Donnerstag, 2. Januar 2014

„Roman Architecture“ und andere Online-Kurse

Noch einmal der Hinweis auf den schon im letzten Abschnitt des Pompeji-Eintrages erwähnten kostenlosen Online-Kurs Roman Architecture, der am 16. Januar 2014 bei Coursera startet. Ich will das hoffentlich vorhandene Interesse an dem Kurs dazu nutzen, um noch allgemein auf diese Art von Kursen einzugehen.

Diese Kurse werden manchmal unter der Bezeichnung „MOOC“ (von „Massive Open Online Course“ ) zusammengefasst. Die Bezeichnung leitet sich von der theoretisch unbegrenzten Teilnehmerzahl ab. Zu manchen Kursen gibt es tatsächlich über 100000 Anmeldungen, die Zahl der Absolventen des kompletten Kursprogramms ist dann aber viel kleiner. Ein wesentlicher Grund für die hohe Nichtabsolventenzahl ist sicher die kostenlose Teilnahme. Man kann sich wie im Fall der „Roman Architecture“ die ersten Videos ansehen und dann erst entscheiden, ob man weiter teilnimmt. Eine weitere Ursache dürfte sein, daß man bei vielen Kursen aus der Wertung fällt, wenn man begleitende Aufgaben nicht nicht in einem bestimmten Zeitraum löst. Man kann aber dennoch die Videos weiterverfolgen oder sie sich später nachträglich ansehen.

Passend zu den hohen Starterzahlen müssen die Aufgaben meist computerauswertbar durch Anklicken von Auswahlfeldern oder durch den Eintrag von Werten gelöst werden. Manchmal sind Aufgabenstellungen sinnvoller, die von Menschen ausgewertet werden müssen. Das lässt sich bei den kostenlosen Kursen mittels Peer-Review realisieren. Man begutachtet nach detaillierten Vorgaben die Lösungen mehrerer anderer Teilnehmer und mehrere andere Teilnehmer begutachten die eigene Aufgabenlösung.

Aktuell sind bei den MOOCs sowohl sehr große Unterschiede bei der Ausgestaltung der Kurse als auch zahlreiche Überschneidungen bei den Themen zu sehen. Wenn man mit einem Angebot nicht so klarkommt, dann lohnt es sich deshalb manchmal noch etwas zu warten oder bei anderen Plattformen vorbeizusehen. Derzeit gilt das vor allem bei Themen aus dem Computerbereich, aber die heute dominierenden MOOC-Plattformen sind ein sehr junges, stark in der Entwicklung befindliches Phänomen, und wenn man die Entwicklung einfach so linear fortschreiben dürfte, dann wird es bald in vielen Fachgebieten mehrere Optionen geben.

Ein wichtiger Unterschied zwischen den Kursen betrifft das weitverbreitete und auch beim Roman-Architecture-Kurs anzutreffende Schema eines gemeinsamen Starts und wöchentlich neuen Videolektionen. Bei den Udacity-Kursen kann stattdessen der Startzeitpunkt und das Kurstempo beliebig gewählt werden. Ein Nachteil des Udacity-Verfahrens für eine Plattform bzw. die zuliefernde Universität ist, daß immer betreuendes Personal für den Kurs zur Verfügung stehen muß.

Manchmal differiert die Ausgestaltung der Kurse sogar auf derselben Plattform sehr stark. Coursera etwa scheint den zuliefernden Universitäten große Freiheitsgrade zu lassen. Der Roman-Architecture-Kurs ist mit seinen 15 Wochen relativ lang - es gibt bei Coursera auch Kurse mit 4 oder 6 Wochen - es gibt zum Roman-Architecture-Kurs kein Zertifikat - normalerweise gibt es Zertifikate - und der Roman-Architecture-Kurs will mit Moderatoren arbeiten.

Moderatoren kenne ich aus anderen Kursen nicht. Die Ausnahme ist wieder Udacity, da spielt in den kostenpflichtigen Kursversionen der Coach eine ähnliche Rolle. Trotz der geringen Verbreitung scheint über Moderatoren aber auch anderswo nachgedacht zu werden. OpenHPI hat aktuell in einer Umfrage u.a. die Bereitschaft erfragt, ob man ehrenamtlich als Moderator arbeiten würde. Üblich ist meist nur ein Forum, in dem sich Kursteilnehmer über den Kurs austauschen, Lerngruppen organisieren oder Fragen an die Kursgestalter stellen können. Anscheinend mit für das Mitmachweb typisch niedrigen Mitmachquoten, aber wegen der großen Teilnehmerzahl funktionieren die Foren trotzdem. Moderatoren wären eine Möglichkeit, noch mehr Gemeinschaft hinzubekommen. Vielleicht sind Moderatoren sogar notwendig, um die Leute über 15 Wochen bei der Stange zu halten. Vielleicht sind bei OpenHPI längere Kurse geplant? Üblich sind dort die schon beim Semantic-Web-Kurs erwähnten 6 Wochen.

