Freitag, 25. Mai 2012

Familienausflug nach Neuenbürg

Neuenbürg dürfte überregional als ehemaliger Keltenort nicht so bekannt sein. Vermutlich führen in Baden-Württemberg mit weitem Abstand die Heuneburg und Hochdorf. Dieser große Abstand ist in mehreren Fällen ungerechtfertigt. Mir hängt da das Oppidum Heidengraben mit der besonderen landschaftlichen Lage im Kopf herum. Wie kommt man auf sowas, wie wurde das organisiert? Wer mal in der Nähe auf der A 8 vorbeifährt sollte sich den Ausflug auf das Plateau gönnen. Aber auch der wunderschöne Ipf ist im Hintertreffen - fehlt dort nur der Sensationsfund, oder war er wirklich als Fürstensitz gegenüber Hochdorf/Asperg und Heuneburg nachrangig?

Die Enz in Neuenbürg

Allein mit dem, was ich so aus der Ferne mitbekommen habe, könnte ich diese Liste noch zwei Abschnitte fortsetzen. Vielleicht hilft das breite Programm des Keltenjahrs 2012 Baden-Württemberg nicht nur als Ort von ein paar Sensationsfunden sondern in Gänze als ehemaliges Keltenland zu sehen. Das etwa 35 km Luftline vom enzabwärts gelegenen Hochdorf entfernte Neuenbürg wäre auch so ein Ort, der mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. Nach dem von Dr. Günther Wieland am letzten Sonntag ausgelegten Flyer wurde der Beginn der Eisenproduktion in Neuenbürg auf das 7./6. Jahrhundert v.Chr. datiert. Das sei der „bislang älteste sichere Nachweis nördlich der Alpen“. Auf dem Neuenbürger Schlossberg wurden nach dem Flyer Sensenblätter, Meißel, Armringe, Hakenschlüssel und ein Amboss aus Eisen gefunden, um Neuenbürg herum 41 Verhüttungsplätze entdeckt.

Das Schloss oberhalb der Altstadt von Neuenbürg

Im Programm des Keltenjahrs ist Neunbürg mit drei Terminen vertreten. Am letzten Sonntag sollte es auf dem Schlossberg um das Eisen schmieden vor 2500 Jahren und die Arbeitsabläufe vom ersten Finden des Erzes über die Produktion bis hin zum Verhandeln gehen. Am 8. Juli und am 7. Oktober wird am Verhüttungsplatz beim Besucherbergwerk „Frischglück“ die keltische Eisenverhüttung in einem originalgetreu nachgebauten Rennfeuerofen vorgeführt werden.

Maimarkt in Neuenbürg

Ganz am Ende des Eintrags zur Keltenschanze Kreuzpullach hatte ich darauf getippt, daß die renovierte Infotafel aus der Zeit um 1988 stammt. Damals war das Informationsumfeld komplett anders, man denke an die heimischen Lexika, die oft veraltet und nicht sehr umfangreich waren. Wie bringt man das Informationsangebot bei der Keltenschanze Kreuzpullach auf den heutigen Stand? Die Augmented Reality dürfte ein Schritt zu weit sein. Machbar wäre etwas in Richtung auf einen schnellen Schritt zu den vielen Informationen, die im Hintergrund gesammelt wurden und die man nur vernetzen und zugänglich machen müßte. Also dorthin ein Einsprungspunkt im Internet und den als QR-Code auf die Infotafel kleben.

Aufstieg auf den Schlossberg Neuenbürg

Bayern hätte schon Einträge zu den einzelnen Denkmalen im BayernViewer-denkmal, die man als Einsprungspunkte verwenden könnte. Allerdings ist der Text dort meist sehr dünn und es fehlen weiterführende Verweise, also abgesehen von den Geo-Informationen sind kaum Inhalte da. In Baden-Württemberg fehlt ein allgemein zugängliches Geo-Informationssystem wie BayernViewer-denkmal, aber die Baden-Württemberger hatten/haben speziell zu den Kelten die glänzend mit Inhalten bestückte und wissenschaftlich bis zum Auslaufen des „Schwerpunktprogramm 1171 der Deutschen Forschungsgemeinschaft“ auf dem neuesten Stand gehaltene und seit 2010 nicht mehr aktualisierte Website www.fuerstensitze.de. Ich hatte auf die Website im obigen Heuneburg-Eintrag verlinkt.

