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Freitag, 4. Januar 2013

„Der Fall Hypatia“ von Peter O. Chotjewitz

Mein Freund Wintersonne hat mir ein paar Schriftsteller empfohlen. Falls ich seiner Empfehlung folgen würde, dann sollte ich mit Peter O. Chotjewitz beginnen, und zwar beginnend mit „Fast letzte Erzählungen“, dann „Fast letzte Erzählungen 2“ usf. Beim Nachsehen habe ich ganz überrascht auch den Titel „Der Fall Hypatia. Eine Verfolgung“ von Peter O. Chotjewitz gefunden, erschienen 2002 in der Europäischen Verlagsanstalt, Hamburg, 262 Seiten, 22 Euro. Nicht auf der Liste von Wintersonne, ihm sogar bislang unbekannt, aber bei einer anstehenden Bestellung zu Weihnachten gab es das Buch sofort und auf die „Fast letzten Erzählungen“ hätte ich warten müssen. Also wollten höhere Kräfte ganz klar einen Chotjewitz-Start mit Hypatia.

Die Hypatia von Alexandria kannte ich aus dem letzten Kapitel von Harro Heusers „Lehrbuch der Analysis Teil 2“. In einem „historischen tour d'horizon“ stellt Harro Heuser die Mathematik-Geschichte beginnend mit den Pythagoreern in einer Abfolge neuer, die Mathematik weiterbringender Erkenntnisse und Durchbrüche dar. Beim Lesen kann man es richtig mitfühlen - sie waren so nah dran und haben es leider noch so versucht und die bessere Löung noch nicht gesehen. Und hundert Jahre später... Das so fruchtbare Vorwärtsschreiten der Griechen wurde aber durch die Römer beendet: „Die imperialen Erdenkklöße taten sich nicht wenig darauf zugute, anders als die sonderbaren 'Griechlein' die Wissenschaften nur so weit zu treiben, wie es das augenblickliche Bedürfnis gerade gebot (und das heißt, sie gar nicht zu treiben).“ Aus Sicht von Harro Heuser griffen die Römer nur einmal in die Geschichte der Mathematik ein: „durch den Mord an Archimedes.“

„Das aufkommende Christentum verfolgte die heidnischen Wissenschaften umso energischer, je freier es sich selbst zu regen vermochte. Der Bischof von Alexandria, Theophilos ...“ die von Harro Heuser zitierte negative Skizzierung von Gibbons lasse ich aus „ließ 392 den Serapistempel zerstören, der die mühsam wiederaufgebaute Universitätsbibliothek enthielt; zahllose Manuskripte gingen zugrunde. 415 riß ein christlicher Mob in Alexandria die anmutige heidnische Mathematikerin Hypatia buchstäblich in Stücke - das schauerlichste Symbol des Untergangs der antiken Wissenschaft. 529 schloß der Kaiser Justinian alle griechischen Philosophenschulen, diese Stätten 'heidnischer und verderbter Lehren'. Die Geschichte kennt keinen entschlosseneren Akt der Selbstverdummung“.

Hypatia wird oft wie bei Heuser als Mathematikerin bezeichnet, häufig als Philosophin, manchmal wird auch die Sternenkunde erwähnt. Ich bin kein Mathematiker. Wir wurden nur via Mathematik rausgeprüft und der erste Teil des Analysis-Lehrbuchs hat für das Überleben gereicht. Von Mathematikern, den anderen genannten Disziplinen und natürlich auch von Historikern hätte ich schon erwartet, daß sie von der Hypatia wissen. Das ist immer noch eine Minorität. Und allgemein ist die Mathematik und die Philosophie so wenig angesagt, daß mich die schwache Resonanz auf den Hypatia-Film vor fast drei Jahren nicht besonders gewundert hat.

Hypatia war die Tochter des Theon. Chotjewitz schreibt: „Die Hypatia-Literatur feiert ihn als bedeutenden Mathematiker, Astronomen und Philosophen. Das ist verständlich, denn seine Tochter war eine noch größere Gelehrte auf diesem Gebiet.“ Während von Hypatia keine Arbeiten überliefert sind, kennt man von Theon Kommentare zu Claudius Ptolemaios und eine Euklid-Edition. Theons mathematische Leistung wird dabei als nicht so hoch bewertet, was aber nach Chotjewitz nicht ausschließt, „daß er der bedeutendste Mathematiker und Astronom seiner Zeit war“. „Die großen Zeiten der Entdeckungen waren lange vorbei, und die Wissenschaften versackten in Spökenkiekereien.“ Das deckt sich irgendwie mit Harro Heuser.

Chotjewitz erwähnt, daß Hypatia von späteren/neuzeitlichen Autoren Arbeiten zugeschrieben wurden. U.a. die Mitarbeit an den ihrem Vater zugeschriebenen Kommentaren oder die Erfindung eines mechanischen Geräts, dessen Besorgung ihr ehemaliger Schüler Synesios von Kyrene von ihr erbeten hat. Die Erfindung des Geräts ist wenig plausibel, weil der ehemalige Schüler das Gerät - das Hypatia ja gekannt haben müßte - eigens für sie noch etwas beschreibt. Die Mitarbeit an den Kommentaren sei nicht belegbar, aber möglich. Aussagen in der Art „nicht belegbar, aber möglich“ finden sich häufiger im Buch. Wobei man neben den fehlenden belegten Arbeiten auch das unbekannte Geburtsdatum sehen muß - bei manchem kann sie nur bei einem frühen Geburtsdatum dabei gewesen sein, zum jung und schön gewesen sein hätte sie nicht so alt sein dürfen.

Belegbar hinsichtlich ihres Vaters soll aufgrund von Vergleichen mit später aufgefundenen nicht-theonischen Schriften sein, daß seine Euklid-Edition „im wesentlichen der Herstellung eines möglichst glatten, leicht verständlichen Textes der 'Elemente' diente“. Gesichert ist auch die Lehrerin Hypatia in einem elitären Bildungssystem. Also man wird sie sich aus bester Familie kommend und mit bester Vorbereitung durch einen bekannten und sehr kompetenten Vater vorstellen können. Das in einer der ersten Städte des Römischen Reichs mit einer überragenden Wissenschaftsgeschichte. Mit Schülern aus hochrangigen Familien und ehemaligen Schülern in hochrangigen Positionen, zu denen sie weiterhin Kontakt hatte. Das wäre schon eine sehr herausragende Stellung gewesen.

