Donnerstag, 14. November 2013

Burg Grünwald

Letzten Sonntag vor drei Wochen waren wir in der Burg Grünwald. Burg und Burgmuseum befinden sich in einer Phase von Umbauten und in einer Neupositionierung. Beim unserem vorletzten Besuch wirkte die Ausstellung auf uns ein wenig wie ein Sammelsurium ohne rechten Fokus. Nun ist ein Fokus erkennbar - die „inhaltliche Neugestaltung der Dauerausstellung unter dem Motto "Burgen in Bayern"“ - aber die Ausstellungsinhalte sind noch dünn.

Beim vorletzten Besuch war schon ein Raum mit dem großen Modell der mittelalterlicher Burg eingerichtet. Daneben war noch einiges zu den Römern und zur jüngeren Geschichte der Grünwalder Burg da. Von letzterem hat mich das meiste nicht interessiert und den irgendwie motivierten Teil mit medizinischen Anschauungsmodellen wollte ich überhaupt nicht ansehen.

Isartal nördlich der Großhesseloher Brücke

Nun haben wir die Ausstellungsfläche verkleinert vorgefunden. Die verkleinerte Fläche ist teilweise noch frei von Ausstellungsobjekten. So wie ich mal gelesen habe, sollten aber zur alten Fläche sogar noch neue Räume hinzukommen. Der neue gestaltete große Eingangsbereich ist zumindest schon da. Wir haben da die letzten beiden Stücke Marmorkuchen erworben und uns an einen der neuen Tische im Innenhof gesetzt. Inzwischen ist Winterpause und das Museum soll in den Winterpausen weiter umgebaut werden. Also freuen uns mal auf nach und nach in Dienst gestellte und bestückte neue Räume.

Der Fokus auf die Burgen in Bayern bietet sich bei den Grünwalder Voraussetzungen an. Die Burgen sind zwar nicht mein bevorzugter Zeitbereich, aber das Museum haben wir dieses Mal in besserer Stimmung verlassen als beim vorletzten Besuch. Wenn man das alles gut umsetzt, dann könnten die Perspektiven doch auch ganz gut sein: ich wußte als Kind lange nicht was Römer und Kelten sind, hatte aber zwei Ritterburgen inklusive einer größeren Zahl Ritter in allen möglichen Kleinformaten. Also wenn das heute halbwegs noch so ist und man das Interesse auf den Münchner Großraum mit 2 Millionen Einwohnern hochrechnet...

Isartal südlich der Großhesseloher Brücke

Der Hang vor der mittelalterlichen Burg zur Isar hinunter ist mit der Zeit abgerutscht, so daß wichtige Teile der ursprünglichen Burg abgerissen werden mußten. Zudem gab es in den zurückliegenden Jahrhunderten Umbauten. Es gibt aber wohl Vorstellungen, wie die Burg in den verschiedenen Zeiten ausgesehen hat, und als ideale Ergänzung zum mittelalterlichen Burgmodell in der Ausstellung auch Führungen über das Gelände, mittels denen man die alte Burg besser vor dem inneren Auge entstehen lassen kann. An dieser Stelle zwei Links: den zu den Wanderschreibern hatte ich schon im Blog. Da geht es um ein Buch über „Burgen in und um München“. Der andere Link führt zu einem ganz frischen Beitrag im Burgerbe-Blog: „Wie sahen Burgen im Mittelalter aus? Virtuelle Modelle helfen weiter“. Da sollte man sich unbedingt mal die tollen Videos ansehen.

Bei dem neu in der Grünwalder Ausstellung Vorgefundenen hat mir eine Serie von drei Modellen besonders gefallen. In den Modellen werden typische Teile einer Höhenburg, einer Turmhügelburg (Motte, Hausberg) und einer Höhenbefestigung des 9./10. Jahrhunderts dargestellt. Die Höhenburg wird teilweise durch die Elemente der Spielzeugburgen abgedeckt, von Turmhügelburgen hatte ich in dem Alter genau so wenig Ahnung wie von Römern und Kelten. Es muß aber ein sehr häufig anzutreffender Burgentyp gewesen sein. Keltische Großgrabhügel wurden teilweise als Grundlage für Turmhügelburgen verwendet. Bei der Baumburg am archäologischen Heuneburg-Wanderweg wird von einem frühkeltischen Großgrabhügel ausgegangen, der im Hochmittelalter zu einer kleinen Burganlage umgestaltet wurde.