Blick vom Schlossberg hinunter nach Neuenbürg

Gut, die Website ist keine rein baden-württembergische Website und das Thema „Fürstensitze“ müßte man noch allgemein auf die Kelten umbiegen. Aber von der Grundstruktur her hätte man eine derartige auf allerneuestem wissenschaftlichem Stand gehaltene Website für ein Wechselspiel mit den Webseiten von Museen und Gemeinden vor Ort verwenden können. Oder im Falle des Keltenjahrs 2012 und irgendwelcher Keltenschanzen- und Oppida-Infotafeln in Baden-Württemberg: die wissenschaftlichen Inhalte auf www.fuerstensitze.de entsprechend ausdehnen, dazu Einsprungsseiten für die Veranstaltung, die Keltenschanze oder das Oppidum und vor Ort den QR-Code und fertig.

Schlosshof Neuenbürg

Der Schlossberg von Neuenbürg liegt als langer Geländesporn in einer Schleife der Enz. An der Spitze des Sporns das Schloss oberhalb der Altstadt von Neuenbürg, das von unten zu Fuß in etwa 15 Minuten zu erreichen ist. Hinter dem Schloss der Schlossgarten, in dem die Veranstaltung stattgefunden hat. Dahinter die Ruine des hinteren Schlosses.

Schlossgarten Neuenbürg

Wir waren etwa eine Viertelstunde nach dem offiziellen Start um 14 Uhr dort und sind etwa eine Stunde später weiter in das im Museum begehbare Märchen „Das kalte Herz“ von Wilhelm Hauff. Wie im Bild 7 zu sehen ist, verteilten sich die Besucher auf drei Stände und es war überall einfach, Fragen zu stellen. Vielleicht wurde es später noch voller, wenn einige Besucher durch den Maimarkt unten in der Stadt hängengeblieben sind.

Patrick Geiger (links) und Frank Trommer von Trommer Archäotechnik

Links im Bild 7 war der Stand der Keltenfamilie Abnoba, dann kamen Frank Trommer, Patrick Geiger und Hund Joda von Trommer Archäotechnik, dann Dr. Günther Wieland. Mit der Keltenfamilie Abnoba habe ich das Zumailen des vorgesehenen Fotos abgesprochen. Das trage ich nach, wenn ich das Einverständnis für die Veröffentlichung bekomme. Von Frank Trommer ist es schon da. Dr. Günther Wieland wollte nicht in das Internet, sie publizieren selber.

Auslage von Trommer Archäotechnik mit Hund Joda

Das ist ja schön. Passend dazu hatte ich nicht einmal eine Fragenliste für diese tolle Gelegenheit vorbereitet. Es war erst gegen Freitag ziemlich sicher, daß wir hinfahren. Dann haben wir meinen Cousin und meinen Bruder eingesammelt. Bei solchen Großunternehmen rutscht das keltische Eisen dann in den Hintergrund. Wir hätten den Blog-Eintrag dann im Team erstellen müssen, da sind meine privaten Informationstrukturen aber noch nicht so ideal. Mein Bruder hatte schon mal Messer geschmiedet, unser Cousin war mal weg und „mußte Frank Trommer ein paar Fragen stellen“ und ich weiß nicht welche. Aber ich war ja froh, daß die beiden mit sind und habe mich beim abendlichen Grillen nicht getraut, das zum Arbeitsessen umzufunktionieren.

Hintere Schlossruine Neuenbürg

Zur Entschädigung für die Leserinnen und Leser noch ein paar Links: auf der Website des Landesdenkmalamts Baden-Württemberg gibt es neben dem obigen Flyer noch einiges andere zum herunterladen, etwa ein „Nachrichtenblatt der Landesdenkmalpflege” oder dieses interessante pdf über den Einsatz von Flugzeug, Laser, Sonde und Spaten. Der nächste Link führt zu einem Interview. Prof. Harald Meller befragt Dr. Barbara Armbruster zum vorzeitlichen Metallhandwerk. Diese Tage ging der Hinweis auf „ORBIS: The Stanford Geospatial Network Model of the Roman World“ durch das Internet. Ich verlinke auf den diesbezüglichen Eintrag in der Geschichtsweberei mit dem Hinweis, daß man dort wie bei den beiden vorgenannten Links noch etwas herumstöbern sollte.

Samstag, 5. Mai 2012

Villa Rustica Möckenlohe

Wie schon im Eintrag zum Kastell Pfünz erwähnt, lag die bei Möckenlohe gefundene Villa Rustica in einem Gebiet mit sehr guten Böden und zahlreichen, bis in Jungsteinzeit zurückreichenden Besiedlungsspuren, in dem gleich mehrere römische Gutshöfe nachgewiesen wurden.