Wie kam es nach Chotjewitz zu ihrer Ermordung? Bei Chotjewitz wird sie zum Opfer von Machtkonstellationen und Demonstrationen von Macht. Es gab in diesen Jahrzehnten unterschiedliche Frontlinien: zwischen den ägyptischen Christen, beim Einfluß unterschiedlicher christlicher Parteien auf den Kaiserhof, bei der Konkurrenz der großen christlichen Zentren im Römischen Reich, und in Alexandria mit Heiden und Juden und dem römischen Präfekten. Die Darstellung im Buch legt in vielen Fällen das Schema nahe: neue Kräfteverhältnisse haben sich aufgebaut, es gibt eine Entladung, bei der der christliche Patriarch nicht unbedingt selbst in Erscheinung tritt. Es gibt vielleicht eine Gegenreaktion und eine neue Übereinkunft, die den Zurückgebliebenen deutlich die neuen Verhältnisse zeigt, etwa wenn wie im Fall der Hypatia früher undenkbare Taten möglich werden.

Ich habe mir versucht das neuzeitlich vorzustellen und mir ist dabei ein politischer Flüchtling aus Teheran eingefallen, mit dem ich in den 1980er Jahren mal zu einer Veranstaltung unterwegs war. Es ging um eine Getränkeeinladung, bei der er Tee bevorzugte, und ich wunderte mich damals, daß er im lockeren Smalltalk mit einem Unbekannten auf eine "ah, wegen Allah?"-Nachfrage antworte, er glaube nicht an Gott, er ziehe den Tee wegen Magenproblemen vor. Nach meinen damaligen Vorstellungen hätte er vor so einem Nichtglaubensbekenntnis zumindest ein Sekündchen zucken müssen. Ich hatte mich nie getraut ihn zu fragen, was ihm persönlich passiert ist. Mit Chotjewitz könnte ich mir jetzt ein Umfeld in Teheran vor der islamischen Revolution vorstellen, in dem nicht an Gott zu glauben völlig normal und akzeptiert war. Vielleicht war sein persönliches Schicksal nicht einmal so spektakulär, es blieb vielleicht bei einem Warnschuß. Stattdessen wurden exponierte Personen herausgegriffen und an denen straflos für die Mißhandler die neuen Machtverhältnisse demonstriert, so daß die meisten auf Linie gebracht wurden und viele andere gegangen sind.

Peter O. Chotjewitz hat zum „Fall Hypatia“ zahlreiche Informationen zusammen getragen und Querbeziehungen aufgezeigt. Im Kern findet sagt er zu Hypatia nichts neues, da könnte man sich auf das Durchlesen der Wikipedia beschränken. Die Stärke liegt eher beim Drumherum, also wie der Mechanismus gewesen sein könnte, der zur Tat führte. Man kann sich in den unterschiedlichen Konfrontationen dieser Zeit verlieren und wird in Kenntnis gesetzt, wie Hypatia in späterer Zeit wieder aufgegriffen wurde.

Ungewöhnlich für ein Sachbuch, aber einem Schriftsteller sicher erlaubt, stellt Chotjewitz einen Blick auf die Werke mehrerer Hypatia-Romanautoren an den Anfang des Buchs und endet mit einer „Spurensuche“ in und einer „Flucht“ aus Kairo und Alexandria, die surreale Elemente enthält, etwa einen Portier und einen Fahrer aus Kairo, die er glaubt in Alexandria wiederzuerkennen. Vor dem Reisebericht befindet sich im Buch seine Version des Todes von Hypatia in „fünf Akten“, bei der jedem Leser nach den vielen bisherigen „nicht belegbar, aber kann so gewesen sein“ klar ist, daß Chotjewitz den bestehenden Versionen nur eine weitere mehr oder weniger plausibel begründete hinzufügt. Die Klammerung durch Fiktionales ist wie gesagt ungewöhnlich, wirkt aber in mehrerer Hinsicht treffend. Sowohl angesichts dem vielen Unbelegten, das zum „Fall Hypatia“ behauptet wurde, aber etwa auch zu einem „zeitlosen“ Schema gewalttätiger Grenzüberschreitungen, die später keinem „Patriarchen“ bewiesen werden können, wo aber im Widerspruch zur fehlenden Anordnung von oben die Tat nie rückhaltlos aufgeklärt wird und die Täter bestraft werden.

„Der Fall Hypatia. Eine Verfolgung“ von Peter O. Chotjewitz hat mir sehr gut gefallen. Als Einschränkung ist zu erwähnen, daß Chotjewitz öfters Begriffe ohne weitere Erklärung verwendet, deren Bekanntheit er bei seinen Lesern nicht voraussetzen kann. Nach holprigem Start bin ich nach ein paar Seiten damit klar gekommen, obwohl ich das Nachsehen in der Wikipedia auf später verschoben habe. Das Buch ist zwar mit Fußnoten und weiterführenden Literaturangaben ausgestattet, beim damaligen Alter von Chotjewitz und dem noch neuen Internet bemerkenswerterweise auch inklusive den Ergebnissen einer ausführlichen Internetrecherche, es besitzt aber weder Glossar noch Index noch eine Karte. Letztere wäre sinnvoll, wenn man die Spurensuche von Chotjewitz in Alexandria nachvollziehen will.

Donnerstag, 25. März 2010

Augsburg und sein römisches Erbe

Augsburg hat eine überaus reiche Vergangenheit, die angemessen präsentiert werden sollte. Und natürlich nicht nur die Zeit unter den Römern, in der Augsburg als Augusta Vindelicorum Hauptstadt der römischen Provinz Raetia gewesen ist.

Aber wäre die besondere Rolle Augsburgs in den späteren Jahrhunderten möglich gewesen, wenn es die römischen Ursprünge nicht gegeben hätte? So gesehen ist es wirklich nicht schön, was Angela Bachmair in ihrem Artikel „Antike auf wackligem Boden“ in der Augsburger Allgemeinen über die Präsentation dieser wichtigen römischen Vergangenheit in Augsburg zu berichten hat.

Anderseits, jetzt ist der Artikel schon fast eine Woche online. Da hätte ein Normalbürger sein Erschrecken kundtun oder jemand von den direkt oder indirekt im Artikel Erwähnten kompetente Ergänzungen hinzufügen oder seinen Dank für die Situationsschilderung ausdrücken können.

Nichts dergleichen. Ich sehe momentan keine Leserkommentare und nur eine einzige Bewertung des Artikels, und die stammt von mir. Also vielleicht passt doch alles in Augsburg so wie es momentan ist.

Dienstag, 23. März 2010

Hypatia von Alexandria

„Läuft in unseren Kinos“ ist vielleicht zuviel gesagt, wenn Uwe Walter in seinem Blog-Eintrag „Schlachtfeld Agora – ein Kinofilm über die spätantike Philosophin Hypatia“ und sein Kommentator franket die Situation treffend wiedergegeben haben. Da müßte wohl eher ein „ferner liefen“ in den Satz eingebaut werden.