Vielen sollen die Online-Kurse einen Nutzen im Erwerbsleben bringen. Bei Bewerbungen würde ich sicher auch die Erwähnung eines kurzen einführenden Kurses für nützlich halten, wenn die Inhalte auf eine Position passen und die Hauptqualifikation woanders gesucht wird. Der Wert der Zertifikate könnte aber zweifelhaft sein. Bei Coursera zeigt das Roman-Architecture-Beispiel, daß es manchmal keine Zertifikate gibt. Um die Aufgaben für das normale Coursera-Zertifikat zu lösen, könnte sich problemlos jemand anders einloggen. Bei manchen Kursen bietet Coursera ein „Verified Certificate“ an, das mit einem Teilnehmerfoto und der typischen Tastaturbedienung arbeitet. Da müßte man die Aufgabenlösungen von jemand anders selbst eintippen oder reinkopieren.

EdX ähnelt Coursera mit einem derzeit kostenlosen „Honor Code Certificate“ , bei dem die Identität nicht überprüft wird, und einem kostenpflichtigen „ID Verified Certificate“ , bei dem man die Identität mit Ausweis und Foto nachweisen muß. Udacity geht in seiner kostenpflichtigen Kursversion über diese Anforderungen hinaus und überprüft die eigene Arbeit der Teilnehmer in einem Abschlußinterview. Udacity scheint auch relativ rege bei der Verwertbarkeit der Kurse zu sein, hier die Seite zur Open Education Alliance, und auf der zuvor verlinkten Udacity-FAQ-Seite ist eine Kontaktmöglichkeit für Unternehmen angegeben, die Absolventen Arbeit anbieten wollen.

Bei der Bewertung kann neben dem vermittelten Wissen in einem Kurs auch dessen Kombination mit anderen Kursen interessant sein. Nett sind da die angegebenen 6 ECTS-Leistungspunkte jedes der beiden Iversity-Kurse Web-Engineering I und Web Engineering II, die man einfach zusammenzählen kann, weil es zwischen den Kursen keine Überschneidungen gibt. Udacity gibt den Aufwand für einen Kurs in Wochen an (wenn man sich nur mit dem Kurs beschäftigen würde) und die Kurse sind relativ gut kombinierbar. EdX bietet ein XSeries Certificate für eine absolvierte Gruppe zusammengehöriger Kurse an (hat aber noch wenige Gruppen). Bei Coursera gibt es hingegen mehrere Beispiele von Kursen mit überschneidenden Inhalten, aber mit unterschiedlichem Anspruchsniveau. Manchmal werden bei Coursera die unterschiedlichen Niveaus sogar innerhalb desselben Kurses geboten. Die einen brauchen nur die Videos anschauen und vielleicht auf ein paar Fragen antworten, die anderen müssen zusätzlich noch Programmieraufgaben lösen.

Dienstag, 3. Dezember 2013

Pompeji in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung

Am 16. November waren wir in „Pompeji — Leben auf dem Vulkan“. Die Ausstellung in der Münchner Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung war am Tag zuvor für die Allgemeinheit geöffnet worden und soll dort noch bis zum 23. März 2014 zu sehen sein.

Im Kopf hatte ich noch die Bilder mehrerer Besuche von „Luxus und Dekadenz — Römisches Leben am Golf von Neapel“ 2009 in der Archäologischen Staatssammlung. Hinzu kam ein in der Zeit dieser Wanderausstellung häufig in Phoenix wiederholter Film über die römischen Luxusvillen am Golf von Neapel. Zuvor fanden 2006 ebenfalls in der Archäologischen Staatssammlung „Die letzten Stunden von Herculaneum“ statt. Und als „Vorspann“ gab es 1999 im Münchner Haus der Kunst die Ausstellung „Odysseus — Mythos und Erinnerung“, da spielten die Grotte des Tiberius bei Sperlonga und das Nymphäum des Kaisers Claudius in Baiae eine große Rolle.

