Mittwoch, 26. Mai 2010

Rheinzabern - Tabernae

Letzten Dezember hatte ich anläßlich des Medien-Hypes um die Kannibalen von Herxheim geschrieben, daß ich Rheinzabern und Herxheim besuchen wollte. Letzte Woche haben wir das sogar zu zweit geschafft.

Rheinzabern liegt nahe dem Rhein in der Südpfalz, weniger als 20 km Luftlinie vom südöstlich auf der anderen Rheinseite liegenden Karlsruhe entfernt. Das heutige Rheinzabern überdeckt den antiken Ort Tabernae zu annähernd 90 %, wie im „Museumskatalog Terra-Sigillata in Rheinzabern“ von Rüdiger Schulz und Walter Schellenberger zu lesen ist (von 1996 für 4,60 Euro).

Rheinzabern


Im geschichtlichen Überblick ist dort weiter zu lesen, daß Tabernae zeitweise die größte Terra-Sigillata-Manufaktursiedlung nördlich der Alpen gewesen ist, der jährliche Ausstoß wird auf 1 bis 1,5 Millionen Gefäße geschätzt. Vermutet wird, daß die dazu notwendigen reichen und hochqualitativen Tonlagerstätten durch die Römer beim Bau der linksrheinischen Fernstraße entdeckt wurden, die von Italien über den großen Bernhard kommend Basel, Straßburg, Speyer und Mainz verband. Eine zwischen 10 und 20 n.Chr. gebaute Straßenstation könnte der Ausgangspunkt der Siedlung gewesen sein.

Rheinzabern

Vieles von der späteren Entwicklung läßt sich dann anhand der Tonwaren ablesen. Der Ausbau der Militärlager am Rhein erforderte Unmengen Baukeramik wie Dachziegel und Bodenplatten, wobei die Produktionseinheiten durch Legionssiegel gekennzeichnet wurde, die späteren Reliefwaren und glatte Sigillaten meist durch eingestempelte Produzentennamen. Nach Katalog sind 600 Produzentennamen bekannt.

Terra Sigillata Museum Rheinzabern

Es wird davon ausgegangen, daß schon früh Gebrauchsgefäße entstanden und gehandelt wurden. Die Terra-Sigillata-Qualität konnte aber noch nicht erreicht werden. Terra Sigillata wird auch als das „Porzellan der Römer“ bezeichnet. Geändert hat sich das schlagartig Mitte des zweiten Jahrhunderts n.Chr., als zwei namentlich bekannte Töpfer aus alten gallischen Töpferzentren ihre Werkstätten nach Tabernae verlegten. Man kann offenbar diesen Umbruch außer an den Brennöfen auch an vergrößerten und in der Struktur geänderten Produktionsbetrieben archäologisch nachweisen.

Rheinzabern

Die Hauptabnehmer der Terra Sigillata fanden sich entlang des Rheins, in den angrenzenden römischen Provinzen entlang der Donau, und im nicht römisch beherrschten Mittel- und Osteuropa bis hin nach Skandinavien. War hier Tabernae bei seiner Terra Sigillata marktbeherrschend, war sie in England nur sehr gut und in Gallien wenig vertreten. Mit dem Fall des Limes und einer vermehrten Glasproduktion kommt es zu einem Niedergang der Produktion, die mit einer Verschlechterung der Qualität einhergeht. Archäologisch nachweisbar ist noch eine landwirtschaftliche Neunutzung eines Manufakturbetriebes. Das Siedlungsende wird laut Museumskatalog anhand eines kleinen Münzschatzes zur Zeit der Unruhen von 352 n.Chr. oder von 406 nach Chr. vermutet.

Rheinzabern

Ein sehr spannendes Thema - die Kenntnis der Produzenten und produzierten Waren im relativ kleinen Tabernae gibt einen Schlüssel Funde aus großen Teilen Europas! Als eine der Besonderheiten von Rheinzabern kommt hinzu, daß die Erforschung der seinerzeitigen Produkte und Herstellungsverfahren mit neuzeitlichen Produktionsstätten einhergeht. Der Katalog nennt als Beispiel den Fabrikanten Ludowici, der viel für die Erforschung der römischen Töpferkunst getan hat und 1883 seine Falzziegelfabrikation von Ludwigshafen nach Jockgrim bei Rheinzabern verlegt hatte.

Rheinzabern

Und die Website des Terra-Sigillata-Museums nennt aktuell häufig die Firma Schnorr Keramik als Förderer. U.a. brennt sie auch Reliefschüsselchen oder mit Kerbschnitt verzierte Tontäfelchen, die im museumspädagogischen Programm von Schülern erstellt werden können. Übrigens eine andere wesentliche Besonderheit von Rheinzabern, daß diese Angebote und der Museumsbetrieb von einem Verein getragen werden.