Villa Rustica Möckenlohe

Treibende Kraft wird zur Römerzeit das Militär gewesen sein. „Der römische Limes in Bayern“ gibt für das Kastell im ca. 2 km von der Villa Rustica Möckenlohe entfernten Nassenfels als Bauzeit die 90er Jahre des 1. Jahrhunderts an. Nach diesem Buch wurde das Kastell schon am Beginn des 2. Jahrhunderts von Pfünz abgelöst, legte aber die Grundlage für den Vicus Scuttarensium, einen wegen einer Straßenkreuzung und der für kleinere Wasserfahrzeuge zur Donau hin schiffbaren Schutter bedeutsam werdenden Zentralort.

Villa Rustica Möckenlohe

Das Hauptgebäude der Villa Rustica Möckenlohe soll in der Regierungszeit Kaiser Hadrians (117 - 138 n.Chr.) entstanden sein. Spuren eines Vorgängerbaus in Holz fanden sich nicht, Spuren größerer Umbauarbeiten auch nicht. Trotz des Repräsentationraums mit Apsis, Unterfußbodenheizung, verglasten und vergitterten Fenstern und Bruchstücken von Terra Sigillata wird der Gutshof mit heutigen Aussiedlerhöfen verglichen. Also ein eher „normaler“ Familienbetrieb. Das Wohnhaus soll mit den vorspringenden Eckräumen „zu dem am weitesten verbreiteten Bautyp der ländlichen Wohnarchitektur“ gehört haben. Der Gutshof ist mit dem Fall des Limes etwa 100 Jahre nach seinem Bau untergegangen.

Villa Rustica Möckenlohe

Daß die Villa Rustica Möckenlohe wiedererstanden und nicht nur ein roter Fleck in archäologischen Karten geblieben ist, haben wir Michael Donabauer zu verdanken. Begonnen als Projekt eines Mannes, in das, wie man vermuten darf, auch seine Familie stark miteinbezogen wurde, steht uns jetzt der Verein „Römervilla Möckenlohe“ gegenüber.

Villa Rustica Möckenlohe

Die heutige Form des Museumsbetriebs mit einem römischen Haustierpark wird aber trotzdem kaum von der Familie Donabauer zu trennen sein. So etwas geht wohl nur dann, wenn man auf dem Gelände daneben sowieso um 5 Uhr in der Frühe nach den eigenen Tieren sehen muß. Hier ein Luftbild, das die Römervilla zeigt. Wer zur Motivation für den Familienausflug noch mehr Pferde braucht: hier noch der Link zum Reiterhof Donabauer.

Villa Rustica Möckenlohe

Über die Geschichte des Wiederaufbaus der Villa gibt es einen ausführlichen Artikel von Petra Preis auf der Website des Landkreises Eichstätt. Es wird sogar einen Film über den „Untergang und Wiederaufbau der Römervilla in Möckenlohe“ geben. Die Filmpremiere findet am 04./05. August 2012 beim jährlichen Römischen Erntefest an der Villa Rustica in Möckenlohe statt.

Villa Rustica Möckenlohe

Wegen der zahlreichen interessanten Details sollte man schon mindestens eine Stunde einplanen. Und wegen den vielen Fragen, die einem dann einfallen können, ist die telefonisch vorab zu vereinbarende Führung sicher ein ganz interessantes Angebot.

Villa Rustica Möckenlohe

Für die Verankerung im Kopf - so kommt es mir jedenfalls vor - ist eine Darstellungsform im Zusammenhang wie bei der Römervilla Möckenlohe unschlagbar. Also vielleicht sich zuerst in Möckenlohe ansehen, was so alles dazugehörte, und dann mit einem anderen Blick konservierte Reste wie die der Villa Rustica in Karlsruhe-Durlach und der Villa Rustica Leutstetten besuchen.

Villa Rustica Möckenlohe

Hinsichtlich den Fotos bedanke ich mich bei Frau Donabauer für die Erlaubnis die auf dem Gelände der Villa gemachten Bilder in das Internet einstellen zu dürfen! Ich denke man darf generell beides, also fotografieren und einstellen, aber man kann ja noch mal nachfragen. Die Fotos sind nur als Appetithappen für die Website des Vereins „Römervilla Möckenlohe“ zu sehen, die ist viel besser bestückt und hat auch noch erläuternde Texte dazu.