Aber die schönen Sachen der alten Römern sieht man ja gern öfters. Eher hätte ich deshalb mit der Pompeji-Ausstellung noch warten können, weil ich etwas in ganz anderer Richtung befürchtete: eine Dramaturgie in der Art „Die letzten Tage von Pompeji“, etwas zum Verfall des heutigen Pompeji (ab und zu stürzt ja dort eine Mauer ein) oder ganz viele Hohlraum-Ausgüsse von Toten. Und das habe ich in dieser Novemberphase nicht gebraucht (jetzt geht es wieder, jetzt brauche ich nichts für den größer werdenden Dezemberstress). Aber ich ging mit und ich fand nichts Herunterziehendes in der Ausstellung. Sie ist „schön“, also so in der Art „Luxus und Dekadenz“ und „Odysseus — Mythos und Erinnerung“. Keine zusammengestürzten Orginalmauern in der Ausstellung, wenig Ausgüsse, und die in einem Raum konzentriert.

Die ausgestellten Mosaiken und Wandmalereien sind museal, also schon für die Ausstellung in Museen aufbereitet. Es wird hochrangigstes Kunsthandwerk gezeigt. Die Ausstellung wird auch Kunstausstellungsinteressierte ansprechen, die es nicht so mit den alten Römern haben. Hinsichtlich der Kunst will ich nicht über die Feinheiten spekulieren, etwa ob die räumlichen Voraussetzungen oder die Erfahrung mit Kunstausstellungen eine stärkere Rolle spielten, aber die Sammlung Gladiatorenhelme fand ich für archäologische Objekte fast schon zu eindrücklich. Die blieben in einem ebenfalls zum Gladiatoren-Thema gestalteten kleinen Raum der Luxus-Ausstellung einfach nur archäologische Ausstellungsstücke.

Eingangs der Pompeji-Ausstellung steht die Archäologie noch merklicher mit im Vordergrund. Da werden Zeugnisse früherer Vesuv-Ausbrüche gezeigt und die zeitliche Dimension spielt auch eine größere Rolle — man hat bronzezeitliche und eisenzeitliche Katastrophen nachweisen können. Auf der Website der Hypo-Kulturstiftung ist eine „Fußspur in der Ascheschicht eines vorgeschichtlichen Vesuvausbruches“ aus dem Eingangsbereich zu sehen. Aber schon dieser Eingangsbereich wird dominiert von „schönen“ kaiserzeitlichen Werken. Im ersten Raum etwa das wie ein Tafelbild gehängte „Mosaik mit der Darstellung eines Skeletts“ und das Bild „Bacchus und der Vesuv“ (beide sind ebenfalls auf der Website zu sehen).

Wie bildet man das „Leben auf dem Vulkan“ einer ganzen Stadt ab? Man interpretiert den Ausstellungstitel etwas frei und geht bei den ausgestellten Stücken sogar über Pompeji hinaus, zeigt also Ausstellungstücke aus der Region mit Schwerpunkt auf Pompeji. Und das Leben stellt man durch ausgewählte Beispiele dar. Also z.B. der erwähnte Raum mit Ausstellungsstücken aus einer Gladiatorenkaserne, ein Raum zum „Haus des Menander“. Auf dem Weg zum Haus des Menander ist ein Teilbereich des Raumes dem „Haus der arbeitenden Maler“ gewidmet. Später Gartenmalereien aus dem „Haus des Goldenen Armreifs“, ein Teil der Mosaikwand des Nymphäums von Massa Lubrense und Exponate aus dem Augusteum von Herculaneum.

Das „Haus der arbeitenden Maler“ ist wirklich nach den zur Zeit der Katastrophe in dem Haus arbeitenden Malern benannt. Da kann man den Malern in ihre Farbtöpfe sehen. Sonst ist wie gesagt unter den Ausstellungsstücken viel hochrangigstes Kunsthandwerk, welches sicher nicht so direkt etwas mit dem Leben auf dem Vulkan der Mehrzahl der Bevölkerung zu tun hatte. Sehr viel wird aber doch in Facetten, Texten, Zwischentönen mitgegeben. Das ist auch nicht neu, in der Luxus-Ausstellung konnte man eine eiserne Fußfessel sehen. Aber in der Pompeji-Ausstellung kam mir das Schema ausgeprägter vor.

Das „Haus des Menander“ bekam seinen Namen durch ein dort vorgefundenes Wandbild des griechischen Dichters Menander. In ihm lebte eine wohlhabende Familie mit Dienstpersonal. Im Text wird die Fundsituation der Toten im Haus beschrieben, mittelbar bekommt man also eine Vorstellung von den unterschiedlichen Schichten der Stadtbevölkerung. Ein Modell zeigt die Einbindung des Hauses in den lokalen Häuserblock mit zahlreichen wesentlich kleineren Einheiten (Läden, Wohnräume?). An der Wand ist ein großformatiges Foto von der Ausgrabung und ein eher schönes Bild vom heutigen Zustand mit Schutzdach (Bild „Peristyl im Haus des Menander“) zu sehen. Also man bekommt mittelbar mit, daß das heutige Pompeji nicht einfach so aus der Schale gepellt wurde, sondern auch ein neuzeitliches Produkt ist. (Aber es gäbe auch farblich trostlosere Bilder vom heutigen Pompeji, auf denen die Mauern nach abgenommenen Wandgemälden aussehen).