Isartal bei Pullach

Das Modell der Höhenbefestigung des 9./10. Jahrhunderts ähnelt etwas der Struktur der nahe Grünwald gelegenen Römerschanze und der Birg bei Hohenschäftlarn. Die heute sichtbaren großen Wälle werden in die Zeit der Ungarneinfälle datiert, bei der Birg sind noch die Reste von Reiter-Annäherungshindernissen erkennbar.

Eine Attraktion der Burg Grünwald ist ihr Turm. An den Tagen an denen ich hochklettere grundsätzlich ohne Alpenpanorama. Der Turm war zwischenzeitlich mal gesperrt, sieht aber holztreppenmäßig noch wie früher aus. Die Stufen erfordern eine gewisse Trittsicherheit, aber man kann sich am Geländer festhalten und langsam hoch- und runterbewegen. Für Schwindelspezialisten und Außeratemkommer: die einzelnen Treppenabschnitte führen schnell auf das nächste Stockwerk im Turm. Man muß beim Auf- und Abstieg nicht innerhalb des Turms ganz in die Tiefe blicken und man kann sich ausruhen, ohne daß welche auf der Treppe hinterherdrängeln.

Grünwalder Brücke

Das Mindestangebot oben ist ein toller Ausblick in das Isartal, an diesem Tag sogar in Herbstfarben. Die Dame an der Museumskasse konnte mir aber nicht sagen, ob ich die Fotos in das Internet einstellen darf. Vielleicht bin auch der einzige, der wegen den Fotos vom Turm frägt. Generell ist im Museum Fotografieren ohne Blitz erlaubt. Aber ob man die Fotos in das Internet einstellen darf, muß man die Archäologische Staatssammlung fragen. (Das Burgmuseum Grünwald ist ein Zweigmuseum der Archäologischen Staatssammlung.) Ich habe stattdessen mehrere Fotos von einer Radtour auf der anderen Isarseite zwei Tage später hier eingestellt. Was für schöne Beiträge mit Fotos aus dem Museum zustande kommen können, dazu zwei aktuelle Beispiele vom „Tag der offenen Tür im Archäologiemuseum von Schloss Eggenberg“ im Blog von Hiltibold und „Salve! – Die lange Römer-Nacht im Braunschweigischen Landesmuseum“ im Kulturblog 38.

Die Grünwalder Burg war bei unserem Besuch ziemlich belebt. Vorab habe ich im Veranstaltungsticker auf der Website der Gemeinde Grünwald eine von der Volkshochschule veranstaltete Führung gefunden, die um 14 Uhr beginnen sollte. Vor Ort gab es eine weitere Führungsankündigung für 15 Uhr, von der ich auf keiner Website etwas mitbekommen habe. Die 15-Uhr-Führung haben wir bei unserem Marmorkuchen im Schlosshof gesehen, da ist eine größere Gruppe durch die Burg gezogen. Ich weiß nicht, ob die Gruppe über ein mir unbekanntes Medium oder aufgrund der Ankündigung vor Ort eingesammelt wurde. Es herrschten an dem Tag Sonderbedingungen: Sonntag, schönes Wetter, und das Burgmuseum war an einer Neuerung der vorausgehenden Langen Nacht der Münchner Museen beteiligt, nach der man mit der Karte am folgenden Sonntag einige Museen des Umlandes kostenlos besuchen konnte.

