Dienstag, 8. September 2020

Künstliche Intelligenz

In diesen Tagen erschienen gleich zwei Meldungen über den Einsatz der Künstlichen Intelligenz (KI) in der Archäologie. In „Künstliche Intelligenz hilft bei der Herkunftsbestimmung“ ging es um die Frage, ob vorgefundener Obsidian aus lokalen oder entfernten Quellen stammt. In „Künstliches neuronales Netz unterscheidet altsteinzeitliche Werkzeugsets“ um die Unterscheidung von afrikanischen Werkzeugsets der mittleren und späten Steinzeit. Ein paar Monate ältere Meldungen handelten von mit „tiefem Lernen“ entschlüsselter Keilschrift und von einer durch maschinelles Lernen ermöglichten zuverlässigen Klassifizierung von Paläofäkalien.

Bleibt die Künstliche Intelligenz oder geht sie wieder weg wie bald das Internet?? Und mit dem Intelligenz-Begriff komme ich für so etwas überhaupt nicht klar!? — Ich habe den zweiten (!) KI-Winter um die 1990er herum in der zweiten Reihe miterlebt. Ein früherer Kommilitone hatte da noch nicht so lange in der deutschen Niederlassung der im eben unterlegten Wikipedia-Artikel genannten Firma Symbolics gearbeitet (diese Firma hatte Ende der 1980er noch Kultstatus!) und hat mir in der Zeit gesagt, daß man „Künstliche Intelligenz“ jetzt nicht mehr sagen darf, das heißt jetzt „Wissensbasierte Systeme“. Der Begriff „Künstliche Intelligenz“ war allerdings auch in den Hype-Zeiten zuvor immer mal wieder in der Kritik. Was ist überhaupt Intelligenz? Und soll das jetzt, was die Maschine produziert, Intelligenz sein? In diesen Jahren gab es auch ein „Funkkolleg Psychobiologie: Verhalten bei Mensch und Tier“. Eine Orientierung am Verhaltens-Begriff hätte ich damals für treffender gehalten, also vielleicht so etwas wie „Intelligentes Verhalten“ - man kam ja immer nur in irgendeiner Verhaltensecke ein Stück weiter. Aber AI oder KI sind einfach prägnanter und andere Begriffe mögen zwar treffender gewesen sein, aber wären nicht so gut in den Köpfen der Leute hängen geblieben.

Man beachte dabei auch, daß es Dachbegriffe sind, unter dem sich teilweise recht unterschiedliche Disziplinen versammelten. Also in der künstlichen Intelligenz Ava in Ex Machina würden, wenn sie denn so funktionieren würde, Vorläufer etwa aus den Gebieten Robotik, Maschinelles Lernen, Wissenrepresentation oder Bildverstehen stecken, an denen schon in den 1980er Jahren geforscht wurde. Insofern gab es wie im KI-Winter-Artikel beschrieben in manchen Bereichen zwar massivste Einbrüche. Andere Bereiche sind relativ ungestört weitergelaufen. Die KI war demnach nie weg, selbst als man den Begriff nicht mehr verwenden sollte.

Das in den 1980ern unter dem Dach der KI laufende Maschinelle Lernen galt in den 1990ern zusammen mit der Statistik als Basis des Data Minings und wird seither bspw. für die Warenkorbanalyse oder zur Kundensegmentierung eingesetzt. Der Algorithmus für das zur Warenkorbanalyse genutzte „Association rule learning“ ist relativ eingängig. Den konnte man selbst nachprogrammieren oder auf einer Diskette auf der Systems noch am alten Standort Theresienhöhe mitbekommen oder später in Form von Programmpaketen wie Weka downloaden. Ich habe das „Association rule learning“ seinerzeit mal mit einer Excel-Datei mit passenden Daten ausprobiert und da kamen dann die vorhergesagt eher unintressanten Regeln heraus. Also damit sein Geld verdienen zu müssen, ist vermutlich eine richtig anstrengende Arbeit. Hinsichtlich dem KI-Einsatz markiert aber so ein schneller Einsatz dieser Algorithmen ein unteres Ende – man muß einfach wissen, daß es diese Algorithmen gibt, und sie auf vorhandene Datenbestände anwenden.