Hier in München sehe ich den Film „Agora - Die Säulen des Himmels“ in zwei Kinos, jeweils bevorzugt im Nachmittagsprogramm.

Weiterführende Links zum Film finden sich im Blogeintrag von Uwe Walter und den Kommentaren von franket. Eine Liste mit weiteren Links gibt es bei filmz.de.

Mittwoch, 10. März 2010

Bayerische Leistungsschau

Ende Januar 2010 wurde die Sonderausstellung „Karfunkelstein und Seide - Neue Schätze aus Bayerns Frühzeit“ in der Archäologischen Staatsammlung München eröffnet. Wie schon in meinem Ausstellungshinweis geschrieben, basiert die Ausstellung auf im nahe München gelegenen Unterhaching entdeckten Gräbern aus der Zeit zwischen den Jahren 480 bis 520 n. Chr.

Über diesen Teil der bayerischen Geschichte nach Ende des weströmischen Reiches und vor der ersten Erwähnung der Bajuwaren ist wenig bekannt. Man hätte wohl eher mit Zeichen von Chaos und Entvölkerung gerechnet als mit so gut ausgestatteten Gräbern. Noch dazu im Hachinger Tal und nicht im Umfeld befestigter Städte wie Augsburg und Regensburg. Insofern erklärt sich auch der hohe archäologische Wert der Funde.

Die „gute Ausstattung“ ist im Vergleich mit den anderen Gräbern dieser Zeit zu sehen. Der Katalog nennt bspw. ein mit Goldfäden durchwirktes Kleidungsstück am Kopf des etwa drei Jahre alte Mädchen im Kindergrab, und daß derartige Stirnbänder oder Schleier um 500 n. Chr. nur Frauen der obersten Gesellschaftsschicht vorbehalten waren.

Wenn ich das laienhaft versuche auf den Punkt zu bringen: die Auflistung der Funde klingt so, als wenn sie in einem einzigen Umzugskarton Platz hätten. Aber viele der Funde sind ähnlich wie das mit Goldfäden durchwirkte Kleidungsstück des Mädchens. Ob das die einzige Waffe ist, die im Gräberfeld gefunden wurde, die aber in ihrer Verarbeitung ganz besonders ist. Oder der Seidenstoff. Oder die „normalen Fibeln“ bis hin zu den jetzt prominent herausgestellten Scheibenfibeln. Sie bedingen jeweils Expertenwissen, ziehen viele Fragen nach sich, bringen neue Erkenntnisse, ergeben letztlich eine eigene Geschichte.

Die Ausstellung scheint mir dieser Vorgabe zu folgen. Sie stellt die Gräber in den Mittelpunkt, reichert die Grabfunde mit anderen Funden an und entwickelt von Grabfunden ausgehend einzelne Geschichten immer weiter. In Langfassungen sind diese Geschichten dann im Katalog zu finden. Da gibt es einen Aufsatz über die anthropologische Untersuchung der Skelettfunde, einen über die Textilien aus den Gräbern, einen über den Seidenhandel zwischen Ost und West, einen über den Karfunkelstein ( = Granat ), einen über den „Unterhaching-Code - Das Geheimnis der Sachen und Bilder“, der sich mit der Bedeutung der einzelnen Grabbeigaben befaßt, besonders der Interpretation der Scheibenfibeln.

Die Ausstellung ist verhältnismäßig klein. Man wird zunächst mit dem Ort vertrauter gemacht - das Hachinger Tal in Fortsetzung des Gleissentals als Nord-Süd-Verbindung, die sich ein kurzes Stück südlich der Fundstelle mit der römischen Straße von Salzburg nach Augsburg als Ost-West-Verbindung kreuzt.

Aus dem Gleissental hochführende ehemalige Römerstraße Salzburg-Augsburg

Es folgt ein Nebenraum, in dem ein Film in sehr guter Qualität über Seide, Karfunkelstein und nicht zu vergessen die Arbeit der Restauratoren zu sehen ist. Die Themen fächern sich wie in der Ausstellung auf.

Der zentrale Raum der Ausstellung ist den Gräbern gewidmet. Jeweils einem Grab ist eine Vitrine zugeordnet. Die Lage des Skelettes steht einem als beleuchtete Skizze „auf Augenhöhe“ gegenüber, wobei die Funde am Skelett markiert sind. Diese genaue Angabe ist beispielsweise wichtig, um rückschließen zu können, welcher der seinerzeit vorherrschenden Kleidungssitten gefolgt wurde, wie ein Aufsatz im Katalog anhand gefundener Bügelfibeln im Becken statt an der Schulter zeigt.

Nach dieser Gegenüberstellung folgt die „Schatzkammer“ mit den Scheibenfibeln und verschiedenen Vergleichsobjekten. Dann ein Raum, in dem man selbst Hand anlegen kann - an verschiedene Seidenstoffe, an ein auf Basis von Metallresten rekonstruiertes Kästchen, oder an zwei Magnetplatten mit großen Scheibenfibel-Puzzles. Eine Werkbank mit Werkzeug veranschaulicht die Utensilien, mit denen die Scheibenfibeln hergestellt wurden.

Außerhalb der Ausstellung wird das Ausstellungsthema im Museum-Shop mit angebotenem Granat in verschiedenster Form und dem dort erhältlichen Ausstellungskatalog weitergeführt. Neben der Sonderausstellung sind auch Teile der Dauerausstellung geöffnet. Im Saal 3 sind etwa zwischen Vitrinen mit anderen Bronzezeitobjekten die unlängst erwähnten Bernstorfer Funde zu sehen. Das ursprünglich für 2010 angekündigte eigene Bronzezeit-Bayern Museum Kranzberg ist mittlerweile auf Anfang 2011 verschoben.

Noch zum Katalog: er wurde schon mit einem Detektivroman verglichen, weil in den Aufsätzen vieles so spannend aus seinen Hintergründen heraus entwickelt wird. Da ist vieles spannend geschrieben geworden und das auch noch von verschiedenen Autoren und in einer Situation, in der vieles unsicher und unbeantwortet bleiben muß. Aber auch die Gründe dafür wurden erläutert. Ich halte diese Offenheit für eine große Stärke des Buchs.

Diese gute Darstellung unterschiedlicher Tätigkeitsfelder leitet über zu dem Gedanken einer „bayerischen Leistungsschau“. Im Zusammenhang mit den Funden sind ja schon einige Begriffe verwendet worden: „Sensationsfund“, „archäologischer Jahrhundertfund“, Unterhachings „China-Connection“ (wegen der gefundenen Seide), oder der „Unterhaching-Code“ (wegen der oben genannten Entschlüsselung der Sachen und Bilder, speziell der christlichen Ikongrafie der beiden gefundenen Scheibenfibeln).