Burg Grünwald

Allgemein betrachtet sollte der Grünwalder Veranstaltungsticker eine Steigerung von Teilnehmerzahlen und Umsatz bringen. Es gibt sicher noch andere wünschenswerte Vorteile des Tickers - entsprechende Interessenten gehen hin und lernen sich kennen, die Grünwalder denken es wird etwas in Grünwald geboten usf. Aber man könnte zumindest ein wenig bei einfachen Kosten-Nutzen-Überlegungen bleiben, und daß gegebene Informationen direkt zu mehr Einnahmen führen können. Eventuell geht der Aufwand für die Information über die Volkshochschul-Führung durch die Burg „gegen Null“, um eine für die Informationsbereitstellung im Internet sehr verbreitete Formulierung zu übernehmen, wenn die Daten von der Volkhochschule automatisch in Tickerdaten umgewandelt werden könnten. Das „gegen Null“ gilt meistens dann, wenn man das Material dafür „schon hat“. Wenn man Zugriff auf die Volkhochschuldaten hat und deren Bedeutung hinsichtlich Grünwald für ein Computerprogramm eindeutig verständlich wäre, „dann hätte man die Daten“. Wenn es nur so realisiert werden kann, daß ein Mensch die Daten sichten und kopieren muß, dann sollten die Kosten nicht gegen Null gehen. Und man hat eine Ausrede dafür, daß man die Informationen nicht bringt - rentiert sich ja nicht bei dem Aufwand.

Hätte man die Daten von archäologischen Funden, Fundort und Verbleib des gefundenen Objekts, dann müßte man die Daten über die Denkmalnummer eindeutig und ohne menschliche Hilfe mit den Geo-Daten des BayernViewer-denkmal bzw. Bayern-Atlas verknüpfen können. Der Aufwand würde pro Verknüpfung gegen Null gehen. Lokale Funde werden wohl schon gern als Ausstellungsattraktion für ein lokales Publikum angesehen, im Gegensatz dazu ist es aber überraschend schwierig, ihren Verbleib zu recherchieren. Beispielsweise habe ich im Zusammenhang mit dem Heiligenbuck einen Hinweis auf ausgestellte Funde aus dem „kleinen Heiligenbuck“ in der Rastatter Ausstellung „Spuren früher Zeiten - Ärchaologische Funde in den Kreisen Rastatt und Baden-Baden von der Steinzeit bis in frühe Mittelalter“ gefunden. In dem Zusammenhang ist sogar das ausleihende Badische Landesmuseum angegeben. Aber sind diese Funde im Badischen Landesmuseum üblicherweise in der Dauerstellung zu sehen? Im Fall des Schicksals der originalen Gilchinger Meilensäule hilft einem keine offizielle Seite weiter, sondern die Information vor Ort. Wo die Funde aus dem Pullacher „Fürstengrab“ auf der gegenüber der Grünwalder Burg liegenden Pullacher Seite des Isartals geblieben sind? Keine Ahnung.

Burg Grünwald

Jetzt mecker ich noch ein bisschen weiter: die Sonderausstellung „Karfunkelstein und Seide - Neue Schätze aus Bayerns Frühzeit“ in der Archäologischen Staatssammlung fand ich toll - vorher wußte man über den Zeitraum nichts bzw. hatte Annahmen, nach denen man Gräber wie die in Unterhaching nicht vermutet hätte. Den Ausstellungskatalog / das Buch zur Ausstellung habe ich seinerzeit gekauft und auch ganz gut gefunden. Außer zu den Funden vermittelt das Buch auch Informationen darüber, auf welch verschiedenen Wegen man mittlerweile etwas herausfinden kann.

Aber nun gibt es von der Archäologischen Staatssammlung ein weiteres Buch zu dem Fund: „Unterhaching. Eine Grabgruppe der Zeit um 500 n. Chr. bei München.“ für 49 Euro. Aus dem Beschreibungstext der Archäologischen Staatssammlung ersehe ich nicht, ob es wichtige neue Erkenntnisse gibt, und wie die Stellung dieses neuen Buches gegenüber dem damaligen Begleitbuch ist. Nun ist es zwar normal, daß Museen keine Mitteilungen über spätere Veröffentlichungen zu ihren früheren Ausstellungen machen (warum eigentlich nicht?). Aber in dem Fall ist alles in einer Hand - die Funde gingen an die Archäologische Staatssammlung, bei ihr fand die Ausstellung statt und sie gibt nun diese Publikation heraus. Vielleicht wäre ein kurze frei zugängliche Zusammenfassung von wichtigen neuen Erkenntnissen unter Bezugnahme auf die damals im Begleitbuch und in der Ausstellung gemachten Aussagen fair gegenüber den damaligen Ausstellungsbesuchern und Buchkäufern?