Rheinzabern

Was gab es für uns zu sehen? Das Terra Sigillata Museum Rheinzabern versucht die oben skizzierte Geschichte zu vermitteln. Es gibt die unterschiedlichen Töpferwaren, es wird auf deren Verwendung eingegangen, es wird auf die unterschiedlichen Produktionsverfahren und die Verbindungswege hingewiesen usf. Zusätzlich kann man in einem Raum mehr über das Alltagsleben erfahren. Man kann römische Textilien anfassen, römische Düfte riechen, römische Spiele spielen. Ganz nett eine Reihe von Tonwaren in die Tierspuren eingebrannt sind, was Rückschlüsse über die damaligen Mitbewohner zuläßt.

Rheinzabern, Kindergarten Faustinastraße

Neben dem Museumsbesuch bietet sich ein „Historischer Rundgang durch Rheinzabern“ an, ein Prospekt liegt kostenlos bei der Museumskasse bereit. Wir haben hier natürlich nur die Orte zeitlich bis zur Spätantike herausgepickt und sind über den „Römischen Friedhof“ an der Maximiliansstraße, wo wir keine Kennzeichnung gefunden haben, weiter zur Scheune aus Römerschutt gelaufen, auch ohne Kennzeichnung, im Abgleich mit dem Prospektfoto denken wir, daß es die im siebten Bild fotografierte Scheune ist.

Rheinzabern, Brennöfen im Kindergarten Faustinastraße

Dann ging es zu den römischen Brennöfen in der Faustinastraße. Die sind im Kindergarten (das Foto mit dem eingerüsteten Gebäude) integriert, da kann man von außen das Licht einschalten und auf die Brennöfen heruntersehen, zum Hinuntergehen bräuchte man aber jemand mit Schlüssel. Den römischen Brunnen vermutlich 10 Minuten entfernt haben wir in Erinnerung an unseren Weg zum Friedhof sein lassen, da war im Prospekt kein mutmachendes Bild. Wenn es der auf der Website des Museumsvereins gewesen wäre, dann hätte sich das aber noch rentiert.

Rheinzabern

Hinsichtlich unserer Tour und der Vorbereitung muß ich zugeben, daß es umständehalber sehr locker zuging. Hatte ich letztes Jahr intensiv die Website gesichtet, haben wir uns letzte Woche ziemlich schnell ohne Vorbereitung entschieden. Wir sind auch erst um die Mittagszeit angerückt und wollten zudem noch in Herxheim vorbeisehen. Für uns hat das trotzdem als Vorbereitung für einen weiteren Besuch in das gut per Bahn und Auto erreichbare Rheinzabern gepasst. Wir kommen ohnehin öfters im nahen Baden vorbei, und das an diesem Tag nicht mehr geschaffte Museum Herxheim steht ja auch noch aus. Vielleicht ist die beste Lösung ohnehin eine Kombination von Einlesen auf dem Level des Museumskatalogs und einer folgender Teilnahme an einer passend angebotenen Führung, wo man seine wichtigsten offenen Punkte nachfragen kann.

Dienstag, 25. Mai 2010

Alamannenmuseum auf der Kippe und Pernicka-Brief

Gestern nachmittag beim herumsurfen, was zwischenzeitlich passiert ist, bekam ich ein ganz besonderes ich-bin-wieder-da-Gefühl: meine Bilder sind wieder mit der Google-Bildersuche zu finden, ohne daß ich die Voreinstellung „SafeSearch: Moderat“ (bzw. neuerdings „SafeSearch - Mittel“) auf „SafeSearch - Aus“ umstellen muß. Ich finde sie sogar mit „SafeSearch - Strikt“!

Ich hatte meine Probleme mit der Google-Bildersuche vor zwei Monaten geschildert und seither nichts unternommen, außer meine Blüte-mit-Biene-Bilder als Zeichen meines guten Willens einzustellen. Kann das gereicht haben? Ich werde jedenfalls noch ein paar Klapperstorch-Bilder nachlegen und mich ansonsten nicht zu sehr freuen, morgen kann schon wieder alles anders sein.

Storch


Nun zu Wichtigerem: das Alamannenmuseum in Ellwangen steht anscheinend auf der Kippe, hier der Artikel „Schluss für Alamannenmuseum?“ von Marcel Schwarzenberger bei Chronico, hier „Ellwangen in Geldnot: Alamannenmuseum droht die Schließung“ von Eckard Scheiderer im Internetportal der Schwäbischen Zeitung, wo Sie gegen die Schließung des Museums stimmen und einen Kommentar abgeben können, und hier der Link zur Unterschriftenaktion für das Alamannenmuseum der Schwäbischen Zeitung.

