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Freitag, 13. November 2009

„Das Königreich der Vandalen“ in Karlsruhe

Überraschend schnell nach meinen Links auf Medienberichte von der gerade eröffneten Ausstellung „Das Königreich der Vandalen“ bin ich selbst im Karlsruher Landesmuseum gelandet. Aber wenn man Zeit hat, nur einen Kilometer entfernt ist und das Ausstellungsthema zum Zeitspringer-Blog passt, dann muß das Baby ja damit gefüttert werden.

Das Königreich der Vandalen im Badischen Landesmuseum im Karlsruher Schloss

Auf den in den Links auf Medienberichte erwähnten Artikel „Karthago ist lieblich und süss“ von Roman Hollenstein in der NZZ Online will ich hier nochmals hinweisen. Der ist eine gute Einführung in die geschichtlichen Hintergründe, die Fundsituation und die Ausstellungskonzeption. Die Ausstellung schlägt wie dort beschrieben einen Bogen von den vermutlichen Ursprüngen der Vandalen in der Przeworsk-Kultur im südöstlichen Polen bis zu ihrem Ende durch ein oströmisches Heer.

Räumlich kann man sich das im Karlsruher Schloss etwa so vorstellen: die Ausstellung befindet sich wie die seinerzeit hier besprochene Ausstellung „Zeit der Helden. Die 'dunklen Jahrhunderte' Griechenlands 1200 - 700 v. Chr“ in der Osthälfte des Erdgeschosses. Der Ein- und Ausgang der Ausstellung befindet sich im Mittelteil des Schlosses. Das Karlsruher Schloss wurde im Zweiten Weltkrieg „entkernt“ und ohne die Restaurierung der früheren Räume und ohne deren Raumtrennung im Innern wieder aufgebaut, d.h. die Ausstellung ist nur durch die Ausstellungsaufbauten gegliedert durchgängig vom Eingang bis zur Spitze des Ostflügels begehbar. Erst die Flügelspitze ist durch zwei Türen vom Ausstellungsraum abgetrennt. Dort ist ein Bastelraum für Kinder für ein museumspädagogisches Begleitprogramm eingerichtet.

Die räumlichen Gegebenheiten werden genutzt, um die Vandalen in ihrer zeitlichen Entwicklung fortlaufend vom Eingang bis zur Spitze des Ostflügels darzustellen. Rechts von der Eingangstür beginnt die Ausstellung mit den vermuteten Ursprüngen der Vandalen in der Przeworsk-Kultur, es geht dann weiter mit der Überquerung des Rheins, den Ausseinandersetzungen mit anderen germanischen Stämmen in Spanien bis hin zum Übergang nach Nordafrika. Gegenüber an der linken Wand begleitende römische Kulturzeugnisse, darunter das die Zeit veranschaulichende Elfenbein-Dyptichon mit dem römischen Heermeister Stilicho, der Sohn eines Vandalen und einer Römerin war.

Das Königreich der Vandalen im Badischen Landesmuseum im Karlsruher Schloss

Der Zeitabschnitt nach der Machtübernahme in Nordafrika hinterläßt den Eindruck, als sei dort alles weitergegangen wie bisher. Nach Aussage der Ausstellung gab es in Nordafrika die höchste Dichte an Städten im römischen Reich, mit einer provinzialrömischen Bevölkerung von zwei Millionen gegenüber vielleicht 80- oder 100000 Vandalen. So wie ich diesen Abschnitt der Ausstellung verstanden habe, wurden von den Vandalen die Landbesitzer enteignet, das Land an die Vandalen verteilt und eine vandalische Machtstruktur über die erhalten gebliebenen Selbstverwaltungsstrukturen der Städte gelegt.

Großen Raum nimmt das frühe Christentum in Nordafrika in der Ausstellung ein. Es gab vor den Vandalen widerstrebende christliche Richtungen in Nordafrika, von denen die orthodox-katholische dominant war. Die Vandalen bekannten sich zum arianischen Christentum und betrieben eine intolerante Glaubenspolitik gegen alle anderen christlichen Richtungen. Der erste glaubenstolerante Vandalenherrscher wurde nach wenigen Jahren gestürzt, sein Nachfolger unterlag bald darauf einem relativ kleinen oströmischen Invansionsheer.