Burg Grünwald

Wer jetzt auf der Website der Archäologischen Staatssammlung nachgesehen hat, wird feststellen, daß sich die Website gewandelt hat. Das muß irgendwann zwischen meinem Reinsehen vor dreieinhalb Wochen und letzter Woche passiert sein. Leider finde ich jetzt nur noch drei „Mitteilungen der Freunde der bayerischen Vor- und Frühgeschichte e.V.“. Wenn es so bleibt - und so wie ich die Archäologische Staatssammlung einschätze bleibt das so - finde ich das schlecht. Grottenschlecht sogar, weil es zu vielen Informationen in den Mitteilungen keine Alternativen im Netz gibt. In den Mitteilungen der Freunde der bayerischen Vor- und Frühgeschichte Nr. 32 gab es z.B. einen ausführlichen Text zum Gautinger Brandopferplatz. Der BayernViewer-denkmal hat zwar den Brandopferplatz drin, aber natürlich keinen Verweis auf gedruckte Literatur dazu (warum eigentlich nicht?). Man kann einem Verein nicht vorschreiben, daß er seine internen Mitteilungen veröffentlicht. Aber ziemlich viele der über hundert Mitteilungen waren ähnlich informativ wie die über den Gautinger Brandopferplatz und wurden nicht nur von mir verlinkt.

Frei zugängliche Texte und verknüpfbare Daten sind übrigens auch nicht nur von mir, sondern sogar „von oben“ gewollt. Siehe den Wikipedia-Artikel über die Europeana, das Video „Linked Open Data. Was ist das eigentlich?“ oder die Haltung der EU zu Open Access. Egal, wie das im einzelnen zu bewerten ist, es zeigt aus meiner Sicht hinsichtlich der Verfügbarkeit von Daten in die richtige Richtung. Und es zeigt auch einen Anspruch, mit der Entwicklung Schritt halten zu wollen.

Mittwoch, 23. Oktober 2013

Schloss Favorite

Schloss Favorite wurde 1710 bis 1730 gebaut, passt also zeitlich nicht zu meinem Blog-Bereich Graue Vorzeit bis Spätantike. Aber zwischen unseren Besuch des Heiligenbucks und unser Abendessen passte das Schloss sehr gut. Also bringe ich es für alle als Empfehlung, die in der Gegend nach Kelten- oder Römerzielen ebenfalls noch zweidrei Stündchen übrig haben.

Schloss Favorite

Die Städte Rastatt oder Baden-Baden, in die man auf den verschiedenen Wegen vom Heiligenbuck zum Schloss Favorite entweder hineinfährt oder die man tangiert, erfordern beide mehr Zeit. Bei der Anfahrt zum Schloss Favorite haben wir uns für die B36 in Richtung Rastatt entschieden, sind nach Rastatt hinein- und gut ausgeschildert in Richtung auf das Schloss wieder hinausgefahren.

Schloss Favorite

Bauherrin von Schloss Favorite war die Markgräfin Franziska Sibylla Augusta, die die Markgrafschaft Baden-Baden nach dem Tod ihres Mannes 20 Jahre lang regierte. Die Markgräfin war auch Bauherrin des Ettlinger Schlosses, das sie als Altersruhesitz verwendete. Das Ettlinger Schloss ist auf mehreren Fotos meines Ettlingen-Eintrages zu sehen, allerdings war das Schloss seinerzeit weitgehend verhängt.

Schloss Favorite

Das Residenzschloss der Markgräfin war nicht Favorite, sondern das etwa 5 km Fußweg in nordwestlicher Richtung entfernt gelegene Rastatter Schloss gewesen. Zum Bruchsaler Schloss, das ich vor einem Monat im Blog hatte, sind es vom Schloss Favorite aus für Google-Maps-Fußgänger nur 46,5 km. Dieses Schloss war seinerzeit Residenz des Fürstbistums Speyer. Und auf dem direkten Weg dahin hätte man die Markgrafschaft Baden-Durlach durchqueren müssen. Das auf dem Weg nach Bruchsal liegende Durlach war zeitweilig die Residenzstadt der Markgrafschaft Baden-Durlach.