Storch

Zwei ergänzende Hinweise, einer zu den Alamannen: es gibt auch ein Alamannen-Museum Vörstetten, das befindet sich im Landkreis Emmendingen, einer ganz anderen Ecke von Baden-Württemberg als Ellwangen. Träger des Alamannen-Museums Vörstetten ist laut Website der 2005 gegründete Museums- und Geschichtsverein Vörstetten. Vielleicht hilft das eher zu einem langen Dasein in ruhigeren Bahnen. Den Link verdanke ich der Twitter-Repräsentanz von Chronico.

Storch

Der zweite Hinweis auf einen Imagefilm als Informationsoffensive für die Denkmalpflege Baden-Württemberg stammt aus der Nachrichten-Rubrik von Archäologie Online. Neben diesem Film finden sich dort weitere Videos und Informationsquellen, beispielsweise kann das „Nachrichtenblatt der Landesdenkmalpflege“ als pdf-Datei heruntergeladen werden.

Storch

Ein anderes Thema, fokussiert in einem in der Zeitschrift des Deutschen Altphilologenverbandes Forum Classicum veröffentlichten Brief des betroffenen Ernst Pernicka und aufgegriffen in dem Blogeintrag von Uwe Walter „Der Dreißigsekunden-Experte – Altertumswissenschaftler im Fernsehen“.

Storch

Während meiner Abwesenheit hat sich dieser Blogeintrag sehr lesenswert über mehrere Kommentare bis hin zu einem vom Kommentator franket mit Erlaubnis des Autors Ernst Pernicka eingestellten Schreiben weiterentwickelt.

Storch

Allgemein geht es, wie es Uwe Walter in seiner Überschrift auf Punkt brachte, um den „Dreißigsekunden-Experten“ (und den gibt es nicht nur in der Altertumswissenschaft). Im Besonderen um Troja, die Theorien von Raoul Schrott und die unzureichend wiedergegebene Meinung des Troja-Experten Ernst Pernicka.

Hierzu noch ein paar Links: ein sehr interessantes Interview von Klaus-Dieter Linsmeier mit Ernst Pernicka für Epoc, ein Beitrag in der NZZ von Hans-Albrecht Koch über die Ilias-Übersetzung von Raoul Schrott. Ebenfalls in der NZZ eine Auseinandersetzung von Christian Meier mit den Gedanken von Raoul Schrott unter dem Titel „Wir sind Kinder des Okzidents“. Schließlich noch ein Artikel von Christine-Felice Röhrs im Tagespiegel unter dem Titel „Die Graben-Kämpfer“ der illustriert, daß für Kontroversen um Troja nicht auch noch Raoul Schrott nötig gewesen wäre.

Montag, 10. Mai 2010

Manchinger La-Tène-Ausstellung und weitere Links für Keltenfreunde

Simon Kahnert hat die Manchinger La-Tène-Sonderausstellung besucht und seinen Bericht in das Forum von Hassia Celtica eingestellt.

Sein Schlußsatz „Wer eine lange Anfahrt nach Manching hat, der sollte überlegen, ob er nicht lieber direkt in die Schweiz fährt“ sollte die näher Wohnenden nicht entmutigen. Erstens ist deren Anfahrt ja kurz, zweitens berichtet Simon Kahnert wohl vorrangig einem Publikum, das schon sehr sehr viel keltisches gesehen hat, drittens gibt es im Museum noch die Dauerausstellung und draußen muß an den Wallresten des Oppidums spazieren gegangen werden, das reicht für eine schöne Tagestour.

Hohmichele bei Hundersingen / der Heuneburg

Aber stressen muß man sich für die versprochenen „überraschenden Ergebnisse neuester wissenschaftlicher Untersuchungen“ anscheinend nicht: „Was die Brücke von Latène wirklich war bleibt weiterhin Spekulation“ meint Simon Kahnert.

Auf seinen Bericht bin ich via Twitter gestoßen. Dort gibt es weitere Links von ihm auf Forumseinträge zu aktuellen Medienberichten, auf Bilder vom 3. Keltentag am Dürrnberg, und auf seine ganz aktuellen nicht-keltischen Fotos aus Masada.

Hohmichele bei Hundersingen / der Heuneburg

Wer an den Kelten dran bleiben will, für den empfiehlt es sich noch eine Weile bei Hassia Celtica herumzustöbern. La Tène und Hallstatt etwas auseinandergefieselt habe ich in meinem Ausstellungshinweis im Februar. Was es in Manching sonst so zu sehen ist, das entnehme man auch meinem Blogeintrag „Wege zu den Kelten“. Und meine heutigen Fotos stammen vom Hohmichele nahe der Heuneburg.