was sich durch Funde von Prestigegütern ausdrückt. Also beispielsweise durch aufwendige Steinbeile, die niemals für einen praktischen Zweck eingesetzt wurden. Oder durch Beile aus Jadeit, die extrem aufwendig in der Herstellung und kaum für eine praktische Anwendung geeignet waren und zudem weitverzweigte Handelswege belegen. Denn es gibt nur die italienischen Westalpen als Materialquelle, die Beile wurden aber in einem großen europäischen Gebiet gefunden.

Ähnlich der Metallschmuck. Die Kupferstiere habe ich erwähnt. Seltener war Gold, noch seltener Silber. Die Ausstellung zeigt eine Auswahl von uralten Goldbuckelscheiben und Kupferspiralen. Wieder gibt es eine weite europäische Verteilung der Funde, nur ist die Fundverteilung dieses Mal nicht von den Westalpen, sondern von den metallurgisch führenden Ländern östlich/südöstlich des heutigen Deutschland ausgehend.

Wie ich oben schon geschrieben habe, fand ich die Sonderausstellung ganz gut. Ich glaube, da spielt ein Gefühl der Befriedigung hinein - die Ausstellung mußte bei der lokalen Bedeutung einfach kommen. Das Gefühl erklärt sich, wenn man die zahlreichen hochrangigen Exponate der Sonderausstellung mit den doch eher dürftigen Möglichkeiten der Dauerausstellung vergleicht. Wegen der Rätselhaftigkeit dieser Jungsteinzeit-Welt mag ich es kaum schreiben, aber ich glaube schon, daß sie mit der Ausstellung ein wenig fassbarer geworden ist.

Wer die Ausstellung ebenfalls besuchen will, mag sich zuvor den Podcast zur Ausstellung und das Veranstaltungsangebot ansehen. Am besten hangeln Sie sich auf der Website des Landesmuseums zum erwähnten Prospekt (= Flyer) durch, dort ist auch das Museumsfest „Baden in der Jungsteinzeit - Baden heute“ vom 13. bis 15. Mai 2011 drin. Bei den „Events“ auf der Website sehe ich das Museumsfest jetzt nicht.

Zu den Bildern: die letzten Male haben wir/ich auf dem Weg in das Landesmuseum hinter dem Schloss bei der Majolika geparkt. Wer als Ortsunkundiger die Majolika gefunden hat, findet auch zum Schloss. Und zurück geht es entlang der Fliesen im ersten Bild. Was hinter dem Schloß stattfand weiß ich nicht, normalerweise sieht der Rasen schön ordentlich aus. Wer neben den Parkplatzgebühren auch den Eintritt in die Sonderausstellung sparen will, der könnte versuchen in das Schlosscafé links vom Turm zu gehen und von dort in die Ausstellung herüberzuwechseln. Ich bin brav um das Schloß herum gelaufen und habe die 8 Euro Eintritt bezahlt. Der Platz vor dem Schloß wird derzeit umgestaltet.

Montag, 10. Mai 2010

Manchinger La-Tène-Ausstellung und weitere Links für Keltenfreunde

Simon Kahnert hat die Manchinger La-Tène-Sonderausstellung besucht und seinen Bericht in das Forum von Hassia Celtica eingestellt.

Sein Schlußsatz „Wer eine lange Anfahrt nach Manching hat, der sollte überlegen, ob er nicht lieber direkt in die Schweiz fährt“ sollte die näher Wohnenden nicht entmutigen. Erstens ist deren Anfahrt ja kurz, zweitens berichtet Simon Kahnert wohl vorrangig einem Publikum, das schon sehr sehr viel keltisches gesehen hat, drittens gibt es im Museum noch die Dauerausstellung und draußen muß an den Wallresten des Oppidums spazieren gegangen werden, das reicht für eine schöne Tagestour.