Zu den Gladiatorenhelmen ist in der Ausstellung zu lesen, daß es einen nicht lange zurückliegenden Gladiatorenaufstand gegeben hat und man alle Angriffswaffen nur in einem Raum fand. Was vermuten lässt, daß dieser Raum abgeschlossen und bewacht war. Bei einer kleinen technischen Facette in der Begrenzung vor dem angedeuteten Becken vor der „Mosaikwand des Nymphäums von Massa Lubrense“ bin ich eine Weile hängen geblieben. In einem verglasten Bereich kann man ein Stück Wasserverteiler mit Ventil aus Blei/Bronze sehen. Solche Ventile hatte ich nur aus Fernsehfilmen über die Nemi-Schiffe von Kaiser Caligula in der Erinnerung.

Also man kann außer über die schönen Dingen, die der kleine wohlhabende Teil der Bevölkerung besessen hat, auch manches über das „Leben auf dem Vulkan“ mitbekommen. Und gut, in meine Novemberstimmung hat das Abrücken in das Schöne und in Richtung Kunstausstellung gepasst. Ein anderer möglicher Kritikpunkt wären die ähnlichen Ausstellungen, die nur wenige Jahre zuvor in München stattgefunden haben. Die „Herme mit dem Portrait des Lucius Caecillus Felix“ habe ich im Katalog der Luxus-Ausstellung wiedergefunden, und im oben verlinkten Bericht von der Herculaneum-Ausstellung ist noch mehr Bekanntes zu sehen.

Fotografieren ist in der Pompeji-Ausstellung verboten, glaube ich. Ich habe gesehen, wie ein Aufseher einem klickenden Handy nachgejagt ist. In einem anderen Raum hat es einmal vom Personal unbemerkt neben mir geklickt. Wenn man an die vielen Leute mit Smartphone in der Hand in der U-Bahn denkt, muß man mittlerweile an einen Kampf gegen eingebaute Reflexe denken. Früher wären einem umständehalber nur handschriftliche Notizen in den Sinn gekommen (oder man hätte auf den Katalog gehofft). Heute gibt es einen digitalen Workflow. Man sortiert die Erinnerungsstücke zuhause geeignet mit dem größeren Rechner ein oder gibt sie gleich vom Smartphone mit einem Kommentar über das Mobilfunknetz weiter. Beim Vergleich von alten und neuen Medien sollte man immer dieses Umfeld miteinbeziehen.

Mich wundert deshalb das Festhalten an den klassischen gedruckten Ausstellungskatalogen. Es gibt sicher eine Idylle mit dem Katalog auf der Wohnzimmercouch. Man kann aber nur schlecht damit am PC arbeiten (selbst beim Spezialthema des Katalogs findet man manchmal schneller etwas im Internet, und man kann im Katalog nicht schnell ein paar Wörter markieren und danach im Internet suchen, man kann auch nicht einfach Textstellen für die Stoffsammlung übernehmen, sondern muß alles abtippen). Ich zweifle auch, ob sich eine zierliche ältere Dame beim häufig vertretenen Katalogtyp „dicke Schwarte“ so sehr nach der haptischen Erfahrung sehnt. Hinzu kommt, daß viele Erwerbstätige nur kleine Wohnungen haben und trotzdem wenig Ersparnisse, da müßte die Tendenz eigentlich später zu den noch kleineren Raumeinheiten um das Haus des Menander herum gehen. Flächendeckendes WLAN, ein Tablet-Computer und allgemein verfügbare Ausstellungsstücke in 3D würden dazu passen. Den Text dazu kann man sogar vergrößern und braucht keine Brille aufziehen. Als frisches Beispiel für so ein 3D-Projekt kann man sich einmal Smithsonian X 3D ansehen. Für die dort eingestellten Objekte braucht man einen WebGL-fähigen Browser, wobei WebGL ggf. im Browser eigens aktiviert werden muß.