In der Folge förderten die Oströmer massiv die Restauration und Erweiterung des orthodox-katholischen Kirchenbesitzes, was zahlreiche Kirchenbauten zur Folge hatte und etwa 150 Jahre später durch die arabische Eroberung beendet wurde. Die arabische Eroberung wird in Karlsruhe an der Wand zum oben erwähnten Bastelraum an der Spitze des Ostflügels dargestellt und bildet den Abschluß der Ausstellung.

Wegen unseren Problemen mit der Ausstellung am selben Ort zur letzten Jahreswende: das war hauptsächlich zum einen die Beleuchtung, zum anderen die Koppelung der Helden Homers an die „dunklen Jahrhunderte“, diese Koppelung kann ich heute immer noch nicht nachvollziehen. Die Beleuchtung ist dieses Mal bei der Vandalen-Austellung sehr gut und an der Logik der Ausstellungsdramaturgie ist auch nichts auszusetzen.

Das Königreich der Vandalen im Badischen Landesmuseum im Karlsruher Schloss

Als möglicher überspitzer Hauptkritikpunkt an der Ausstellung könnte ich mir eine Argumentation in Richtung auf „Des Kaisers neue Kleider“ vorstellen. Also die Frage, wieviel von den Vandalen eigentlich in der Ausstellung zu sehen ist. Tatsächlich scheint schon die Fundlage bei der Przeworsk-Kultur nicht so berauschend zu sein. In Nordafrika ist offenbar die provinzialrömische Produktion ohne kulturellen Umbruch weitergegangen und selbst der Glaubensstreit mit ihren Untertanen offenbarte sich laut Ausstellung „nicht in Kirchenarchitektur und Bildzeugnissen“.

Letztlich wird die Ausstellung damit zwar immer noch ihrem Thema gerecht, das relativ ungestörte Weiterführen der spätantiken römischen Kultur ist ja auch schon eine bemerkenswerte Aussage über das Königreich der Vandalen. Für die Bewertung der Ausstellung muß man aber vermutlich das Augenmerk mehr auf die von der Ausstellungskonzeption dargestellten Zusammenhänge richten. Dann liefert die Ausstellung sehr reichhaltige Einblicke in die Spätantike und ist vielseitig anregend.

Montag, 26. Oktober 2009

Spätantike Links

Letztes Wochenende ist die Ausstellung „Erben des Imperiums in Nordafrika - Das Königreich der Vandalen“ im Karlsruher Landesmuseum mit einem überraschend großen Medienecho eröffnet worden.

Hier drei Links: „Karthago ist lieblich und süss“ von Roman Hollenstein in der NZZ Online bietet umfangreiche Hintergrundinformationen. „Ein ganz neues Bild der antiken Großmacht“ von Holger Farken für den SWR glänzt mit schönen Fotografien und Video-Links. „Zivilisierte Zerstörer“ von Gabriele Höfling im Rheinischen Merkur stellt die Karlsruher Zusammenarbeit mit Tunesien und die dortigen Ausgrabungsstätten stärker in den Vordergrund.

Der oströmische Kaiser Anastasios I. war Zeitgenosse des Vandalenreiches in Nordafrika, von ihm und der Entstehung des byzantinischen Imperiums handelt ein Buch von Mischa Meier, das von Stefan Rebenich in der NZZ Online unter dem Titel „Warum das Römische Reich im Osten überlebte“ besprochen wurde.

Der nächste Link führt aus der Spätantike heraus. Aber wenn man schon auf NZZ Online ist, dann kann man sich noch den Artikel von Jürgen Tietz über die Wiedereröffnung des Neuen Museums in Berlin „Nofretete und der Elch“ ansehen.

Auch großteils außerhalb der Spätantike liegt der Deutschlandfunk-Studiozeit-Beitrag von Matthias Hennies „Gotischer Schmuck und koschere Küche“. (Ergänzend zur Grabung in Köln noch der WDR-Beitrag „Kölner Synagoge wird ausgegraben“ von David Ohrndorf aus dem letzten Jahr).

Hier will ich ein Ziel des Kölner Grabungsleiters Sven Schütte aus dem DLF-Beitrag herausgreifen: Er versucht die kontinuierliche Nutzung einer spätantiken Kölner Synagoge bis in das Mittelalter archäologisch nachzuweisen. Dadurch hätte er auch einen archäologischen Nachweis einer seit der Römerzeit kontinuierlich bestehenden jüdischen Gemeinde erbracht.

Nach dem Bericht ist dieser Punkt noch strittig, es seien aber „Historiker und Archäologen weitgehend einig“, daß in Köln schon um 800 eine Synagoge stand. Diese frühe Datierung ist vielleicht selbst schon ein Argument für eine kontinuierliche jüdische Gemeinde.