Hohmichele bei Hundersingen / der Heuneburg

Aber stressen muß man sich für die versprochenen „überraschenden Ergebnisse neuester wissenschaftlicher Untersuchungen“ anscheinend nicht: „Was die Brücke von Latène wirklich war bleibt weiterhin Spekulation“ meint Simon Kahnert.

Auf seinen Bericht bin ich via Twitter gestoßen. Dort gibt es weitere Links von ihm auf Forumseinträge zu aktuellen Medienberichten, auf Bilder vom 3. Keltentag am Dürrnberg, und auf seine ganz aktuellen nicht-keltischen Fotos aus Masada.

Hohmichele bei Hundersingen / der Heuneburg

Wer an den Kelten dran bleiben will, für den empfiehlt es sich noch eine Weile bei Hassia Celtica herumzustöbern. La Tène und Hallstatt etwas auseinandergefieselt habe ich in meinem Ausstellungshinweis im Februar. Was es in Manching sonst so zu sehen ist, das entnehme man auch meinem Blogeintrag „Wege zu den Kelten“. Und meine heutigen Fotos stammen vom Hohmichele nahe der Heuneburg.

Mittwoch, 10. März 2010

Bayerische Leistungsschau

Ende Januar 2010 wurde die Sonderausstellung „Karfunkelstein und Seide - Neue Schätze aus Bayerns Frühzeit“ in der Archäologischen Staatsammlung München eröffnet. Wie schon in meinem Ausstellungshinweis geschrieben, basiert die Ausstellung auf im nahe München gelegenen Unterhaching entdeckten Gräbern aus der Zeit zwischen den Jahren 480 bis 520 n. Chr.

Über diesen Teil der bayerischen Geschichte nach Ende des weströmischen Reiches und vor der ersten Erwähnung der Bajuwaren ist wenig bekannt. Man hätte wohl eher mit Zeichen von Chaos und Entvölkerung gerechnet als mit so gut ausgestatteten Gräbern. Noch dazu im Hachinger Tal und nicht im Umfeld befestigter Städte wie Augsburg und Regensburg. Insofern erklärt sich auch der hohe archäologische Wert der Funde.

Die „gute Ausstattung“ ist im Vergleich mit den anderen Gräbern dieser Zeit zu sehen. Der Katalog nennt bspw. ein mit Goldfäden durchwirktes Kleidungsstück am Kopf des etwa drei Jahre alte Mädchen im Kindergrab, und daß derartige Stirnbänder oder Schleier um 500 n. Chr. nur Frauen der obersten Gesellschaftsschicht vorbehalten waren.

Wenn ich das laienhaft versuche auf den Punkt zu bringen: die Auflistung der Funde klingt so, als wenn sie in einem einzigen Umzugskarton Platz hätten. Aber viele der Funde sind ähnlich wie das mit Goldfäden durchwirkte Kleidungsstück des Mädchens. Ob das die einzige Waffe ist, die im Gräberfeld gefunden wurde, die aber in ihrer Verarbeitung ganz besonders ist. Oder der Seidenstoff. Oder die „normalen Fibeln“ bis hin zu den jetzt prominent herausgestellten Scheibenfibeln. Sie bedingen jeweils Expertenwissen, ziehen viele Fragen nach sich, bringen neue Erkenntnisse, ergeben letztlich eine eigene Geschichte.

Die Ausstellung scheint mir dieser Vorgabe zu folgen. Sie stellt die Gräber in den Mittelpunkt, reichert die Grabfunde mit anderen Funden an und entwickelt von Grabfunden ausgehend einzelne Geschichten immer weiter. In Langfassungen sind diese Geschichten dann im Katalog zu finden. Da gibt es einen Aufsatz über die anthropologische Untersuchung der Skelettfunde, einen über die Textilien aus den Gräbern, einen über den Seidenhandel zwischen Ost und West, einen über den Karfunkelstein ( = Granat ), einen über den „Unterhaching-Code - Das Geheimnis der Sachen und Bilder“, der sich mit der Bedeutung der einzelnen Grabbeigaben befaßt, besonders der Interpretation der Scheibenfibeln.