„Bayerische Leistungsschau“ sollte für die Ausstellung und den Katalog passen. Frau Dr. Brigitte Haas-Gebhard, die Kuratorin der Ausstellung, formuliert das im Katalog nämlich so: wegen dem überschaubaren Fundmaterial hätten die „Dienststellenleiter von Staatssammlung und Landesamt (L. Wamser, S. Sommer) sich nämlich dazu entschlossen, einmal ein exemplarisches Projekt zu verwirklichen, nämlich ein Gräberfeld nach allen Regeln der archäologischen Kunst zu untersuchen, d.h. alle möglichen Erfolg versprechenden Untersuchungsmethoden anzuwenden.“ Die Arbeit der Restauratoren schließt sie im nächsten Abschnitt mit ein, da sie in enger Abstimmung mit den Wissenschaftlern arbeiteten und Restauration nicht mehr nur bedeutet, die Funde „schön zum Anschauen wieder herzurichten“, „... sondern sie im Sinne historischer Objekte zu behandeln, die eine Vielzahl von Informationen ... bereithalten“.

Offiziell eine Ausstellung der Archäologischen Staatssammlung in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, sind für weitere Aufgaben die Anthropologische Staatssammlung München und Spezialisten weiterer Institutionen miteinbezogen worden. Der Katalog gibt hierzu ausführlich Auskunft.

Zur Einstimmung auf die Ausstellung empfehle ich wie in meinem Ausstellungshinweis vom Januaranfang den Beitrag von Frau Dr. Brigitte Haas-Gebhard in den Mitteilungen der Freunde der bayerischen Vor- und Frühgeschichte Nr. 126 vom 10. Dezember 2009.

Die Daten für den Katalog sind:

Titel: „Karfunkelstein und Seide. Neue Schätze aus Bayerns Frühzeit.“
Herausgeber: Ludwig Wamser.
Verlag Friedrich Pustet, 2010, 196 S., zahlr. Ill., 22 x 23 cm
Preis 25 €, ISBN 978-3-7917-2242-9

Dienstag, 5. Januar 2010

Karfunkelstein und Seide in der Archäologischen Staatssammlung München

Vom 29. Januar 2010 bis zum 4. Juli 2010 (Update 8.4.2010: verlängert bis 12. September 2010) findet in der Münchner Archäologischen Staatsammlung die Ausstellung „Karfunkelstein und Seide — Neue Schätze aus Bayerns Frühzeit“ statt.

Zentrales Thema der Ausstellung sind Funde aus Gräbern aus der Zeit zwischen den Jahren 480 bis 520 n. Chr., die 2004 im südwestlich von München gelegenen Unterhaching entdeckt wurden.

Frau Dr. Brigitte Haas-Gebhard von der Archäologischen Staatssammlung erläutert in den aktuellen Mitteilungen der Freunde der bayerischen Vor- und Frühgeschichte ausführlich die Bedeutung der Ausgrabungen. Ihren Text will ich zur Einstimmung auf die Ausstellung sehr empfehlen.

Freitag, 13. November 2009

„Das Königreich der Vandalen“ in Karlsruhe

Überraschend schnell nach meinen Links auf Medienberichte von der gerade eröffneten Ausstellung „Das Königreich der Vandalen“ bin ich selbst im Karlsruher Landesmuseum gelandet. Aber wenn man Zeit hat, nur einen Kilometer entfernt ist und das Ausstellungsthema zum Zeitspringer-Blog passt, dann muß das Baby ja damit gefüttert werden.

Das Königreich der Vandalen im Badischen Landesmuseum im Karlsruher Schloss

Auf den in den Links auf Medienberichte erwähnten Artikel „Karthago ist lieblich und süss“ von Roman Hollenstein in der NZZ Online will ich hier nochmals hinweisen. Der ist eine gute Einführung in die geschichtlichen Hintergründe, die Fundsituation und die Ausstellungskonzeption. Die Ausstellung schlägt wie dort beschrieben einen Bogen von den vermutlichen Ursprüngen der Vandalen in der Przeworsk-Kultur im südöstlichen Polen bis zu ihrem Ende durch ein oströmisches Heer.

Räumlich kann man sich das im Karlsruher Schloss etwa so vorstellen: die Ausstellung befindet sich wie die seinerzeit hier besprochene Ausstellung „Zeit der Helden. Die 'dunklen Jahrhunderte' Griechenlands 1200 - 700 v. Chr“ in der Osthälfte des Erdgeschosses. Der Ein- und Ausgang der Ausstellung befindet sich im Mittelteil des Schlosses. Das Karlsruher Schloss wurde im Zweiten Weltkrieg „entkernt“ und ohne die Restaurierung der früheren Räume und ohne deren Raumtrennung im Innern wieder aufgebaut, d.h. die Ausstellung ist nur durch die Ausstellungsaufbauten gegliedert durchgängig vom Eingang bis zur Spitze des Ostflügels begehbar. Erst die Flügelspitze ist durch zwei Türen vom Ausstellungsraum abgetrennt. Dort ist ein Bastelraum für Kinder für ein museumspädagogisches Begleitprogramm eingerichtet.

Die räumlichen Gegebenheiten werden genutzt, um die Vandalen in ihrer zeitlichen Entwicklung fortlaufend vom Eingang bis zur Spitze des Ostflügels darzustellen. Rechts von der Eingangstür beginnt die Ausstellung mit den vermuteten Ursprüngen der Vandalen in der Przeworsk-Kultur, es geht dann weiter mit der Überquerung des Rheins, den Ausseinandersetzungen mit anderen germanischen Stämmen in Spanien bis hin zum Übergang nach Nordafrika. Gegenüber an der linken Wand begleitende römische Kulturzeugnisse, darunter das die Zeit veranschaulichende Elfenbein-Dyptichon mit dem römischen Heermeister Stilicho, der Sohn eines Vandalen und einer Römerin war.

Das Königreich der Vandalen im Badischen Landesmuseum im Karlsruher Schloss

Der Zeitabschnitt nach der Machtübernahme in Nordafrika hinterläßt den Eindruck, als sei dort alles weitergegangen wie bisher. Nach Aussage der Ausstellung gab es in Nordafrika die höchste Dichte an Städten im römischen Reich, mit einer provinzialrömischen Bevölkerung von zwei Millionen gegenüber vielleicht 80- oder 100000 Vandalen. So wie ich diesen Abschnitt der Ausstellung verstanden habe, wurden von den Vandalen die Landbesitzer enteignet, das Land an die Vandalen verteilt und eine vandalische Machtstruktur über die erhalten gebliebenen Selbstverwaltungsstrukturen der Städte gelegt.