Auf das Thema bin ich via Yehudas Eintrag „Juden im antiken Augsburg“ im Blog des Jüdisch Historischen Vereins Augsburg gestoßen. Ich hatte einen Beitrag von Ludwig Berger zum Thema „Frühe jüdische Zeugnisse in den nordwestlichen Provinzen des Imperium Romanum“
im Begleitband zur Karlsruher „Imperium Romanum“-Ausstellung in Erinnerung und den dann nachgelesen.

Ludwig Berger schreibt dort: „insgesamt scheint es nicht zu gewagt, in Trier eine Synagogengemeinde anzunehmen“ und „Eine Synagogengemeinde darf mit hoher Wahrscheinlichkeit auch für Colonia Agrippina / Köln vorausgesetzt werden“. Er thematisiert für Trier aufgrund eines spätantiken Fundes in der Nähe des mittelalterlichen Judenviertels auch schon eine mögliche „örtliche Kontinuität der jüdischen Siedlung von der Spätantike ins Mittelalter“, wobei für ihn diese Frage „ohne neue archäologische Befunde“ nicht zu beantworten ist.

Ludwig Berger hatte seinen Fokus auf den linksrheinischen Gebieten. Vermutlich weil es neben mehr archäologischen Funden auch überlieferte schriftliche Hinweise auf die Präsenz von Juden gegeben hat. Was vielleicht wiederum mit dem zeitweiligen spätantiken Machtzentrum Trier zusammenhängt. Generell wird für die römischen Gebiete links des Rheins in der Zeit nach dem Limes-Fall im starken Gegensatz zu den verbliebenen Gebieten im heutigen Bayern noch von einer Spätblüte ausgegangen. (Die Nähe zum dann fränkischen Machtzentrum gilt übrigens auch für die mittelalterliche Kölner Synagoge, eine Synagoge um 800 bedeutet die Zeitgenossenschaft mit Karl dem Großen!)

Das bei Yehuda abgebildete spätantike Augsburger Lampenfragment und eine Bleiplombe aus dem 40 km entfernten Burghöfe, ebenfalls mit einer Menora, sind nach Ludwig Berger „vielleicht erste Zeugen einer größeren Gruppe Juden, die sich in der Provinzhauptstadt Augsburg niedergelassen hat“.

Sonntag, 18. Oktober 2009

Euro-Arabischer Abend mit Dr. Frank Stefan Becker

Letzten Mittwoch, 14.10.2009, präsentierte Frank Stefan Becker sein neues Buch „Sie kamen bis Konstantinopel“ beim Euro-Arabischen Freundschaftskreis e.V. (EAF) im Münchner „Zunfthaus“.

Auf den Termin hatte ich im vorletzten Eintrag hingewiesen. Der Zeitplan sah ab 19 Uhr das Treffen und um 20 Uhr den Vortrag vor; um halb acht war ich einer der spätesten Ankömmlinge im gut besetzten Saal. Der gesellige Teil findet bei den Euro-Arabischen Freunden mehr vor dem Vortrag statt, danach sind die meisten aufgebrochen. Eigentlich nicht schlecht, um die Termine gut in seinen Zeitrythmus einpassen zu können.

Buchvorstellung 'Sie kamen bis Konstantinopel' von Dr. Frank Stefan Becker beim Euro-Arabischen Freundschaftskreis am 14.10.2009 im Münchner Zunfthaus

Zu Beginn der Buchvorstellung las uns der Autor eine Schlüsselszene des Romans vor, die Ermordung des Kalifen Uthman. Zugleich ein Schlüsselereignis für den Islam, da die Nachfolgestreitigkeiten letztlich zur Spaltung in Sunniten, Schia und Charidschiten und zur Kalifen-Dynastie der Omayaden in Damaskus führten. Frank Stefan Becker skizzierte kurz diese geschichtlichen Hintergründe, in die er sein Buch bis zum arabischen Angriff auf das oströmische Konstantinopel 674 n.Chr. eingebettet hat. Die Entwicklung Europas wäre anders verlaufen, hätte nicht das Bollwerk Konstantinopel den Angriff abgewehrt und damit die Hauptmacht der arabischen Expansion von dem schwachen Europa abgehalten. (Siehe auch der Beitrag von Frank S. Becker hier).