Die Ausstellung ist verhältnismäßig klein. Man wird zunächst mit dem Ort vertrauter gemacht - das Hachinger Tal in Fortsetzung des Gleissentals als Nord-Süd-Verbindung, die sich ein kurzes Stück südlich der Fundstelle mit der römischen Straße von Salzburg nach Augsburg als Ost-West-Verbindung kreuzt.

Aus dem Gleissental hochführende ehemalige Römerstraße Salzburg-Augsburg

Es folgt ein Nebenraum, in dem ein Film in sehr guter Qualität über Seide, Karfunkelstein und nicht zu vergessen die Arbeit der Restauratoren zu sehen ist. Die Themen fächern sich wie in der Ausstellung auf.

Der zentrale Raum der Ausstellung ist den Gräbern gewidmet. Jeweils einem Grab ist eine Vitrine zugeordnet. Die Lage des Skelettes steht einem als beleuchtete Skizze „auf Augenhöhe“ gegenüber, wobei die Funde am Skelett markiert sind. Diese genaue Angabe ist beispielsweise wichtig, um rückschließen zu können, welcher der seinerzeit vorherrschenden Kleidungssitten gefolgt wurde, wie ein Aufsatz im Katalog anhand gefundener Bügelfibeln im Becken statt an der Schulter zeigt.

Nach dieser Gegenüberstellung folgt die „Schatzkammer“ mit den Scheibenfibeln und verschiedenen Vergleichsobjekten. Dann ein Raum, in dem man selbst Hand anlegen kann - an verschiedene Seidenstoffe, an ein auf Basis von Metallresten rekonstruiertes Kästchen, oder an zwei Magnetplatten mit großen Scheibenfibel-Puzzles. Eine Werkbank mit Werkzeug veranschaulicht die Utensilien, mit denen die Scheibenfibeln hergestellt wurden.

Außerhalb der Ausstellung wird das Ausstellungsthema im Museum-Shop mit angebotenem Granat in verschiedenster Form und dem dort erhältlichen Ausstellungskatalog weitergeführt. Neben der Sonderausstellung sind auch Teile der Dauerausstellung geöffnet. Im Saal 3 sind etwa zwischen Vitrinen mit anderen Bronzezeitobjekten die unlängst erwähnten Bernstorfer Funde zu sehen. Das ursprünglich für 2010 angekündigte eigene Bronzezeit-Bayern Museum Kranzberg ist mittlerweile auf Anfang 2011 verschoben.

Noch zum Katalog: er wurde schon mit einem Detektivroman verglichen, weil in den Aufsätzen vieles so spannend aus seinen Hintergründen heraus entwickelt wird. Da ist vieles spannend geschrieben geworden und das auch noch von verschiedenen Autoren und in einer Situation, in der vieles unsicher und unbeantwortet bleiben muß. Aber auch die Gründe dafür wurden erläutert. Ich halte diese Offenheit für eine große Stärke des Buchs.

Diese gute Darstellung unterschiedlicher Tätigkeitsfelder leitet über zu dem Gedanken einer „bayerischen Leistungsschau“. Im Zusammenhang mit den Funden sind ja schon einige Begriffe verwendet worden: „Sensationsfund“, „archäologischer Jahrhundertfund“, Unterhachings „China-Connection“ (wegen der gefundenen Seide), oder der „Unterhaching-Code“ (wegen der oben genannten Entschlüsselung der Sachen und Bilder, speziell der christlichen Ikongrafie der beiden gefundenen Scheibenfibeln).