Schloss Favorite

Alle genannten Residenzstädte wurden später Teil des Großherzogtums Baden mit der Landeshauptstadt Karlsruhe. Das Karlsruher Residenzschloss wurde für die Markgrafschaft Baden-Durlach erst etwa zur Zeit des Baus von Schloss Favorite gebaut. Fotos vom Karlsruher Schloss gibt es wegen den Ausstellungen im dortigen Badischen Landesmuseum jetzt schon zahlreich in meinem Blog. Die Stadt Durlach wurde 1938 in Karlsruhe eingemeindet und ist heute der größte Stadtteil von Karlsruhe.

Ente und Nutria im Schlosspark Favorite

Das Karlsruher Schloss ist wie das Bruchsaler Schloss im Krieg zerstört worden. Zum Schloss Favorite sehe ich in der Wikipedia nichts über Kriegszerstörungen. Stattdessen Aussagen wie „Schloss Favorite ist das älteste deutsche 'Porzellanschloss' und als einziges in der ursprünglichen Form erhalten geblieben. Bemerkenswert ist die reichhaltige Sammlung an chinesischem Porzellan und schwarzen Lackarbeiten, sowie dem Schwartz Porcelain“. Wir haben es im Schloss nur bis zur Kasse geschafft. Die Besichtigung ist nur im Rahmen einer Führung möglich und deren Zeitpunkt hätte nicht mehr zu unserem Abendessen gepasst.

Nutria im Schlosspark Favorite

Ich habe mich später mit einem älteren Freund der Familie über das Schloss Favorite unterhalten und der erinnerte sich an einen Besuch vor 30 Jahren und an ein „sehr schönes Konzert“ und „sehr schönes Porzellan“ und wollte gerne mal wieder das Schloss besuchen. Also wenn wir wieder vorbeikommen, dann versuchen wir auch an der Schlossführung teilzunehmen. Aktuell hatten wir vor allem den Park genossen, und ein Eis vom Schlosscafé Favorite direkt am großen kostenlosen Parkplatz. Der war unter der Woche ziemlich leer, und der Inhalt des einzigen Busses auf den bedrohlich vielen Busparkplätzen schien vom Schlosscafé absorbiert worden zu sein. Also es war sehr schön und sehr relaxed an dem Nachmittag dort.

Nutria am Walzbach in Weingarten

Außer an die Schlossführung werden wir auch daran denken müssen Gelbrüben/Karotten mitzunehmen. Das Tier neben der Ente in Bild 5 ist eine Nutria. Nach der Wikipedia ist das eine aus Südamerika stammende Nagetierart. In Deutschland soll keine starke Verbreitung stattfinden, weil den Tieren kein günstiges Klima geboten wird. „Manche Populationen brechen daher nach wenigen Jahren wieder zusammen.“ Nach der Wikipedia ist es aus Sicht der Wasserwirtschaft „positiv, dass Nutrias die ebenfalls eingebürgerten Bisamratten (welche erhebliche Schäden an den Wasserwegen verursachen) zurückdrängen, auch sind ihre Bestände gut kontrollierbar. Verbreitete Ansicht ist, dass es in Mitteleuropa keinen Grund gibt, sie grundsätzlich zu bekämpfen“.

Nutria am Walzbach in Weingarten

Wir hatten dieses Jahr bei einem Spaziergang am Walzbach im badischen Weingarten (so etwa 6 km Luftlinie vom Untergrombacher Michaelsberg entfernt) Nutrias kennengelernt und beim nächsten Spaziergang Karotten mitgenommen. Foto 7 und 8 stammt aus Weingarten. Mangels Gelbrübe/Karotte konnten wir die Nutria im Park von Schloss Favorite nicht zu einem längeren Fototermin überreden.

Samstag, 5. Oktober 2013

Der Heiligenbuck

Der Heiligenbuck gehört zu den Kategorien keltischer Großgrabhügel und „Fürstengrab“. Er befindet sich südlich von Hügelsheim direkt an der B36 zwischen der Einflugschneise des Flughafens Karlsruhe / Baden-Baden und der B36-Abfahrt zum Baden-Airpark. Das ist nahe des Rheins auf der östlichen Rheinseite etwa auf der Höhe von Baden-Baden. Von der Rheintalautobahn A5 ist der Grabhügel schnell zu erreichen: herunter an der Ausfahrt Baden-Baden, aber in die Gegenrichtung hin zur Staustufe Iffezheim. Die Straße zur Staustufe kreuzt die B36, auf die man in Richtung Hügelsheim und Baden-Airpark einbiegt.