Das obere Ende beschreibt der vor drei Tagen erschienen Beitrag „Stockfish 12: das Beste aus zwei Welten“ im Schachmagazin „Perlen vom Bodensee“. Der Artikel handelt von den Auswirkungen des auf künstlichen neuronalen Netzen basierende KI-Programms AlphaZero. Das hatte vor wenigen Jahren eine größere Medienresonanz bekommen, weil es nach relativ kurzem Selbststudium mit einer allerdings riesigen Zahl von Partien Go-Meister schlagen konnte. Nicht so bekannt wurde in der breiten Öffentlichkeit, daß das Programm auch gegen klassisch programmierte Schachprogramme wie das eben im zitierten Titel genannte Stockfish eine „Blutspur“ zog. Man muß sich nun zu solchen Schachprogrammen ein Szene vorstellen, die schon seit Jahrzehnten versucht, jede mögliche Optimierung in ihre Programme aufzunehmen. Und da wurde jetzt wie der Artikel beschreibt bei Stockfish auf die Niederlage gegen die KI reagiert und die zwei Welten wurden vereint. Klassisch programmierte Schachprogramme konnten schon Meister schlagen, der „Perlen vom Bodensee“-Artikel formuliert aber eine neue, durch die KI gewonnene Qualität: „Niemand bestritt, dass AlphaZero Schach vom anderen Stern gezeigt hatte und Ideen in einer bis dahin ungekannten Tiefe demonstrierte. Speziell die Themapartien zu "Positionelle Dominanz versus Material" sollten auch das menschliche Schach auf der Elite-Ebene nachhaltig beeinflussen.“

Wer sich nun in die KI vertiefen will: bei openHPI beginnt heute der Kurs „Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen für Einsteiger“. „Schülerinnen und Schüler, aber auch interessierte Erwachsene sollen die zugrundeliegenden Konzepte kennen und verstehen lernen. Angesprochen sind alle, die noch keine Programmiererfahrung oder technisches Hintergrundwissen haben.“

Eine „Praktische Einführung in Deep Learning für Computer Vision“ startete bei openHPI im März, da ging es speziell um die künstlichen neuronalen Netze. Der Kurs ist noch für das Selbststudium zugänglich und hat höhere Anforderungen als der vorher genannte Einsteigerkurs: „Grundlegende Programmierkenntnisse, vorzugsweise in Python. Mathekenntnisse auf Abiturniveau.“ Ebenfalls bei openHPI noch für das Selbststudium zugänglich ist der Kurs „Big Data Analytics“. In ihm geht es u.a. um „modernste Data Mining-Techniken“.

Zu Weka gibt es mehrere Kurse bei Futurelearn, die in Abständen wiederholt werden. „Data Mining with Weka“ startet nach aktuellen Angaben wieder am 5. Oktober, Advanced Data Mining with Weka am 2. November. „More Data Mining with Weka“ ist „Available now“ für das Selbststudium.

Diese Weka-Kurse gehen zunehmend in die Tiefe. Aber vielleicht hat man Vorkenntnisse in der Breite und will einfach mal sehen, wie ein eingestöpseltes KI-System in so einem Umfeld aussieht? Ich habe jetzt mal bei Udemy nach dem für Chatbots verwendbaren Dialogflow gesucht und überraschend viele mögliche Kurse mit unterschiedlichsten Komponentenkombinationen gefunden.

Meine Dialogflow-Suche ist aus der Situation heraus entstanden und sollte keine Empfehlung für eine bestimmte Chatbot-Plattform darstellen, sondern nur anregen, selbst einmal spezielle Systeme bei Udemy zu suchen. Weka kannte ich etwas und das damals erschienene Buch müßte noch bei mir zu finden sein. Für meinen Text war Weka wegen der langen durchgehenden Linie interessant. Müßte ich mich ernsthaft einarbeiten, würde ich zwar wegen den alten Zeiten und dem einfachen Futurelearn-Einstieg zu Weka tendieren. Aber da es mehrere solcher Programmpakete gibt zuvor versuchen, mich hinsichtlich einer Bewertung dieses Weges umzuhören. Die openHPI-Kurse sind mehr oder weniger anspruchsvolle Einführungen, zudem kostenlos, da kann nicht viel falsch machen.

Donnerstag, 3. September 2020

Himmelsscheibe von Nebra aus der Eisenzeit?

Im Januar hatte ich einen herumliegenden und in der vorhergehenden Blogpause nicht fertig gewordenen Text erwähnt. Da sollte es wieder um den Bernstorf-Fälschungsverdacht gehen. Es gab zwar keine sensationellen Neuigkeiten, aber seit meinem Hinweis auf den Vortrag von Dr. Wunderlich in Freising im März 2018 sind ein paar Artikel erschienen. Und außerdem wollte ich für die Neulinge unter den Bernstorf-Interessenten kurz auf die wichtigsten Personen eingehen.

Mit Corona habe ich das dann wieder schleifen gelassen. Die Beteiligten, die sich über meinen Text aufregen könnten, sind ja zu einem guten Teil über 60 und die sollten sich um ihre naheliegenderen Probleme kümmern. Aber mittlerweile scheint ja alles einigermaßen zu laufen, da dachte ich könnte wieder die Bernstorf-Datei hervorkramen.

In der Situation kommt nun der Artikel „Kritische Anmerkungen zum Fundkomplex der sog.Himmelsscheibe von Nebra“ von den Professoren Rupert Gebhard und Rüdiger Krause. Über den heute online publizierten Artikel und den Widerspruch dagegen von Professor Meller hat schon der Mitteldeutschen Rundfunk in „Wissenschaftler zweifeln am Alter der Himmelsscheibe“ berichtet und das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt eine Richtigstellung veröffentlicht.