„Bayerische Leistungsschau“ sollte für die Ausstellung und den Katalog passen. Frau Dr. Brigitte Haas-Gebhard, die Kuratorin der Ausstellung, formuliert das im Katalog nämlich so: wegen dem überschaubaren Fundmaterial hätten die „Dienststellenleiter von Staatssammlung und Landesamt (L. Wamser, S. Sommer) sich nämlich dazu entschlossen, einmal ein exemplarisches Projekt zu verwirklichen, nämlich ein Gräberfeld nach allen Regeln der archäologischen Kunst zu untersuchen, d.h. alle möglichen Erfolg versprechenden Untersuchungsmethoden anzuwenden.“ Die Arbeit der Restauratoren schließt sie im nächsten Abschnitt mit ein, da sie in enger Abstimmung mit den Wissenschaftlern arbeiteten und Restauration nicht mehr nur bedeutet, die Funde „schön zum Anschauen wieder herzurichten“, „... sondern sie im Sinne historischer Objekte zu behandeln, die eine Vielzahl von Informationen ... bereithalten“.

Offiziell eine Ausstellung der Archäologischen Staatssammlung in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, sind für weitere Aufgaben die Anthropologische Staatssammlung München und Spezialisten weiterer Institutionen miteinbezogen worden. Der Katalog gibt hierzu ausführlich Auskunft.

Zur Einstimmung auf die Ausstellung empfehle ich wie in meinem Ausstellungshinweis vom Januaranfang den Beitrag von Frau Dr. Brigitte Haas-Gebhard in den Mitteilungen der Freunde der bayerischen Vor- und Frühgeschichte Nr. 126 vom 10. Dezember 2009.

Die Daten für den Katalog sind:

Titel: „Karfunkelstein und Seide. Neue Schätze aus Bayerns Frühzeit.“
Herausgeber: Ludwig Wamser.
Verlag Friedrich Pustet, 2010, 196 S., zahlr. Ill., 22 x 23 cm
Preis 25 €, ISBN 978-3-7917-2242-9

Freitag, 13. November 2009

„Das Königreich der Vandalen“ in Karlsruhe

Überraschend schnell nach meinen Links auf Medienberichte von der gerade eröffneten Ausstellung „Das Königreich der Vandalen“ bin ich selbst im Karlsruher Landesmuseum gelandet. Aber wenn man Zeit hat, nur einen Kilometer entfernt ist und das Ausstellungsthema zum Zeitspringer-Blog passt, dann muß das Baby ja damit gefüttert werden.

Das Königreich der Vandalen im Badischen Landesmuseum im Karlsruher Schloss

Auf den in den Links auf Medienberichte erwähnten Artikel „Karthago ist lieblich und süss“ von Roman Hollenstein in der NZZ Online will ich hier nochmals hinweisen. Der ist eine gute Einführung in die geschichtlichen Hintergründe, die Fundsituation und die Ausstellungskonzeption. Die Ausstellung schlägt wie dort beschrieben einen Bogen von den vermutlichen Ursprüngen der Vandalen in der Przeworsk-Kultur im südöstlichen Polen bis zu ihrem Ende durch ein oströmisches Heer.

Räumlich kann man sich das im Karlsruher Schloss etwa so vorstellen: die Ausstellung befindet sich wie die seinerzeit hier besprochene Ausstellung „Zeit der Helden. Die 'dunklen Jahrhunderte' Griechenlands 1200 - 700 v. Chr“ in der Osthälfte des Erdgeschosses. Der Ein- und Ausgang der Ausstellung befindet sich im Mittelteil des Schlosses. Das Karlsruher Schloss wurde im Zweiten Weltkrieg „entkernt“ und ohne die Restaurierung der früheren Räume und ohne deren Raumtrennung im Innern wieder aufgebaut, d.h. die Ausstellung ist nur durch die Ausstellungsaufbauten gegliedert durchgängig vom Eingang bis zur Spitze des Ostflügels begehbar. Erst die Flügelspitze ist durch zwei Türen vom Ausstellungsraum abgetrennt. Dort ist ein Bastelraum für Kinder für ein museumspädagogisches Begleitprogramm eingerichtet.