Villa Rustica Möckenlohe

Abschließend noch zwei Hinweise. Zum einen auf das erste Augsburger Römerfest, das morgen und übermorgen auf dem großen Parkplatzareal hinter dem Römischen Museum stattfindet. Wer es weniger pazifistisch als in Möckenlohe mag: dort sollen nach dem verlinkten Text auch Katapultschießen und Gladiatorenkämpfe geboten werden. Passend dazu gibt es ein Buch und Buchrezension: „Die römische Armee im Experiment“.

Villa Rustica Möckenlohe

Der zweite Hinweis führt in die ganz andere Ecke der Brettspieleforscher. Spiegel Online berichtete über deren Konferenz in Haar bei München. Weitere Informationen finden sich auf der leider nicht so aktuell gehaltenen Website der Spieleforscher.

Sonntag, 29. April 2012

Kastell Pfünz

Letzten Sonntag haben wir zuerst die Villa Rustica Möckenlohe und dann das nahe liegende Kastell Pfünz (Castra Vetoniana) besucht. Wie vom Internet versprochen wurde es in unserem Zielgebiet ein fast regenfreier Nachmittag. Eine Regenwolke wartete zwar schon auf uns, als wir aus dem Haus gingen, und verfolgte uns bis Ingolstadt. Dann war bis auf ein paar Tropfen bei der Villa Rustica Ruhe. Und als wir vom Kastell Pfünz aus schließlich eine dunkle Wolkenfront gesehen haben, waren wir mit unserem Besuch schon durch und sind zurück nach München gefahren.

Kastell Pfünz - Foto von südlich dem Südtor mit einer Replik eines Meilensteins und der Trasse der ehemaligen Römerstraße

Mit unserem Eintreffen zur Öffnungszeit der Villa Rustica um 13 Uhr und abends wieder zuhause war das fast schon ein Halbtagesausflug. Alternativ böte es sich an, ab dem Kastell Pfünz auf der Trasse der ehemaligen Römerstraße in Richtung Süden zu wandern (die ehemalige Straße ist im ersten Bild neben der Replik eines römischen Meilensteins zu erkennen). Im nahen Wald soll es an der Strecke einen römischen Steinbruch geben - ich weiß nicht ob es da noch etwas zu sehen gibt. Die Römerstraße führte dann weiter in ein Gebiet mit sehr guten Böden und zahlreichen, bis in Jungsteinzeit zurückreichenden Besiedlungsspuren.

Kastell Pfünz - Foto von der Westseite mit Resten der beiden Kastellgräben

In diesem fruchtbaren Gebiet sind nahe beieinander liegend gleich mehrere römische Gutshöfe nachgewiesen, von denen die Villa Rustica Möckenlohe rekonstruiert wurde. Die Römerstraße führte weiter bis Nassenfels, einst ein bedeutender römischer Zentralort. Martin Bernstein hat eine Kombination Pfünz - Möckenlohe - Nassenfels in seinem Buch „Römerstraßen und Kultplätze“ vorgeschlagen, wobei ich seinen Plan - kleines Schwarzweiß-Luftbild mit aufgemalter Strecke - nicht für so geeignet halte. Also vielleicht besser etwas auf Wanderkartenniveau, das mit via BayernViewer-denkmal ermittelten Zielen zur Deckung gebracht werden kann.

Kastell Pfünz - Reste des Westtores

Nördlich unterhalb des Kastells Pfünz liegt die Altmühl, in römischer Zeit ein wichtiger Übergang hin zum etwa 10 km nördlich und nordöstlich verlaufenden Limes und einer nordwestlich in das römische Weißenburg führenden Straße. Das Kastell selbst liegt, wie Erika Riedmeier-Fischer und Thomas Fischer in „Der römische Limes in Bayern“ schreiben, „auf dem Kirchberg hoch über dem Dorf, einem Jurasporn zwischen den Tälern der Altmühl und des Pfünzer Baches.“

Kastell Pfünz - rekonstruierter Nordwestturm und Reste der beiden Kastellgräben

Das ist eine für römische Kastelle atypisch gute Verteidigungsposition. Wer schon einige Limeskastelle hinter sich hat, wird von der Lage überrascht sein. Für Neueinsteiger ein Zitat aus „Welterbe Limes - Roms Grenze am Main“ von Bernd Steidl: unter der Überschrift „Kastelle - Städte im Kleinen“ schreibt er „Römische Kastellanlagen waren trotz vorgelagerter Gräben und hochragender Wehrmauern keine auf Verteidigung ausgerichteten Befestigungswerke, sondern umwehrte Kasernen von stark urbanem Charakter. Das erklärt auch den im Laufe der Zeit voranschreitenden Ausbauzustand, der nicht selten zunehmende Bequemlichkeiten, äußere Verschönerungen und ein insgesamt repräsentatives Erscheinungsbild hervorbrachte“.