Nach den Schätzen Pompejis und Herculaneums wurde schon im 18. Jahrhundert in größerem Umfang gegraben. Ein abschließender Raum widmet sich den Nachwirkungen der Funde. In Bayern sollte das von Ludwig I. in Auftrag gegebene Pompejanum bekannt sein, das nach dem Vorbild eines pompejanischen Hauses erbaut wurde. In der Ausstellung war die Büste Ludwigs von Bertel Thorvaldsen aufgestellt. Ich weiß zwar jetzt nicht, was die Büste mit Pompeji zu tun hatte, aber es war ein nettes Wiedersehen. Bertel Thorvaldsen hatte ich mit seiner Spes schon im Blog. Den erwähnten Klick neben mir gab es beim „Liebesmarkt“ nach einem Fresko in Stabiae. Das Motiv muß zeitweise ein ziemlicher Renner gewesen sein. Verständlich angesichts der langweiligen Engel, die uns jetzt wieder bevorstehen. In der Ausstellung war zu dem Motiv ein Bild, eine Vase und ein Tafelaufsatz zu sehen. Wir kannten das Motiv nur als „Amorettenverkäuferin“ von Joseph-Marie Vien. Im Web ist das Orginalbild via „woman selling cupids“ zu finden.

So einen abschließenden Blick auf die Nachwirkungen gab es auch schon häufiger. Travelwriticus etwa berichtet davon aus der Karlsruher Karthago-Ausstellung 2004. Ich finde solche Bezüge gut, ich glaube sogar man sollte das ausbauen, aber in angepasster Weise. Es wurde schon an anderer Stelle in einem Museumsleiter-Interview das Schwinden des Bildungsbürgers festgestellt, welches durch mehr Erklärungen ausgeglichen werden müsse. Die von Travelwriticus erwähnten Salammbô und Flaubert müßten also so rübergebracht werden, daß auch diejenigen in der Ausstellung stehen bleiben, die die beiden bislang nicht kannten. Anderseits wird es immer normaler, daß sich die Leute in höchster Geschwindigkeit in früher ungeahnte Informationsverästelungen bewegen. Das wird noch mehr werden, da ist kein Ende abzusehen. Es sollte eigentlich ein Netzcheck auf die Einstiegspunkte zu den Ausstellungsinhalten üblich werden. Was gibt es dazu im Internet? Könnte man nicht selbst etwas dazu reinstellen (wenn man nur um die Ecke herum eine wichtige weiterführende Information / ein Bild findet)? Kann man das, was im Netz frei verfügbar ist, auf einfache Weise an andere weitergeben (also damit über die Ausstellung kommunizieren)?

Die Ausstellung hat uns pro Person 12 Euro gekostet. Der Preis ist ok. Ich war vor ein paar Wochen in einem ähnlich teuren Kinofilm, an den ich mich weniger erinnern werde. Die Eintrittspreise zu den Ausstellungen damals in der Archäologischen Staatssammlung waren dagegen natürlich Schnäppchen. Aber man kann die Kosten der Pompeji-Ausstellung senken bzw. kostenlose Zugaben bekommen: halbe Eintrittspreise an Montagen, die nicht auf einen Feiertag fallen, kostenlose Themenführungen an manchen Dienstagen, wenn man ab 17 Uhr eine Karte bekommt, ein paar Vorträge, für die man kostenlos Karten bekommen kann, wenn man eine Eintrittskarte zur Ausstellung kauft. Es empfiehlt sich ein genauerer Blick auf die Website.

Nun noch ein Hinweis auf den kostenlosen Coursera-Online-Kurs Roman Architecture. Der Kurs startet im Januar 2014 und dauert 15 Wochen. Thema in der dritten Woche ist der „Lifestyles of the Rich and Famous: Houses and Villas at Pompeii“ und „Habitats at Herculaneum and Early Roman Interior Decoration“. In der Woche 4 geht es um „Special Subjects on Pompeian Walls“. Architekturfreaks mit viel Zeit können diesen Kurs mit dem ebenfalls im Januar startenden Blick auf die „Early Renaissance Architecture in Italy: from Alberti to Bramante“ ergänzen. Eine römische Villa kann man sich jetzt schon ausführlich im Internet ansehen. Die liegt zwar nicht im Pompeji, ist aber dafür kaiserlich: hier die Website des „Digital Hadrian's Villa Project“. Zum Einstieg sollte man sich das zugehörige Video ansehen. Eventuell nun verschnupften Katalogliebhabern kann ich in dem Zusammenhang auch noch etwas bieten: Phemios Aoidos hat über ein paar Katalogreisen geschrieben - also Reisen per gekauftem Katalog - und berichtete im August über seine Katalogreise zur Villa Adriana.

Donnerstag, 14. November 2013

Burg Grünwald

Letzten Sonntag vor drei Wochen waren wir in der Burg Grünwald. Burg und Burgmuseum befinden sich in einer Phase von Umbauten und in einer Neupositionierung. Beim unserem vorletzten Besuch wirkte die Ausstellung auf uns ein wenig wie ein Sammelsurium ohne rechten Fokus. Nun ist ein Fokus erkennbar - die „inhaltliche Neugestaltung der Dauerausstellung unter dem Motto "Burgen in Bayern"“ - aber die Ausstellungsinhalte sind noch dünn.