Die räumlichen Gegebenheiten werden genutzt, um die Vandalen in ihrer zeitlichen Entwicklung fortlaufend vom Eingang bis zur Spitze des Ostflügels darzustellen. Rechts von der Eingangstür beginnt die Ausstellung mit den vermuteten Ursprüngen der Vandalen in der Przeworsk-Kultur, es geht dann weiter mit der Überquerung des Rheins, den Ausseinandersetzungen mit anderen germanischen Stämmen in Spanien bis hin zum Übergang nach Nordafrika. Gegenüber an der linken Wand begleitende römische Kulturzeugnisse, darunter das die Zeit veranschaulichende Elfenbein-Dyptichon mit dem römischen Heermeister Stilicho, der Sohn eines Vandalen und einer Römerin war.

Das Königreich der Vandalen im Badischen Landesmuseum im Karlsruher Schloss

Der Zeitabschnitt nach der Machtübernahme in Nordafrika hinterläßt den Eindruck, als sei dort alles weitergegangen wie bisher. Nach Aussage der Ausstellung gab es in Nordafrika die höchste Dichte an Städten im römischen Reich, mit einer provinzialrömischen Bevölkerung von zwei Millionen gegenüber vielleicht 80- oder 100000 Vandalen. So wie ich diesen Abschnitt der Ausstellung verstanden habe, wurden von den Vandalen die Landbesitzer enteignet, das Land an die Vandalen verteilt und eine vandalische Machtstruktur über die erhalten gebliebenen Selbstverwaltungsstrukturen der Städte gelegt.

Großen Raum nimmt das frühe Christentum in Nordafrika in der Ausstellung ein. Es gab vor den Vandalen widerstrebende christliche Richtungen in Nordafrika, von denen die orthodox-katholische dominant war. Die Vandalen bekannten sich zum arianischen Christentum und betrieben eine intolerante Glaubenspolitik gegen alle anderen christlichen Richtungen. Der erste glaubenstolerante Vandalenherrscher wurde nach wenigen Jahren gestürzt, sein Nachfolger unterlag bald darauf einem relativ kleinen oströmischen Invansionsheer.

In der Folge förderten die Oströmer massiv die Restauration und Erweiterung des orthodox-katholischen Kirchenbesitzes, was zahlreiche Kirchenbauten zur Folge hatte und etwa 150 Jahre später durch die arabische Eroberung beendet wurde. Die arabische Eroberung wird in Karlsruhe an der Wand zum oben erwähnten Bastelraum an der Spitze des Ostflügels dargestellt und bildet den Abschluß der Ausstellung.

Wegen unseren Problemen mit der Ausstellung am selben Ort zur letzten Jahreswende: das war hauptsächlich zum einen die Beleuchtung, zum anderen die Koppelung der Helden Homers an die „dunklen Jahrhunderte“, diese Koppelung kann ich heute immer noch nicht nachvollziehen. Die Beleuchtung ist dieses Mal bei der Vandalen-Austellung sehr gut und an der Logik der Ausstellungsdramaturgie ist auch nichts auszusetzen.

Das Königreich der Vandalen im Badischen Landesmuseum im Karlsruher Schloss

Als möglicher überspitzer Hauptkritikpunkt an der Ausstellung könnte ich mir eine Argumentation in Richtung auf „Des Kaisers neue Kleider“ vorstellen. Also die Frage, wieviel von den Vandalen eigentlich in der Ausstellung zu sehen ist. Tatsächlich scheint schon die Fundlage bei der Przeworsk-Kultur nicht so berauschend zu sein. In Nordafrika ist offenbar die provinzialrömische Produktion ohne kulturellen Umbruch weitergegangen und selbst der Glaubensstreit mit ihren Untertanen offenbarte sich laut Ausstellung „nicht in Kirchenarchitektur und Bildzeugnissen“.

Letztlich wird die Ausstellung damit zwar immer noch ihrem Thema gerecht, das relativ ungestörte Weiterführen der spätantiken römischen Kultur ist ja auch schon eine bemerkenswerte Aussage über das Königreich der Vandalen. Für die Bewertung der Ausstellung muß man aber vermutlich das Augenmerk mehr auf die von der Ausstellungskonzeption dargestellten Zusammenhänge richten. Dann liefert die Ausstellung sehr reichhaltige Einblicke in die Spätantike und ist vielseitig anregend.

