Samstag, 24. Dezember 2022

„Theodor Hierneis oder: wie man ehem. Hofkoch wird“

Das Jahr 2022 ist in vielerlei Hinsicht sehr schlecht gelaufen. Die Probleme im engeren Blog-Umfeld sind Vergleich zum stattgefundenen vermeidbaren Leiden in der Welt nicht erwähnenswert. Aber doch vorhanden. Beim Blick nach außen sticht aus der Blog-Perspektive der Manchinger Keltengold-Diebstahl hervor. Dort glaubte man tatsächlich noch etwas in petto zu haben, aber die Hoffnungen haben sich bislang anscheinend nicht erfüllt (siehe den BR-Beitrag „Golddiebstahl von Manching: Keine Bilder von Überwachungskameras“). Und beim Blick nach innen wollte ich dieses Jahr wieder auf eine normalere Blog-Frequenz kommen. Da war wohl nicht soviel davon zu merken.

Ich war zwar immer wieder am Texten, eigentlich sollte etwas Anfang November kommen, das paßt aber jetzt nicht zu Weihnachten. Ich brauche etwas Herauslösendes und empfehle den Film „Theodor Hierneis oder: wie man ehem. Hofkoch wird“ von Hans-Jürgen Syberberg. Der Film wurde im BR an Allerheiligen wiederholt und ist noch bis 26.01.2023 in der Mediathek zugreifbar. Die Wirkung ist natürlich subjektiv, ein in der Wikipedia zitierter Kritiker unterstellte Langatmigkeit. Ich sehe die nicht, ich finde alles gerade richtig und für mich hat er so einen herauslösenden Effekt, auch wenn ich nur ein paar Minuten hineinsehe.

Grundlage des Films sind die Erinnerungen von Theodor Hierneis, einem Hofkoch des bayerischen Königs Ludwig II. Walter Sedlmayr spielt den ehemaligen Hofkoch und führt die Zuschauer zu den einzelnen Stationen seines Berufslebens auf dem Weg zum Hofkoch, wobei man reichlichst die vom eben erwähnten Kritiker festgestellte „Schönheit der Bilder“ zu sehen bekommt. Der Film bringt uns den Mensch König Ludwig II näher und beschreibt die Abläufe, in denen die Essen eingebunden waren. Königstreuen einen bestimmten Essenskanon vorzugeben ist der Film nicht geeignet. Walter Sedlmayr weist als Theodor Hierneis mehrfach auf die Zahnprobleme des Königs hin. Er konnte mit Mitte 20 praktisch nichts mehr abbeißen. Vom König geliebte Gerichte sind mithin unter diesem Aspekt zu sehen.

Der Film wurde ab 1973 öffentlich gezeigt. Die Textvorlagen von Theodor Hierneis erschienen nicht sehr lange zuvor, weil er erst ab 1936 seine Erinnerungen aufgeschrieben haben soll. Im Film erzählt Walter Sedlmayr von in Bereitschaftszeiten gemachten Notizen. So kann das funktioniert haben. Denn die Zeit als Küchenjunge und später als Hofkoch von König Ludwig II lag lange zurück. Hofkoch war Hierneis in den Jahren 1884 bis 1886.

Die Veröffentlichungen kenne ich nicht. Deren Schwerpunkt auf die Gerichte und die Küchenorganisation zur Zeit von Ludwig II zu legen dürfte sich wohl außer wegen den Zahneigenarten des Königs auch deshalb verboten haben, weil in Jahren bis zum Erscheinen der Hierneis-Erinnerungen die Zeit des Wirkens von Auguste_Escoffier lag. Dessen Würdigung im Wikipedia-Artikel betrifft sowohl die Kochkunst als auch Gerichte und die Küchenorganisation. Es gibt einen bisweilen wiederholten Film „Auguste Escoffier. König der Haute-Cuisine“ von 2019, der auch das Heranziehen einer Vielzahl von neuen Köchen in großen renommierten Hotels durch Escoffier und deren Verteilen in führende Küchenpositionen in der Welt beschreibt. Da hatte sich riesig viel getan bis zu den Hierneis-Veröffentlichungen.