Beim vorletzten Besuch war schon ein Raum mit dem großen Modell der mittelalterlicher Burg eingerichtet. Daneben war noch einiges zu den Römern und zur jüngeren Geschichte der Grünwalder Burg da. Von letzterem hat mich das meiste nicht interessiert und den irgendwie motivierten Teil mit medizinischen Anschauungsmodellen wollte ich überhaupt nicht ansehen.

Isartal nördlich der Großhesseloher Brücke

Nun haben wir die Ausstellungsfläche verkleinert vorgefunden. Die verkleinerte Fläche ist teilweise noch frei von Ausstellungsobjekten. So wie ich mal gelesen habe, sollten aber zur alten Fläche sogar noch neue Räume hinzukommen. Der neue gestaltete große Eingangsbereich ist zumindest schon da. Wir haben da die letzten beiden Stücke Marmorkuchen erworben und uns an einen der neuen Tische im Innenhof gesetzt. Inzwischen ist Winterpause und das Museum soll in den Winterpausen weiter umgebaut werden. Also freuen uns mal auf nach und nach in Dienst gestellte und bestückte neue Räume.

Der Fokus auf die Burgen in Bayern bietet sich bei den Grünwalder Voraussetzungen an. Die Burgen sind zwar nicht mein bevorzugter Zeitbereich, aber das Museum haben wir dieses Mal in besserer Stimmung verlassen als beim vorletzten Besuch. Wenn man das alles gut umsetzt, dann könnten die Perspektiven doch auch ganz gut sein: ich wußte als Kind lange nicht was Römer und Kelten sind, hatte aber zwei Ritterburgen inklusive einer größeren Zahl Ritter in allen möglichen Kleinformaten. Also wenn das heute halbwegs noch so ist und man das Interesse auf den Münchner Großraum mit 2 Millionen Einwohnern hochrechnet...

Isartal südlich der Großhesseloher Brücke

Der Hang vor der mittelalterlichen Burg zur Isar hinunter ist mit der Zeit abgerutscht, so daß wichtige Teile der ursprünglichen Burg abgerissen werden mußten. Zudem gab es in den zurückliegenden Jahrhunderten Umbauten. Es gibt aber wohl Vorstellungen, wie die Burg in den verschiedenen Zeiten ausgesehen hat, und als ideale Ergänzung zum mittelalterlichen Burgmodell in der Ausstellung auch Führungen über das Gelände, mittels denen man die alte Burg besser vor dem inneren Auge entstehen lassen kann. An dieser Stelle zwei Links: den zu den Wanderschreibern hatte ich schon im Blog. Da geht es um ein Buch über „Burgen in und um München“. Der andere Link führt zu einem ganz frischen Beitrag im Burgerbe-Blog: „Wie sahen Burgen im Mittelalter aus? Virtuelle Modelle helfen weiter“. Da sollte man sich unbedingt mal die tollen Videos ansehen.

Bei dem neu in der Grünwalder Ausstellung Vorgefundenen hat mir eine Serie von drei Modellen besonders gefallen. In den Modellen werden typische Teile einer Höhenburg, einer Turmhügelburg (Motte, Hausberg) und einer Höhenbefestigung des 9./10. Jahrhunderts dargestellt. Die Höhenburg wird teilweise durch die Elemente der Spielzeugburgen abgedeckt, von Turmhügelburgen hatte ich in dem Alter genau so wenig Ahnung wie von Römern und Kelten. Es muß aber ein sehr häufig anzutreffender Burgentyp gewesen sein. Keltische Großgrabhügel wurden teilweise als Grundlage für Turmhügelburgen verwendet. Bei der Baumburg am archäologischen Heuneburg-Wanderweg wird von einem frühkeltischen Großgrabhügel ausgegangen, der im Hochmittelalter zu einer kleinen Burganlage umgestaltet wurde.

Isartal bei Pullach

Das Modell der Höhenbefestigung des 9./10. Jahrhunderts ähnelt etwas der Struktur der nahe Grünwald gelegenen Römerschanze und der Birg bei Hohenschäftlarn. Die heute sichtbaren großen Wälle werden in die Zeit der Ungarneinfälle datiert, bei der Birg sind noch die Reste von Reiter-Annäherungshindernissen erkennbar.