Der keltische Grabhügel Heiligenbuck

Das Heiligenbuck soll schon antik beraubt worden sein. Der auf Bild 4 zu sehende Wagen ist eine zeichnerische Rekonstruktion aufgrund weniger Überbleibsel. Man glaubt aber aus dem wenigen Vorgefundenen auf eine Holzkammer mit typischer Fürstengrabausstattung mit Wagen, Trink- und Essgeschirr und eine Bestattung um 550 v.Chr. herum schließen zu können. Daß solche Großgrabhügel aufgrund ihrer auffälligen Erscheinung einen Namen bekommen haben, ist nicht ungewöhnlich. Das Gebiet um die Heuneburg kann eine kleine Liste davon aufbieten. Am bekanntesten dürfte dort wegen seiner Größe und den frühen Ausgrabungen der Hohmichele gewesen sein. Mittlerweile vermutlich in Konkurrenz mit dem Bettelbühl, dessen Name durch das im Bettelbühl-Gräberfeld gefundene „Fürstinnengrab“ immer wieder in die Medien gekommen ist.

Der keltische Grabhügel Heiligenbuck

Die Anführungszeichen habe ich um die Fürsten gesetzt, weil meines Wissens nach weder klar ist, wie die Fürstentümer der Toten ausgesehen haben, noch ob die Toten tatsächlich dessen Regenten gewesen sind. Vielleicht sind sie Bruder oder Schwester der Fürstin oder des Fürsten gewesen? Ich weiß auch nicht, ob man mittlerweile irgendeine Vorstellung von den Verhältnissen zwischen den bekannten keltischen Zentren hat. Also vielleicht stand das „Keltenfürstentum“ von Hochdorf / Hohenasperg, das durch das unberaubte Grab von Hochdorf ungleich bekannter als Hügelsheim wurde, früher sogar im Schatten von Hügelsheim?

Der keltische Grabhügel Heiligenbuck
Der keltische Grabhügel Heiligenbuck

Die Entfernungen zwischen den keltischen Zentren sind teilweise überraschend klein. Ich hatte für den Eintrag „Hohloh und Hohlohsee“ ein paar Entfernungen auf der Karte ausgemessen. Also wenn die Zentren gleichzeitig bestanden haben, hätte man abends in einer Bierlaune in Neuenbürg beschließen können, die Kelten bei Hügelsheim zu besuchen, und nach einem Marsch in der Vollmondnacht wäre man am anderen Morgen dort eingetroffen.

Hügelsheim, im Hintergrund der Nordschwarzwald

Ich glaube so eine Kleinräumigkeit ist kein Argument gegen unabhängige keltische Zentren und mögliche Streitereien zwischen ihnen. Ohne das jetzt weiter nachrecherchieren zu wollen, beziehen sich Gemälde in der Trinkhalle Baden-Baden auf einen Grafen, der mit seiner Burg auf der einen Seite des nördlich von Baden-Baden liegenden Murgtals in Auseinandersetzungen mit Ortschaften auf der anderen Talseite verwickelt war. Und das ist nur ein kleines Teilgebiet des Keltendreiecks Hügelsheim, Nagold und Neuenbürg.

Flugzeug beim Anflug auf den Flughafen Karlsruhe / Baden-Baden
Flugzeug beim Anflug auf den Flughafen Karlsruhe / Baden-Baden
Flugzeug beim Anflug auf den Flughafen Karlsruhe / Baden-Baden

Eher finde ich rätselhaft, daß unabhängige Zentren so leicht zugänglich gewesen sind. Über den Rhein - ein Altrheinarm liegt noch näher als der heutige Rheinverlauf beim Grabhügel - wäre sogar eine schnelle Annäherung möglich, ohne daß eine möglicherweise dichte Bevölkerung im Umland mit Wachhunden viel davon mitbekommen würde. Also vielleicht gab es in der Zeit noch eine übergeordnete friedensstiftende Klammer.