Kastell Pfünz - rekonstruierter Eckturm mit Blick in das Altmühltal

Beispiele dieses nicht so sehr auf die Verteidigung ausgerichtet sein hatte ich mit den Limes-Cicerones kennengelernt: das Aalener Reiterkastell würde ich als auf einem großflächig sanft abfallenden Gelände liegend bezeichnen. Noch deutlich ungünstiger lag das Kastell Osterburken unterhalb eines relativ stark abfallenden Hangs. Das in Osterburken an das Kastell angehängte und in den Hang hineingebaute Annexkastell sieht zumindest wie ein verteidigungstechnischer Korrekturversuch aus. Wie sich die Denkweise nach dem Fall des Limes änderte, zeigt das Beispiel des Kastells Eining. Dort hat man einen besser verteidigbaren Burgus in eine Ecke des Kastells gebaut.

Kastell Pfünz - aus zwei Fotos zusammengebauter Blick in das Altmühltal

Auf der Hochfläche oberhalb Pfünz angekommen sieht aber alles wieder nach einem typisch aufgebautem Limeskastell aus: das Kastell ist keineswegs an alle drei abfallenden Seiten des Sporns angepasst, sondern zeigt die typische Rechteckform und nützt nur mit der an den Hang herangerückten Ostseite die für die Verteidigung günstige Lage bestmöglichst aus. In der Interaktiven Grafik des Historischen Vereins Eichstätt wird dieses abfallende Gelände auf der Ostseite des Kastells m.A. nach nicht deutlich. Im Westen und im Norden des Kastells blieben Freiflächen. Auf der schmäleren Fläche im Westen reicht das heutzutage immerhin noch für einen größeren Parkplatz. Mein zweites Bild ist von der Westseite aufgenommen und zeigt die beiden Gräben, die auf dieser Seite des Kastells noch am besten erhalten sind. Nach einer Infotafel soll auf der Ostseite wegen der Lage ein Graben eingespart worden sein, an den anderen drei Seiten hätte es zwei gegeben. Nach „Der römische Limes in Bayern“ und Wikipedia (ein sehr umfangreicher Artikel zu Pfünz) gab es auf der Südseite nur einen Graben, der besonders breit und tief war.

Kastell Pfünz - Kastellmauerrekonstruktion mit Erdaufschüttung

Im rekonstruierten Eckturm herumkletternd habe ich über den Sinn von Normierungen nachgedacht. Wachdienst einteilen war einfacher, Notfallpläne mußten nur einmal erstellt werden. Erfahrene Soldaten kannten die Schwachstellen eines Kastells - ihre Gegner mit der Zeit sicher auch. Vielleicht war für eine flexiblere Lösung im System gar keine Verwaltungs- und Entscheidungskompetenz verfügbar und vorgesehen. Vielleicht war auch wirklich das vermittelte Lebensgefühl die wesentliche Komponente.

Kastell Pfünz - Blick auf die zum großen Teil landwirtschaftlich genutzte Innenfläche

Das Castra Vetoniana muß ziemlich plötzlich gefallen und Kastell und Kastellort in einem Brand zerstört worden sein. Mehr dazu gibt es im ausführlichen Text zum Kastell Pfünz in der Wikipedia zu lesen. Das Ausnützen der Hanglagen war letztlich überhaupt nicht mehr entscheidend, wenn - wie in der Wikipedia spekuliert wird - die Angreifer möglicherweise garnicht als solche rechtzeitig erkannt wurden.