Eine Attraktion der Burg Grünwald ist ihr Turm. An den Tagen an denen ich hochklettere grundsätzlich ohne Alpenpanorama. Der Turm war zwischenzeitlich mal gesperrt, sieht aber holztreppenmäßig noch wie früher aus. Die Stufen erfordern eine gewisse Trittsicherheit, aber man kann sich am Geländer festhalten und langsam hoch- und runterbewegen. Für Schwindelspezialisten und Außeratemkommer: die einzelnen Treppenabschnitte führen schnell auf das nächste Stockwerk im Turm. Man muß beim Auf- und Abstieg nicht innerhalb des Turms ganz in die Tiefe blicken und man kann sich ausruhen, ohne daß welche auf der Treppe hinterherdrängeln.

Grünwalder Brücke

Das Mindestangebot oben ist ein toller Ausblick in das Isartal, an diesem Tag sogar in Herbstfarben. Die Dame an der Museumskasse konnte mir aber nicht sagen, ob ich die Fotos in das Internet einstellen darf. Vielleicht bin auch der einzige, der wegen den Fotos vom Turm frägt. Generell ist im Museum Fotografieren ohne Blitz erlaubt. Aber ob man die Fotos in das Internet einstellen darf, muß man die Archäologische Staatssammlung fragen. (Das Burgmuseum Grünwald ist ein Zweigmuseum der Archäologischen Staatssammlung.) Ich habe stattdessen mehrere Fotos von einer Radtour auf der anderen Isarseite zwei Tage später hier eingestellt. Was für schöne Beiträge mit Fotos aus dem Museum zustande kommen können, dazu zwei aktuelle Beispiele vom „Tag der offenen Tür im Archäologiemuseum von Schloss Eggenberg“ im Blog von Hiltibold und „Salve! – Die lange Römer-Nacht im Braunschweigischen Landesmuseum“ im Kulturblog 38.

Die Grünwalder Burg war bei unserem Besuch ziemlich belebt. Vorab habe ich im Veranstaltungsticker auf der Website der Gemeinde Grünwald eine von der Volkshochschule veranstaltete Führung gefunden, die um 14 Uhr beginnen sollte. Vor Ort gab es eine weitere Führungsankündigung für 15 Uhr, von der ich auf keiner Website etwas mitbekommen habe. Die 15-Uhr-Führung haben wir bei unserem Marmorkuchen im Schlosshof gesehen, da ist eine größere Gruppe durch die Burg gezogen. Ich weiß nicht, ob die Gruppe über ein mir unbekanntes Medium oder aufgrund der Ankündigung vor Ort eingesammelt wurde. Es herrschten an dem Tag Sonderbedingungen: Sonntag, schönes Wetter, und das Burgmuseum war an einer Neuerung der vorausgehenden Langen Nacht der Münchner Museen beteiligt, nach der man mit der Karte am folgenden Sonntag einige Museen des Umlandes kostenlos besuchen konnte.

Burg Grünwald

Allgemein betrachtet sollte der Grünwalder Veranstaltungsticker eine Steigerung von Teilnehmerzahlen und Umsatz bringen. Es gibt sicher noch andere wünschenswerte Vorteile des Tickers - entsprechende Interessenten gehen hin und lernen sich kennen, die Grünwalder denken es wird etwas in Grünwald geboten usf. Aber man könnte zumindest ein wenig bei einfachen Kosten-Nutzen-Überlegungen bleiben, und daß gegebene Informationen direkt zu mehr Einnahmen führen können. Eventuell geht der Aufwand für die Information über die Volkshochschul-Führung durch die Burg „gegen Null“, um eine für die Informationsbereitstellung im Internet sehr verbreitete Formulierung zu übernehmen, wenn die Daten von der Volkhochschule automatisch in Tickerdaten umgewandelt werden könnten. Das „gegen Null“ gilt meistens dann, wenn man das Material dafür „schon hat“. Wenn man Zugriff auf die Volkhochschuldaten hat und deren Bedeutung hinsichtlich Grünwald für ein Computerprogramm eindeutig verständlich wäre, „dann hätte man die Daten“. Wenn es nur so realisiert werden kann, daß ein Mensch die Daten sichten und kopieren muß, dann sollten die Kosten nicht gegen Null gehen. Und man hat eine Ausrede dafür, daß man die Informationen nicht bringt - rentiert sich ja nicht bei dem Aufwand.