Keltischer Grabhügel Heiligenbuck

Um 400 v.Chr. war es mit diesen möglicherweise friedlichen Zeiten aber vorbei. In dem Gebiet, wo später zwischen Murg- und Baden-Badener Oostal Burgen entstanden (an/auf dem Battert), soll es 400 v.Chr. eine umfangreiche keltische Befestigung gegeben haben. Das sind 150 Jahre nach dem Heiligenbuck-Begräbnis und mit Blick in Richtung Hügelsheim. Also wenn man Geschichte einfach so fortschreiben kann, dann ist man vielleicht vom Zentrum am Rhein/Rheinübergang zu einem neuen Zentrum auf dem Battert umgezogen und hat für die früheren Funktionen am Rhein nur noch Außenposten hinterlassen.

Keltischer Grabhügel Heiligenbuck

Der Heiligenbuck ist Teil eines Grabhügelfeldes. Etwa in der Zeit der Ausgrabung des Heiligenbucks ebenfalls ausgegraben wurde der „Kleine Heiligenbuck“. (So eine Namenskombination für benachbarte Grabhügel gibt es auch andernorts. Hier finden sich Aufnahmen in Richtung auf den „Kleinen Hohmichele“.) Der „Kleine Heiligenbuck“ sollte 800 m in südwestlicher Richtung vom großen Heiligenbuck verschwunden sein. Wohl in der Rollfeldgegend, auf die man jetzt vom Heiligenbuck hinüber sehen kann. Reste von drei kleineren Grabhügeln sollen sich im Wald bei Hügelsheim-Kleinkanada befinden. Das wäre so etwa in südöstlicher Richtung. Der ungewöhnliche Siedlungsnamen ergibt sich aus dem früher vom kanadischen Militär genutzten Flughafen. Die Grabhügel dort sollen einen Durchmesser von etwas über 20 Meter gehabt haben, der Kleine Heiligenbuck lag in der Gegend von 37 m und der Durchmesser des Heiligenbucks soll nach geophysikalischen Messungen 60 Meter gewesen sein. Die neuzeitlich hinzugefügten Steine um den Heiligenbuck markieren diesen Durchmesser.

Keltischer Grabhügel Heiligenbuck

Die über die Zeit verlorene Höhe des Heiligenbucks wurde durch eine Kappung 1845 (also Jahrzehnte vor der 1880 erfolgten Ausgrabung) noch deutlich vermindert. Neuzeitlich aber durch eine Aufschüttung wieder erhöht. Die Aufschüttung schützt auch Teile des Orginalgrabhügels, die anscheinend noch nicht archäologisch untersucht wurden. Der Ausgräber 1880 hatte gezielt den Bereich im Zentrum ausgegraben. Näheres zu den damaligen Heiligenbuck-Ausgrabungen von Ernst Wagner finden sich im Buch „Bestattungsbrauch in der westlichen Hallstattkultur (Südwestdeutschland, Ostfrankreich, Nordwestschweiz)“ von Siegfried Kurz. Die betreffenden Stellen kann man über eine Suche nach isbn:3893253866 hügelsheim in Google-Books einsehen (via den Markierungen am Balken rechts zu den beiden Stellen springen). Wobei eine Abweichung zu berücksichtigen ist: der Heiligenbuck hat bei Kurz noch den Durchmesser von 70-74 m, die geophysikalische Messung fand erst 2003 nach Erscheinen seines Buches statt.

Zu möglichen weiteren Funden in/bei einem Fürstengrabhügel sollte man sich den Wikipedia-Eintrag zum Magdalenenberg bei Villingen-Schwenningen ansehen. Bei Florian Freistetter findet sich zu dem Thema Magdalenenberg auch noch etwas. Im Magdalenenberg wurde ebenfalls gezielt nach dem Grab in der Mitte gesucht und ein schon geplündertes Fürstengrab gefunden. Im Falle des Magdalenenbergs konnte aber später nachgegraben werden und es wurden dabei mindestens 126 weitere Gräber entdeckt. Diese Bestattungen sind vor wenigen Jahren durch die Behauptung in den Schlagzeilen gekommen, daß ihre Anordnung um den Grabhügel ein frühkeltisches Kalenderwerk darstellen soll.