Großen Raum nimmt das frühe Christentum in Nordafrika in der Ausstellung ein. Es gab vor den Vandalen widerstrebende christliche Richtungen in Nordafrika, von denen die orthodox-katholische dominant war. Die Vandalen bekannten sich zum arianischen Christentum und betrieben eine intolerante Glaubenspolitik gegen alle anderen christlichen Richtungen. Der erste glaubenstolerante Vandalenherrscher wurde nach wenigen Jahren gestürzt, sein Nachfolger unterlag bald darauf einem relativ kleinen oströmischen Invansionsheer.

In der Folge förderten die Oströmer massiv die Restauration und Erweiterung des orthodox-katholischen Kirchenbesitzes, was zahlreiche Kirchenbauten zur Folge hatte und etwa 150 Jahre später durch die arabische Eroberung beendet wurde. Die arabische Eroberung wird in Karlsruhe an der Wand zum oben erwähnten Bastelraum an der Spitze des Ostflügels dargestellt und bildet den Abschluß der Ausstellung.

Wegen unseren Problemen mit der Ausstellung am selben Ort zur letzten Jahreswende: das war hauptsächlich zum einen die Beleuchtung, zum anderen die Koppelung der Helden Homers an die „dunklen Jahrhunderte“, diese Koppelung kann ich heute immer noch nicht nachvollziehen. Die Beleuchtung ist dieses Mal bei der Vandalen-Austellung sehr gut und an der Logik der Ausstellungsdramaturgie ist auch nichts auszusetzen.

Das Königreich der Vandalen im Badischen Landesmuseum im Karlsruher Schloss

Als möglicher überspitzer Hauptkritikpunkt an der Ausstellung könnte ich mir eine Argumentation in Richtung auf „Des Kaisers neue Kleider“ vorstellen. Also die Frage, wieviel von den Vandalen eigentlich in der Ausstellung zu sehen ist. Tatsächlich scheint schon die Fundlage bei der Przeworsk-Kultur nicht so berauschend zu sein. In Nordafrika ist offenbar die provinzialrömische Produktion ohne kulturellen Umbruch weitergegangen und selbst der Glaubensstreit mit ihren Untertanen offenbarte sich laut Ausstellung „nicht in Kirchenarchitektur und Bildzeugnissen“.

Letztlich wird die Ausstellung damit zwar immer noch ihrem Thema gerecht, das relativ ungestörte Weiterführen der spätantiken römischen Kultur ist ja auch schon eine bemerkenswerte Aussage über das Königreich der Vandalen. Für die Bewertung der Ausstellung muß man aber vermutlich das Augenmerk mehr auf die von der Ausstellungskonzeption dargestellten Zusammenhänge richten. Dann liefert die Ausstellung sehr reichhaltige Einblicke in die Spätantike und ist vielseitig anregend.

Montag, 26. Oktober 2009

Spätantike Links

Letztes Wochenende ist die Ausstellung „Erben des Imperiums in Nordafrika - Das Königreich der Vandalen“ im Karlsruher Landesmuseum mit einem überraschend großen Medienecho eröffnet worden.

Hier drei Links: „Karthago ist lieblich und süss“ von Roman Hollenstein in der NZZ Online bietet umfangreiche Hintergrundinformationen. „Ein ganz neues Bild der antiken Großmacht“ von Holger Farken für den SWR glänzt mit schönen Fotografien und Video-Links. „Zivilisierte Zerstörer“ von Gabriele Höfling im Rheinischen Merkur stellt die Karlsruher Zusammenarbeit mit Tunesien und die dortigen Ausgrabungsstätten stärker in den Vordergrund.

Der oströmische Kaiser Anastasios I. war Zeitgenosse des Vandalenreiches in Nordafrika, von ihm und der Entstehung des byzantinischen Imperiums handelt ein Buch von Mischa Meier, das von Stefan Rebenich in der NZZ Online unter dem Titel „Warum das Römische Reich im Osten überlebte“ besprochen wurde.

Der nächste Link führt aus der Spätantike heraus. Aber wenn man schon auf NZZ Online ist, dann kann man sich noch den Artikel von Jürgen Tietz über die Wiedereröffnung des Neuen Museums in Berlin „Nofretete und der Elch“ ansehen.

Auch großteils außerhalb der Spätantike liegt der Deutschlandfunk-Studiozeit-Beitrag von Matthias Hennies „Gotischer Schmuck und koschere Küche“. (Ergänzend zur Grabung in Köln noch der WDR-Beitrag „Kölner Synagoge wird ausgegraben“ von David Ohrndorf aus dem letzten Jahr).

Hier will ich ein Ziel des Kölner Grabungsleiters Sven Schütte aus dem DLF-Beitrag herausgreifen: Er versucht die kontinuierliche Nutzung einer spätantiken Kölner Synagoge bis in das Mittelalter archäologisch nachzuweisen. Dadurch hätte er auch einen archäologischen Nachweis einer seit der Römerzeit kontinuierlich bestehenden jüdischen Gemeinde erbracht.

Nach dem Bericht ist dieser Punkt noch strittig, es seien aber „Historiker und Archäologen weitgehend einig“, daß in Köln schon um 800 eine Synagoge stand. Diese frühe Datierung ist vielleicht selbst schon ein Argument für eine kontinuierliche jüdische Gemeinde.

Auf das Thema bin ich via Yehudas Eintrag „Juden im antiken Augsburg“ im Blog des Jüdisch Historischen Vereins Augsburg gestoßen. Ich hatte einen Beitrag von Ludwig Berger zum Thema „Frühe jüdische Zeugnisse in den nordwestlichen Provinzen des Imperium Romanum“
im Begleitband zur Karlsruher „Imperium Romanum“-Ausstellung in Erinnerung und den dann nachgelesen.

Ludwig Berger schreibt dort: „insgesamt scheint es nicht zu gewagt, in Trier eine Synagogengemeinde anzunehmen“ und „Eine Synagogengemeinde darf mit hoher Wahrscheinlichkeit auch für Colonia Agrippina / Köln vorausgesetzt werden“. Er thematisiert für Trier aufgrund eines spätantiken Fundes in der Nähe des mittelalterlichen Judenviertels auch schon eine mögliche „örtliche Kontinuität der jüdischen Siedlung von der Spätantike ins Mittelalter“, wobei für ihn diese Frage „ohne neue archäologische Befunde“ nicht zu beantworten ist.