Hätte man die Daten von archäologischen Funden, Fundort und Verbleib des gefundenen Objekts, dann müßte man die Daten über die Denkmalnummer eindeutig und ohne menschliche Hilfe mit den Geo-Daten des BayernViewer-denkmal bzw. Bayern-Atlas verknüpfen können. Der Aufwand würde pro Verknüpfung gegen Null gehen. Lokale Funde werden wohl schon gern als Ausstellungsattraktion für ein lokales Publikum angesehen, im Gegensatz dazu ist es aber überraschend schwierig, ihren Verbleib zu recherchieren. Beispielsweise habe ich im Zusammenhang mit dem Heiligenbuck einen Hinweis auf ausgestellte Funde aus dem „kleinen Heiligenbuck“ in der Rastatter Ausstellung „Spuren früher Zeiten - Ärchaologische Funde in den Kreisen Rastatt und Baden-Baden von der Steinzeit bis in frühe Mittelalter“ gefunden. In dem Zusammenhang ist sogar das ausleihende Badische Landesmuseum angegeben. Aber sind diese Funde im Badischen Landesmuseum üblicherweise in der Dauerstellung zu sehen? Im Fall des Schicksals der originalen Gilchinger Meilensäule hilft einem keine offizielle Seite weiter, sondern die Information vor Ort. Wo die Funde aus dem Pullacher „Fürstengrab“ auf der gegenüber der Grünwalder Burg liegenden Pullacher Seite des Isartals geblieben sind? Keine Ahnung.

Burg Grünwald

Jetzt mecker ich noch ein bisschen weiter: die Sonderausstellung „Karfunkelstein und Seide - Neue Schätze aus Bayerns Frühzeit“ in der Archäologischen Staatssammlung fand ich toll - vorher wußte man über den Zeitraum nichts bzw. hatte Annahmen, nach denen man Gräber wie die in Unterhaching nicht vermutet hätte. Den Ausstellungskatalog / das Buch zur Ausstellung habe ich seinerzeit gekauft und auch ganz gut gefunden. Außer zu den Funden vermittelt das Buch auch Informationen darüber, auf welch verschiedenen Wegen man mittlerweile etwas herausfinden kann.

Aber nun gibt es von der Archäologischen Staatssammlung ein weiteres Buch zu dem Fund: „Unterhaching. Eine Grabgruppe der Zeit um 500 n. Chr. bei München.“ für 49 Euro. Aus dem Beschreibungstext der Archäologischen Staatssammlung ersehe ich nicht, ob es wichtige neue Erkenntnisse gibt, und wie die Stellung dieses neuen Buches gegenüber dem damaligen Begleitbuch ist. Nun ist es zwar normal, daß Museen keine Mitteilungen über spätere Veröffentlichungen zu ihren früheren Ausstellungen machen (warum eigentlich nicht?). Aber in dem Fall ist alles in einer Hand - die Funde gingen an die Archäologische Staatssammlung, bei ihr fand die Ausstellung statt und sie gibt nun diese Publikation heraus. Vielleicht wäre ein kurze frei zugängliche Zusammenfassung von wichtigen neuen Erkenntnissen unter Bezugnahme auf die damals im Begleitbuch und in der Ausstellung gemachten Aussagen fair gegenüber den damaligen Ausstellungsbesuchern und Buchkäufern?

Burg Grünwald

Wer jetzt auf der Website der Archäologischen Staatssammlung nachgesehen hat, wird feststellen, daß sich die Website gewandelt hat. Das muß irgendwann zwischen meinem Reinsehen vor dreieinhalb Wochen und letzter Woche passiert sein. Leider finde ich jetzt nur noch drei „Mitteilungen der Freunde der bayerischen Vor- und Frühgeschichte e.V.“. Wenn es so bleibt - und so wie ich die Archäologische Staatssammlung einschätze bleibt das so - finde ich das schlecht. Grottenschlecht sogar, weil es zu vielen Informationen in den Mitteilungen keine Alternativen im Netz gibt. In den Mitteilungen der Freunde der bayerischen Vor- und Frühgeschichte Nr. 32 gab es z.B. einen ausführlichen Text zum Gautinger Brandopferplatz. Der BayernViewer-denkmal hat zwar den Brandopferplatz drin, aber natürlich keinen Verweis auf gedruckte Literatur dazu (warum eigentlich nicht?). Man kann einem Verein nicht vorschreiben, daß er seine internen Mitteilungen veröffentlicht. Aber ziemlich viele der über hundert Mitteilungen waren ähnlich informativ wie die über den Gautinger Brandopferplatz und wurden nicht nur von mir verlinkt.

Frei zugängliche Texte und verknüpfbare Daten sind übrigens auch nicht nur von mir, sondern sogar „von oben“ gewollt. Siehe den Wikipedia-Artikel über die Europeana, das Video „Linked Open Data. Was ist das eigentlich?“ oder die Haltung der EU zu Open Access. Egal, wie das im einzelnen zu bewerten ist, es zeigt aus meiner Sicht hinsichtlich der Verfügbarkeit von Daten in die richtige Richtung. Und es zeigt auch einen Anspruch, mit der Entwicklung Schritt halten zu wollen.