Samstag, 7. Februar 2009

Luxus und Dekadenz in München

„Luxus und Dekadenz — Römisches Leben am Golf von Neapel“ — so ein Ausstellungsthema sollte ein Selbstläufer sein. Zudem sorgten vorab Zwischenstationen in Haltern am See, Bremen und Nimwegen für ein sachtes publizistisches Grundrauschen und steigerten die Erwartungshaltung. Seit heute kann die Ausstellung bis zum 30. August 2009 in der Archäologischen Staatssammlung München besucht werden.

Kommentar meiner besseren Hälfte: „Schöne, harmonische, ausgewogene Ausstellung, richtig stimmig, ein große Breite abgedeckt, aber nicht zuviel, nicht erschlagend, erlesene Stücke, Atmosphäre gut.“

Längere Beschreibungen gibt es bei Merkur-Online: „Prasser, Sklaven und die Kunst“ und „Eine Dame wird ausgepackt“. Den zweiten Artikel finde ich auch wegen der Bildstrecke besonders anschauenswert.

Um die Muräne zu Beginn der Ausstellung war es zu voll, von dieser Computeranimation habe ich nichts mitbekommen. Etwas weiter haben sich die Besucher etwas verlaufen und man kam immer gut an die Exponate heran. Ein Wechsel zwischen Hell und Dunkel; vermutlich auch konservatorisch motiviert, die Malereien waren in den dunklen Räumen. Ich bin eingedenk der letzten Ausstellungerfahrung testhalber näher an die Ausstellungsstücke heran als normalerweise und konnte sie nicht beschatten, also die Beleuchtung war sehr gut positioniert. Stolperer sind wegen der kleinräumigeren Archäologischen Staatssammlung gegenüber dem langen und breiten Karlsruher Schloßflügel dennoch nicht ausgeschlossen. Außerdem ist die Ausstellung über Geschosse verteilt. Bei der Akustik ist das aber wohl ein Vorteil. Die Geräusche der anderen Besucher bleiben in den einzelnen Räumen hängen und man kann wie in der Ausstellung geschehen Teile ungestört voneinander mit Vogelgezwitscher und Musik beschallen.

Neben den Exponaten gibt es auch kurze 3D-Computeranimationen der Luxusvillen zu sehen - von außen und innen und im Zeitraffer mit Öllampenbeleuchtung und mit Sonnenaufgang. Zwei der Animationen waren integriert zwischen anderen Exponaten, eine mit großer Leinwand in einem eigenen Raum mit Sitz/Liege-Säcken. Eine willkommene Pause, bei der man sich wie ein Gast in einem der untergegangenen Speisesäle fühlen durfte. Die Gladiatoren im abschließenden Raum rissen einen da doch etwas zu sehr aus dieser schönen Welt heraus.

Die Ausstellung hat sich vermutlich nicht soviel archäologisch Unbekanntem gestellt wie die von uns zuletzt besuchte Karlsruher Ausstellung. Hinzu kommt, daß die bei Capri versunkene Sonne in München in den letzten Jahren schon öfters wieder aufgegangen ist. Nahe zurückliegend gab es eine Herculaneum-Ausstellung am selben Ort. Ich denke jetzt aber mehr an die Ausstellung „Odysseus: Mythos und Erinnerung“, die im Haus der Kunst zum Jahreswechsel 1999/2000 stattfand. Das skulpturale Ensemble damals war viel wuchtiger. Heute sorgt aber allein schon die oben erwähnte Dame für einen gewaltigen Eindruck, wenn man ihr im Eingangsraum in nächster Nähe gegebensteht. Von dieser Ausstellung blieb das Gefühl, an die Exponate besser herangekommen zu sein, daß die Ausstellung intimer und instruktiver ist und mehr Wissen über die damaligen Ausstattungsmöglichkeiten hängenblieb. Wir gehen nochmal hin.