Ludwig Berger hatte seinen Fokus auf den linksrheinischen Gebieten. Vermutlich weil es neben mehr archäologischen Funden auch überlieferte schriftliche Hinweise auf die Präsenz von Juden gegeben hat. Was vielleicht wiederum mit dem zeitweiligen spätantiken Machtzentrum Trier zusammenhängt. Generell wird für die römischen Gebiete links des Rheins in der Zeit nach dem Limes-Fall im starken Gegensatz zu den verbliebenen Gebieten im heutigen Bayern noch von einer Spätblüte ausgegangen. (Die Nähe zum dann fränkischen Machtzentrum gilt übrigens auch für die mittelalterliche Kölner Synagoge, eine Synagoge um 800 bedeutet die Zeitgenossenschaft mit Karl dem Großen!)

Das bei Yehuda abgebildete spätantike Augsburger Lampenfragment und eine Bleiplombe aus dem 40 km entfernten Burghöfe, ebenfalls mit einer Menora, sind nach Ludwig Berger „vielleicht erste Zeugen einer größeren Gruppe Juden, die sich in der Provinzhauptstadt Augsburg niedergelassen hat“.

Sonntag, 18. Oktober 2009

Euro-Arabischer Abend mit Dr. Frank Stefan Becker

Letzten Mittwoch, 14.10.2009, präsentierte Frank Stefan Becker sein neues Buch „Sie kamen bis Konstantinopel“ beim Euro-Arabischen Freundschaftskreis e.V. (EAF) im Münchner „Zunfthaus“.

Auf den Termin hatte ich im vorletzten Eintrag hingewiesen. Der Zeitplan sah ab 19 Uhr das Treffen und um 20 Uhr den Vortrag vor; um halb acht war ich einer der spätesten Ankömmlinge im gut besetzten Saal. Der gesellige Teil findet bei den Euro-Arabischen Freunden mehr vor dem Vortrag statt, danach sind die meisten aufgebrochen. Eigentlich nicht schlecht, um die Termine gut in seinen Zeitrythmus einpassen zu können.

Buchvorstellung 'Sie kamen bis Konstantinopel' von Dr. Frank Stefan Becker beim Euro-Arabischen Freundschaftskreis am 14.10.2009 im Münchner Zunfthaus

Zu Beginn der Buchvorstellung las uns der Autor eine Schlüsselszene des Romans vor, die Ermordung des Kalifen Uthman. Zugleich ein Schlüsselereignis für den Islam, da die Nachfolgestreitigkeiten letztlich zur Spaltung in Sunniten, Schia und Charidschiten und zur Kalifen-Dynastie der Omayaden in Damaskus führten. Frank Stefan Becker skizzierte kurz diese geschichtlichen Hintergründe, in die er sein Buch bis zum arabischen Angriff auf das oströmische Konstantinopel 674 n.Chr. eingebettet hat. Die Entwicklung Europas wäre anders verlaufen, hätte nicht das Bollwerk Konstantinopel den Angriff abgewehrt und damit die Hauptmacht der arabischen Expansion von dem schwachen Europa abgehalten. (Siehe auch der Beitrag von Frank S. Becker hier).

In der Folge bekamen wir Reisefotografien von Omayadenbauten zu sehen. Die Omayaden-Dynastie markiert einen Zeitabschnitt in dieser Umbruchs- und Übergangszeit. Griechisch war zunächst noch Verwaltungssprache und die Münzen orientierten sich an byzantinischen Vorlagen. Das Interesse, die islamische Herrschaft durch neue repräsentative Bauten mit einer eigenen Formensprache auszudrücken, war zunächst gering. In den neuen Bauten wurde so nur langsam ein eigener arabischer Stil sichtbar. Also im spätantiken Stadtbild des eroberten oströmischen Gebiets noch keine baulichen Gegenakzente, nicht einmal durch Moscheen. Frank Stefan Becker nannte Beispiele, wo weiterhin prächtige christliche Kirchen ohne repräsentatives moslemisches Gegenstück weiter existierten, und die christliche Gemeinde einem Verkauf der Kirche an die Moslems widersprach. Dieser Zustand wurde erst durch eine spätere Islamisierungswelle und Kirchenenteignungen beendet.

Buchvorstellung 'Sie kamen bis Konstantinopel' von Dr. Frank Stefan Becker beim Euro-Arabischen Freundschaftskreis am 14.10.2009 im Münchner Zunfthaus

Die Bauten der Omayaden entstanden in diesem Umfeld demnach in antiker Tradition. Für mich das nachhaltigste Beispiel die Bilder der Ruinenstadt Anjar im heutigen Libanon. Eine antik geplante Stadt 740 n.Chr. gebaut, in der nach Frank Stefan Becker nur der Kalifenpalast und die Moschee vom üblichen Schema abweichen.

Frank Stefan Becker las dann noch eine Fluchtszene aus seinem Buch vor, in der einer seiner Helden in einer nabatäischen Ruinenstadt zunächst in einer in den Felsen gehauenen Nische und dann hinter einem Felsspalt ein Versteck sucht. Mit einem auf die Leinwand projezierten Reisebild im Hintergrund, das die Nische und den daneben liegenden Felsspalt zeigte. Ein starkes Beispiel für seine Arbeitsweise, er hat die meisten der im Buch beschriebenen Orte selbst besucht und versucht möglichst auf einem Gerüst gut recherchierter Fakten seine fiktiven Handlungen zu entwickeln. Folgerichtig erhält der Geschichtsinteressierte im Nachwort seines Buchs kapitelweise kurze Informationen zu den zugrundeliegenden historischen Fakten und den Quellen.

Buchvorstellung 'Sie kamen bis Konstantinopel' von Dr. Frank Stefan Becker beim Euro-Arabischen Freundschaftskreis am 14.10.2009 im Münchner Zunfthaus

Noch eine Bemerkung zu Frank Stefan Becker und seinem gastgebenden Euro-Arabischen Freundschaftskreis: im ersten historischen Roman des Autors „Der Abend des Adlers“ führte eine lange Reise zunächst vom römischen Gebiet in das kurz zuvor durch den Limesfall verlorene sogenannte Dekumatland, um dann wieder bei Augst auf römisches Gebiet zu stoßen. Daß diese Orte und die Ereignisse in dieser Zeit eine literarische Verarbeitung erfahren haben, fand ich sehr gut. Für mein Reisetemperament hätte der Held aber dort ruhig länger verweilen können und nicht so schnell weiter müssen, im selben Buch ging es aber sogar noch weiter bis nach Persien.

Der Autor hat zwar oft auf seine Reiselust hingewiesen, meine Erkenntnis, auf ganz andere Sphären gestoßen zu sein, kam aber erst am letzten Mittwoch: zunächst erzählte mir am Tisch mein Gegenüber, er habe in den 60er Jahren in Saudi-Arabien gearbeitet. Dann dessen kurzer Wortwechsel mit Frank Stefan Becker über einen Bahnhof der Hedschasbahn, den jeder von den beiden mal besucht hatte. Später eine Bemerkung des Autors in seinem Vortrag „... wer von Ihnen in Palmyra war ...“, darauf im Halbdunkel direkt vor ihm gleich zwei „Ja“ „Ja“ — im „normalen“ Umfeld wissen die meisten nicht einmal, was Palmyra ist!