Kastell Pfünz - im rekonstruierten Nordwestturm

Die Rekonstruktion eines Teils der Umwehrung des Kastells gilt in „Der römische Limes in Bayern“ als „wenig geglückt“. Die Wikipedia hat das aufgegriffen. Vor Ort gibt es zum heutigen Stand der Diskussion auf einer der Infotafeln etwas zu lesen (siehe Bild 12). Der Heimatverein Vetoniana berichtet über die Entwicklung von den Ausgrabungen bis hin zur Rekonstruktion und schreibt: „Wenn das Projekt der Rekonstruktion des Kastells Pfünz auch seine Kritiker hat, zeigt doch das große Interesse der Besucher aus fern und nah, daß es richtig ist, Zeugen der alten Zeit wieder sichtbar zu machen.“

Kastell Pfünz - Rekonstruktion auf der Nordseite

Vor Ort sieht es wirklich so aus, daß die Rekonstruktion für die meisten Besucher die Hauptattraktion ist. Wir sind ja auch dort am längsten hängen geblieben. Vielleicht kamen so etwas über 20 Besucher in den eineinhalb Stunden, in denen wir bei dem ehemaligen Kastell waren. Davon ist eine Mehrzahl vom Parkplatz via Westtor nur zur Rekonstruktion im Norden und wieder zurück gelaufen, hat also nicht den kompletten Rundweg um die Ostseite des Kastells gemacht.

Kastell Pfünz - Rekonstruktion des Nordtores

Man könnte diese Rekonstruktion als Vorlage nehmen, um zu zeigen wie es nach heutigem Stand wahrscheinlicher gewesen ist. Dazu müßte man sauberer zwischen dem trennen, was vermutet wird, und da am besten die Plausibilät angeben und Gegenstimmen zulassen, und dem, was in Pfünz wirklich nachgewiesen wurde, außerdem müßte das bildhaft besser dargestellt werden. Platz wäre für Text und Bilder bei einer Kombination von Infotafeln und QR-Code im Web genug vorhanden.

Kastell Pfünz - Infotafel beim rekonstruierten Nordtor

Um die Augmented Reality vom letzten Eintrag weiterzuspinnen: ein komplettes Kastell wäre wohl ferne Zukunftsmusik. Aber vielleicht erleichtert die Rekonstruktion die Bilderkennung und kann als „Marker“ dienen. Dann könnte man die Rekonstruktion mit reingerenderten zusätzlichen Turmstockwerken, Gesims, weißem Verputz und rotem Fugenstrich sehen.

Kastell Pfünz - Rekonstruktion auf der Nordseite

Vielleicht müßte es hinter der Mauer eine breitere Erdaufschüttung geben? In „Welterbe Limes - Roms Grenze am Main“ gibt es eine derartige alte seitliche Vorher-/Nachher-Rekonstruktionszeichnung der umgestürzten und dadurch erhalten gebliebenen Wehrmauer von Wörth. Oder ist man von der Erdaufschüttung wieder abgekommen? In dem Buch gibt es auch ein Foto von abgerundeten Zinndecksteinen aus dem Kastell Obernburg, die bräuchte man hier vielleicht auch noch.

Kastell Pfünz - Panoramabild aus drei Fotos aus der Ecke des Südostturmes

Was anscheinend wirklich nichts Besonderes mehr darstellt sind Computermodelle. Am vorletzten Donnerstag wurde in Arte ein Tauchgang in die Vergangenheit zu einer untergegangenen bronzezeitlichen Stadt vor der griechischen Küste gesendet. Ich hoffe der Link funktioniert noch eine Weile. Rechts oben sieht man ein Bild eines Tauchers neben einem hineingerenderten Haus bzw. hineingerenderten Steinen. Das ist sicher keine Augmented Reality für ihn gewesen, sondern eine nachträgliche Filmbearbeitung. Es zeigt aber, daß die zugrundeliegende Technik alltäglich wird. Unterhalb das Foto eines Modells der bronzezeitlichen Stadt, die auf 3d-Scans des Meeresbodens beruht. Mehr zur Technik gibt es in diesem Youtube-Video: Pavlopetri - City Beneath the Waves - 'rebuilt'.

Kastell Pfünz - Blick über die Reste des Südtores zur Rekonstruktion auf der Nordseite

Ich fand es sehr interessant, daß die Computer-Modellierer der Häuser laut Arte-Film mit vor Ort waren. Gut, ist ja auch sinnvoll und vielleicht wissen auch schon alle außer mir, daß das mittlerweile so ist. Ich hatte eine Erzählung im Kopf, nach dem ein Archäologenteam nahe der Jahrtausendwende Architekten für Zeichnungen mit zu einer Ausgrabung genommen hatte. Wenn mittlerweile auf Computermodelle umgestellt wurde und wir schon viele Modellierer haben, dann müßte es doch möglich sein den derzeitigen Forschungsstand zu Pfünz in einem vor Ort abrufbaren Computer-Modell darzustellen.