Die alten Kochbücher bleiben natürlich trotzdem wegen den damals bekannten Gerichten, den gebräuchlichen Bezeichnungen und den Zutaten interessant. In der Karlsruher Badischen Landesbibliothek gab es 2016 mit so einem Hintergrund eine Ausstellung unter dem Titel „Das Kochbuch in Baden 1770-1950“. Aus dem einleitenden Text über den „Wert historischer Kochbücher“: „Wann tauchen Tomaten oder Artischocken in der badischen Küche auf? Wann verschwinden Singvögel und Flusskrebse daraus? Wann verlor die Kartoffel ihr Image als Armenspeise?“ Eine tolle Ausstellungsidee und man kann sich vorstellen, daß man aus dem Buch eines badischen Hofkochs wie Joseph Willet ableiten kann, was im 19ten Jahrhundert auch bei den bayerischen Hofköchen bekannt war.

Man muß sich vergegenwärtigen, daß man zu der Zeit auch Vorlagen aus der römischen Antike kannte. Ich weiß nichts über die Resonanz zu dem Aspicius zugeschriebenen Buch „Über die Kochkunst“ und die Wikipedia läßt sich darüber auch nicht aus. „Das Gastmahl des Trimalchio“ soll aber nach seiner Wiederentdeckung 1645 und der folgenden Veröffentlichung unter den bedeutendsten Gelehrten der Zeit umstritten gewesen und muß folglich sehr bekannt gewesen sein. Hier wäre wegen dem München-Bezug die literarische Verarbeitung „Trimalchios Fest“ von Belinda Rodik von 2001 zu erwähnen, die in der Folgezeit der Wiederentdeckung spielt. Ich habe es von einem Koch empfohlen bekommen, dem es ganz gut gefallen hat. Eine Kritik aus Historikersicht habe ich jetzt noch nicht gesehen.

Wegen den starken Bezügen zu Gastmählern noch nachdrücklicher zu erwähnen ist die aktuelle Sonderausstellung „Neues Licht aus Pompeji“ in den Münchner Staatlichen Antikensammlungen (die endet Anfang April 2023, wenn sie nicht verlängert wird). Im verlinkten Artikel stellt die LMU-Professorin Ruth Bielfeldt die wichtigste Tagesmahlzeit Cena als etwas vor, zu dem in pompejanischen Familien mehrfach in der Woche geladen wurde. Wo reglementiert war, wer wo lag und was zu sehen war und bei dem Licht als aktiver Gestalter eine Rolle spielte. „Das soziale Leben verdichtete sich im Gastmahl, im Fest. Alles Networking lief über die Cena.“

Und: „.. die römische Cena hatte nichts mit Gemütlichkeit zu tun.“ Nunja, so richtig unangenehm wird es hoffentlich nicht empfunden worden sein. Aber was Walter Sedlmayr als Theodor Hierneis von häufigen einsamen Essen Ludwigs II erzählte, zu denen er nur in seiner Phantasie vorhandene geschichtliche Damen als Gesellschafterinnen empfing, klingt in so einem eventuell stressigen Cena-Zusammenhang dann doch ganz charmant.

Beim Herumhören unter Alleinlebenden, die sich jeden Weihnachtsfeiertag zusammentun oder irgendwo anhängen könnten, wird anscheinend überall mindestens ein freier Tag gewünscht. Anderseits ist das Networking sicher auch eine tolle Sache. Man kann die Gelegenheit nutzen und nach Rezepten und dem Handling von Gerichten fragen, die einem früher gut geschmeckt haben. Oder was bei solchen Events früher immer gut gefallen hat. Wie man bei Ludwig II sieht, gehen sogar fließende Übergänge. Bei manchem wird man zu spät kommen, da bräuchte man eine tatsächlich funktionierende Séance, aber vermutlich dürften etwa wegen dem geänderten Blickwinkel auch vorgestellte Gesprächspartner manchmal ganz anregend sein.

Ich wünsche allen schöne Weihnachtsfeiertage und ein gutes neues Jahr! Und hoffe im nächsten Jahr bewegt sich ganz allgemein alles wieder in besseren Bahnen.

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