Insofern ein Tipp für Interessierte an Arabien, am Nahen Osten oder Reiselustige generell: der Euro-Arabische Freundschaftskreis könnte für Sie eine bislang unentdeckte Perle in der Vereinslandschaft sein!

Vielen Dank für die Gestaltung des schönen Abends an Herrn Dr. Becker und an den Euro-Arabischen Freundschaftskreis für die gastfreundliche Aufnahme!

Samstag, 10. Oktober 2009

Spätantike im Münchner „Zunfthaus“

Nächsten Mittwoch, 14. Oktober 2009, präsentiert Frank Stefan Becker im Münchner „Zunfthaus“ in der Thalkirchnerstr. 76 im Rahmen des Euro-Arabischen Freundeskreises e.V. (EAF) seinen neuen historischen Roman „Sie kamen bis Konstantinopel“.

Auch sein neuer Roman spielt wieder in einer Umbruchszeit. Im 7. Jahrhundert n. Chr. versinkt Europa in der Barbarei und im Osten stürmen die islamischen Glaubenskrieger voran. Rom erlebt die Romanheldin als gespenstische Ruinenstadt, in Sizilien trifft sie auf den größenwahnsinnigen Kaiser Konstans, und von dort wird sie von Piraten nach Damaskus verschleppt.

Frank Stefan Becker will am Mittwochabend diese faszinierende Zeit beschreiben, Passagen aus seinem neuen Buch lesen und Dias der Omayadenbauten in Syrien, Israel und Jordanien zeigen. Ich kenne ihn von mehreren Vorträgen bei der Münchner Volkshochschule als sehr versierten Vortragenden, so daß ich eine schöne und gelungene Veranstaltung erwarte.

Meine Verwendung seines Namens zur Demonstration der MVHS-Suchfunktion war seinerzeit nicht mit ihm abgesprochen, mein jetziger Veranstaltungshinweis hingegen schon. D.h. der EAF und Frank Stefan Becker würden sich über Ihren Besuch freuen! Das Treffen beginnt ab 19 Uhr, der Vortrag dann ab 20 Uhr, der Eintritt ist frei.

Noch ein paar weiterführende Links:

Die Terminliste des EAF.

Die Gaststätte Zunfthaus München .

Ein recht interessantes Interview von Ricarda Ohligschläger mit Frank Stefan Becker in ihrem Literaturnotiz-Blog. Es handelt von seinem Weg zum Autor historischer Romane, von seinem neuen Buch, seiner Arbeitsweise und seinen zukünftigen literarischen Plänen.

Das Buch auf der Verlags-Website beim Zabern-Verlag. Hier finden Sie auch eine Leseprobe.

Eine Rezension des Buchs von Lars Perner bei Media-Mania.de.

Ein Link zum Autorenkreis Historischer Roman Quo Vadis, dessen Sprecher Frank Stefan Becker zwei Jahre lang gewesen ist. Und zu Jokers Historica. Dort finden sich in Kooperation mit Quo Vadis entstandene historische Kurzgeschichten als kostenlose MP3-Downloads, eine der Geschichten ist von Frank Stefan Becker.

Schließlich ist noch auf mehrere Veranstaltungen bei der Volkshochschule München zu verweisen. Mit der von mir beschriebenen Vorgehensweise gelangen Sie aktuell noch zu sieben buchbaren Vorträgen von Frank Stefan Becker, der Nächste hat das Thema „Tunesien - mehr als Sonne und Strand“ und ist schon am kommenden Dienstag, 13. Oktober 2009.

Mittwoch, 30. September 2009

Vandalen und Eiszeitkunst

Ich war einige Tage im Badischen und bin zweimal ohne viel eigenes Zutun in Eiszeit-Sendungen des SWR gelandet. Dazu noch eine Ausstellungsbesprechung in der Lokalzeitung. Wenn man das verallgemeinern kann, dann müßte mittlerweile im Nachbarländle die Stuttgarter Ausstellung „Eiszeit – Kunst und Kultur“ schon jedem bekannt sein.

Leider soll die Ausstellung schon am 10. Januar 2010 wieder zu Ende gehen. Wer die Austellung im Kunstgebäude Stuttgart am Schlossplatz mit der Ausstellung „Schätze des Alten Syrien – Die Entdeckung des Königreichs Qatna“ im Landesmuseum Württemberg kombinieren will, der muß zudem noch ein bisschen bis zum 17. Oktober warten.

Wegen der Laufnähe zum Hauptbahnhof empfiehlt sich die Anfahrt per Bahn. Eigentlich hatte ich gute Voraussetzungen für die Eiszeit-Ausstellung, weil ich zurück nach München von Karlsruhe mit dem Zug gefahren bin. Aber so flexibel und anpassungswillig war ich dann doch nicht.

Bleibt noch das Werbeplakat für die am 24. Oktober 2009 im Badischen Landesmuseum Karlsruhe beginnende Ausstellung „Erben des Imperiums in Nordafrika - Das Königreich der Vandalen“ zu erwähnen, das ich im Karlsruher Hauptbahnhof gesehen habe.

Freitag, 11. September 2009

Neues vom Forum Romanum im Deutschlandfunk

Im heutigen „Kultur-Heute“-Beitrag „Finanzen und Glückspiel im alten Rom - Neue Erkenntnisse zum Forum Romanum“ von Peter Meisenberg berichtete Klaus Stefan Freyberger vom Deutschen Archäologischen Institut in Rom von den Ergebnissen seines Forscherteams.

Im Beitrag dreht es sich vor allem um die Basilica Aemilia. Mehr Text zu der Basilika gibt es beim Deutschen Archäologisches Institut und in der Wikipedia, dort mit den Artikeln zur Basilica Aemilia und zum Forum Romanum.

Weitere Bilder vom heutigen Aussehen der Basilica Aemilia und dem Forum Romanum finden sich auf der Website Roma Antiqua. Dort gibt es auch einen interaktiven Übersichtsplan vom Forum, in dem man sich den im DLF-Beitrag genannten Bereich zwischen „Via Sacra und den Portiken der Basilica Aemilia“ ansehen kann.

Vom früheren Forum Romanum gibt es mehrere Rekonstruktionen im Netz. Die Wikipedia nennt zwei Beispiele, zum einen die Bilder eines von Robert Garbisch gebauten Modells, zum anderen das Digital Roman Forum von der University of California, Los Angeles.