Die Professoren Rupert Gebhard und Rüdiger Krause gelten als diejenigen, die die Echtheit der strittigen Bernstorf-Funde behaupten. Dr. Wunderlich vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt glaubt nicht an die Echtheit. Im Zusammenhang mit dem Hinweis auf Dr. Wunderlichs Vortrag in Freising habe ich seinerzeit seinen und zwei weitere kritische Artikel erwähnt und verlinkt, die in der „Jahreschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte Band 96, 2017“ mit einem Vorwort des eben im Zusammenhang mit der Himmelsscheibe von Nebra erwähnten Prof. Harald Meller erschienen sind.

Freitag, 21. August 2020

Imbolc, Groundhogs und Dachstage

In den Gemischten Links vom März ging es um die im Wildschrat-Blog beschriebene zeitliche Imbolc-Bestimmung durch den Beginn der Schneeglöckchenblüte. Ich bin mit jährlich auf dem elterlichen Rasen erscheinenden Schneeglöckchen aufgewachsen und fand diese Zugangsweise ganz reizvoll.

Der von Marcellina im Kommentar genannte und zeitlich zu Imbolc passende Groundhog Day ließ mir allerdings geistig gesehen etwas die Kinnlade herunterhängen. Ich hatte bislang eine totale Groundhog-Lücke. Via „Und täglich grüßt das Murmeltier“ konnte man auch hierzulande etwas vom Groundhog Day mitbekommen, der Film ging aber an mir vorbei. Das Problem war: Wenn es zum Imbolc-Termin einen Groundhog Day gibt und der laut Wikipedia auf einen „Badger Day“ (Dachstag) in der ursprünglichen Heimat der Pennsylvania Dutch rückführbar ist, und das Gebiet aus dem die Pennsylvania Dutch ihre Sprache mitgenommen haben weniger als 20 Kilometer entfernt von meiner alten Heimat auf der anderen Rheinseite beginnt, bin ich dann aus einer Dachstag-Gegend?

Dachse hatte ich bei uns trotz jeder Menge Felder und Wald um das ehemalige Dorf herum nur ausgestopft im Karlsruher Naturkundemuseum gesehen. Es gab auch nie Hinweise von Älteren auf Spuren oder Baue im Wald, Dachse wurden nie erwähnt. Lag es daran, daß es laut Wikipedia bis in die 1970er-Jahre einen dramatischen Dachsrückgang wegen der Begasung der Rotfuchsbauten gegeben hatte? Ich habe meinen Vater gefragt, der hat bei uns auch nie einen Dachs gesehen. Ich habe noch eine kanadische Verwandte mit mennonitischen Vorfahren aus Pennsylvania wegen den Dachsen gefragt. Den Groundhog Day hatte sie sofort parat, aber von einer eventuellen Dachstag-Historie wußte sie nichts.

Man lese bei Interesse den Imbolc-Artikel in der Wikipedia. Die bleibt zwar ähnlich im Diffusen hängen, bietet aber weitere Stichworte, über die man sich bei Gefallen weiterhangeln kann. Außerdem arbeitet sie etwas das nach Omen Ausschau halten als Gemeinsamkeit heraus. Interessant ist auch der längere Teil über die frühere, wesentlich größere Bedeutung des christliche Feiertags Mariä Lichtmess. Dieser Feiertag wurde laut Wikipedia zwar zunächst im östlichen Mittelmeerraum begangen, aber dann unter Einfluß der Westkirche vom 14. auf den 2. Februar verlegt.

Die Sache mit den Schneeglöckchen bleibt für mich ein Gewinn. Ich hätte zuvor nicht sagen können, wann etwa die Schneeglöckchen anfangen zu blühen. Die Google-Bildersuche war bislang schlauer und kannte diese Koppelung. Sucht man nach Imbolc, dann antwortet die Bildersuche mit einem hohen Anteil Schneeglöckchen.

Vom Murmeltier-Film habe ich vermutlich seinerzeit das Filmplakat gesehen und den Film wegen dem Plakat und dem Murmeltier im Titel als Familienfilm oder als Disney-soßig aussortiert. Nach Durchlesen der Handlung finde ich den „Ausschau halten“-Aspekt interessant. Ich habe auf die englische Wikipedia verlinkt, die geht in einem „Concept and original draft“-Teil auf die Entstehung des Films ein. Danach ist die Verbindung von der ursprünglichen Filmidee zum Feiertag eher locker gewesen („picked the next nearest holiday, February 2,“), der „Ausschau halten“-Aspekt („using a groundhog to predict changing seasons“) spielte aber schon eine Rolle. Falls im Film tatsächlich tragend mit Imbolc, Groundhog Day, Dachstag und Mariä Lichtmess gemeinsame Inhalte erfolgreich verarbeitet wurden („become one of the highest-grossing films of 1993“), dann finde ich das schon bemerkenswert.