In der Folge bekamen wir Reisefotografien von Omayadenbauten zu sehen. Die Omayaden-Dynastie markiert einen Zeitabschnitt in dieser Umbruchs- und Übergangszeit. Griechisch war zunächst noch Verwaltungssprache und die Münzen orientierten sich an byzantinischen Vorlagen. Das Interesse, die islamische Herrschaft durch neue repräsentative Bauten mit einer eigenen Formensprache auszudrücken, war zunächst gering. In den neuen Bauten wurde so nur langsam ein eigener arabischer Stil sichtbar. Also im spätantiken Stadtbild des eroberten oströmischen Gebiets noch keine baulichen Gegenakzente, nicht einmal durch Moscheen. Frank Stefan Becker nannte Beispiele, wo weiterhin prächtige christliche Kirchen ohne repräsentatives moslemisches Gegenstück weiter existierten, und die christliche Gemeinde einem Verkauf der Kirche an die Moslems widersprach. Dieser Zustand wurde erst durch eine spätere Islamisierungswelle und Kirchenenteignungen beendet.

Buchvorstellung 'Sie kamen bis Konstantinopel' von Dr. Frank Stefan Becker beim Euro-Arabischen Freundschaftskreis am 14.10.2009 im Münchner Zunfthaus

Die Bauten der Omayaden entstanden in diesem Umfeld demnach in antiker Tradition. Für mich das nachhaltigste Beispiel die Bilder der Ruinenstadt Anjar im heutigen Libanon. Eine antik geplante Stadt 740 n.Chr. gebaut, in der nach Frank Stefan Becker nur der Kalifenpalast und die Moschee vom üblichen Schema abweichen.

Frank Stefan Becker las dann noch eine Fluchtszene aus seinem Buch vor, in der einer seiner Helden in einer nabatäischen Ruinenstadt zunächst in einer in den Felsen gehauenen Nische und dann hinter einem Felsspalt ein Versteck sucht. Mit einem auf die Leinwand projezierten Reisebild im Hintergrund, das die Nische und den daneben liegenden Felsspalt zeigte. Ein starkes Beispiel für seine Arbeitsweise, er hat die meisten der im Buch beschriebenen Orte selbst besucht und versucht möglichst auf einem Gerüst gut recherchierter Fakten seine fiktiven Handlungen zu entwickeln. Folgerichtig erhält der Geschichtsinteressierte im Nachwort seines Buchs kapitelweise kurze Informationen zu den zugrundeliegenden historischen Fakten und den Quellen.

Buchvorstellung 'Sie kamen bis Konstantinopel' von Dr. Frank Stefan Becker beim Euro-Arabischen Freundschaftskreis am 14.10.2009 im Münchner Zunfthaus

Noch eine Bemerkung zu Frank Stefan Becker und seinem gastgebenden Euro-Arabischen Freundschaftskreis: im ersten historischen Roman des Autors „Der Abend des Adlers“ führte eine lange Reise zunächst vom römischen Gebiet in das kurz zuvor durch den Limesfall verlorene sogenannte Dekumatland, um dann wieder bei Augst auf römisches Gebiet zu stoßen. Daß diese Orte und die Ereignisse in dieser Zeit eine literarische Verarbeitung erfahren haben, fand ich sehr gut. Für mein Reisetemperament hätte der Held aber dort ruhig länger verweilen können und nicht so schnell weiter müssen, im selben Buch ging es aber sogar noch weiter bis nach Persien.

Der Autor hat zwar oft auf seine Reiselust hingewiesen, meine Erkenntnis, auf ganz andere Sphären gestoßen zu sein, kam aber erst am letzten Mittwoch: zunächst erzählte mir am Tisch mein Gegenüber, er habe in den 60er Jahren in Saudi-Arabien gearbeitet. Dann dessen kurzer Wortwechsel mit Frank Stefan Becker über einen Bahnhof der Hedschasbahn, den jeder von den beiden mal besucht hatte. Später eine Bemerkung des Autors in seinem Vortrag „... wer von Ihnen in Palmyra war ...“, darauf im Halbdunkel direkt vor ihm gleich zwei „Ja“ „Ja“ — im „normalen“ Umfeld wissen die meisten nicht einmal, was Palmyra ist!

Insofern ein Tipp für Interessierte an Arabien, am Nahen Osten oder Reiselustige generell: der Euro-Arabische Freundschaftskreis könnte für Sie eine bislang unentdeckte Perle in der Vereinslandschaft sein!

Vielen Dank für die Gestaltung des schönen Abends an Herrn Dr. Becker und an den Euro-Arabischen Freundschaftskreis für die gastfreundliche Aufnahme!