Eine weitere Rekonstruktion gibt es auf der Website „Ewiges Rom“, ein aus einer Projektarbeit im Fach „Mediengestaltung“ an der TU Chemnitz hervorgegangenes mittlerweile privates Projekt. Und wenn man sich dann da überall schon auskennt und mehr von der Stadt sehen will bei „Rome reborn“, nach dem Spiegel-Online-Artikel „Digitales Stadtmodell: Zeitreise zu den alten Römern“ die bisher „größte und vollständigste Simulation einen historischen Stadt“.

Sonntag, 1. Februar 2009

Buchbesprechung: „Der römische Limes in Bayern“

Titel: „Der römische Limes in Bayern. Geschichte und Schauplätze entlang des UNESCO-Welterbes.“
Autoren: Thomas Fischer, Erika Riedmeier-Fischer.
Herausgegeben vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege.
Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, 2008, 230 S., Größe ca. 21 x 15,5 x 2 cm, Preis 26,90 €, ISBN 978-3-7917-2120-0

Ein Buch von Archäologen im Gesamtumfeld der Aktivitäten zur touristischen Erschließung des Limes. Es enthält neben dem geschichtlichen Teil einen Wanderführer und ist in kleinem Format zum Mitnehmen gedacht. Die Autoren verbinden wissenschaftliche Kompetenz mit jahrzehntelanger Limes-Erfahrung: Thomas Fischer ist Professor für Archäologie der römischen Provinzen, die erste Limes-Wanderung der Autoren geht auf das Jahr 1980 zurück.

Kastell Weißenburg / Biriciana (rekonstruiertes Nordtor)

Schnell werden in den ersten beiden Teilen die römische Okkupation Bayerns, erste Kastelle, das Vorschieben der Grenzlinie bis zum späteren Limes, die Spätantike mit Grenzbefestigungen und Befestigungen im Hinterland sowie die Forschungsgeschichte des Limes, Tracht und Bewaffnung der Limestruppen und die typischen militärischen Bauten am Limes überflogen.

Ab Seite 78 darf der Leser mit auf die Wanderung entlang des Limes vom ersten Wachturm auf bayerischer Seite bei der Straße zwischen Mönchsroth und Eck, bis der Limes bei Hienheim auf die Donau stößt. Die Kastelle lagen teils in Sichtweite der früheren Limes-Wachtürme, teils weiter entfernt im Hinterland und sind als Einschübe im Text beschrieben.

Kastell Pfünz / Castra Vetoniana (Mauerreste, Meilenstein-Replik, Teilrekonstruktion)

Der Wanderung schließen sich ab Seite 163 „Ausgewählte sonstige Militärplätze in Bayern von A-Z“ an. Hier finden sich die Kastelle an der Donau in der östlichen Fortsetzung des Limes, die obergermanischen Grenzkastelle am Main, die heute auf bayerischem Gebiet liegen, sowie Kastelle und Befestigungen, die während der einleitend beschriebenen Okkupation und später beim Zurückgehen auf die Donaulinie von Bedeutung waren.

Inhaltlich konzentrieren sich die Autoren sehr auf Militär, Limes und Militärplätze. Nur im Rahmen bspw. des Militärplatzes Faimingen/Phoebiana (Stadt Lauingen/Donau) mit Kastell und Stadtmauer wird auf römische Sehenswürdigkeiten wie die hier im Bild zu sehende Teilrekonstruktion der Tempelanlage des Apollo Grannus hingewiesen.

Faimingen / Phoebiana (Teilrekonstruktion Apollo-Grannus-Tempel)

Im Anhang ab Seite 214 neben einem kürzeren Literaturverzeichnis und einem langen Register ein Verzeichnis von Museen mit Funden vom Limes und seinem Hinterland (fast nur bayerische Museen, plus Aalen und Saalburg, aber ohne das Römermuseum Osterburken). Ergänzend neben den Museumsadressen auch neun allgemein weiterführende Internetadressen.

Die zahlreichen Abbildungen trennen sich in Fotografien und Zeichnungen. Bei einem großen Teil der Kastelle und Wachtürme werden Planzeichnungen zur Veranschaulichung der Lage verwendet. Die vielen Planzeichnungen sind eine sehr gute Hilfe, sich die damaligen Verhältnisse vorzustellen. Wie einmal jemand sagte: „Der Limes ist ein Bodendenkmal. Das bedeutet, daß sich der größte noch vorhandene Teil im Boden befindet.“ Die notwendige Phantasie betrifft selbst Teile, die man versucht hatte wieder sichtbar zu machen — die Autoren weisen auch mal auf eine „wenig geglückte Art“ der Rekonstruktion hin.

Lorenzberg Epfach / Abodiacum

Für die Limes-Wanderung gibt es auf jeweils zwei Buchseiten eine Überblickskarte und neun Wanderkarten. In die Wanderkarten im Format 1:50000 sind neben der Limes-Linie und den Wachtürmen auch die rückwärtigen Kastelle eingezeichnet. Neben diesen Karten sehen die aus unterschiedlichen Quellen stammenden kleinen Karten im einführenden Teil bisweilen wie eine Notlösung aus, und eine Überblickskarte für alle beschriebenen Militärplätze und aufgeführten Museen fehlt.

Die Sprache wirkt zwar sehr genau und konsistent, klingt aber mit der dauernden Verwendung von Begriffen wie „frühhadrianisch“, „spätrömisch“, „tetrachisch“, „ziviler Vicus“ plus dann und wann geologischen Fachbegriffen so, wie ich mir eine Archäologievorlesung vorstelle. Ein wirkliches Manko ist die Sprache nicht, verglichen mit der Alternative für die Auflösung der Fachbegriffe deutlich weniger Informationen zu bekommen. Die Zeitangaben dürften die Hauptschwierigkeit sein, da hilft es die Liste der römischen Kaiser bspw. aus der Wikipedia dem Buch beizulegen.

Kastell Eining / Abusina

Sofern man mit der Einschränkung des Buches auf Limes und Militärplätze zurechtkommt, ist das Buch in seiner Verbindung aus Substanz und praktischer Verwendbarkeit sicher eine sehr große Bereicherung auf dem Markt.

Einen Überblick über den Limes mit weiterführenden Links gibt es bei der schon erwähnten Wikipedia. Sehr viele weitere Links mit umfangreichen, teils von Fachleuten erstellten Texten findet sich bei Archäologie Online. Wegen Unterkunft, Verpflegung oder öffentlichen Verkehrsmitteln könnte man versuchen sich mittels der im Buch angegebenen und nah am Tourismus gebauten Internetadresse www.bayerischer-limes.de voranzuhangeln.