Mittwoch, 10. März 2010

Bayerische Leistungsschau

Ende Januar 2010 wurde die Sonderausstellung „Karfunkelstein und Seide - Neue Schätze aus Bayerns Frühzeit“ in der Archäologischen Staatsammlung München eröffnet. Wie schon in meinem Ausstellungshinweis geschrieben, basiert die Ausstellung auf im nahe München gelegenen Unterhaching entdeckten Gräbern aus der Zeit zwischen den Jahren 480 bis 520.

Über diesen Teil der bayerischen Geschichte nach Ende des weströmischen Reiches und vor der ersten Erwähnung der Bajuwaren ist wenig bekannt. Man hätte wohl eher mit Zeichen von Chaos und Entvölkerung gerechnet als mit so gut ausgestatteten Gräbern. Noch dazu im Hachinger Tal und nicht im Umfeld befestigter Städte wie Augsburg und Regensburg. Insofern erklärt sich auch der hohe archäologische Wert der Funde.

Die „gute Ausstattung“ ist im Vergleich mit den anderen Gräbern dieser Zeit zu sehen. Der Katalog nennt bspw. ein mit Goldfäden durchwirktes Kleidungsstück am Kopf des etwa drei Jahre alte Mädchen im Kindergrab, und daß derartige Stirnbänder oder Schleier um 500 n. Chr. nur Frauen der obersten Gesellschaftsschicht vorbehalten waren.

Wenn ich das laienhaft versuche auf den Punkt zu bringen: die Auflistung der Funde klingt so, als wenn sie in einem einzigen Umzugskarton Platz hätten. Aber viele der Funde sind ähnlich wie das mit Goldfäden durchwirkte Kleidungsstück des Mädchens. Ob das die einzige Waffe ist, die im Gräberfeld gefunden wurde, die aber in ihrer Verarbeitung ganz besonders ist. Oder der Seidenstoff. Oder die „normalen Fibeln“ bis hin zu den jetzt prominent herausgestellten Scheibenfibeln. Sie bedingen jeweils Expertenwissen, ziehen viele Fragen nach sich, bringen neue Erkenntnisse, ergeben letztlich eine eigene Geschichte.

Die Ausstellung scheint mir dieser Vorgabe zu folgen. Sie stellt die Gräber in den Mittelpunkt, reichert die Grabfunde mit anderen Funden an und entwickelt von Grabfunden ausgehend einzelne Geschichten immer weiter. In Langfassungen sind diese Geschichten dann im Katalog zu finden. Da gibt es einen Aufsatz über die anthropologische Untersuchung der Skelettfunde, einen über die Textilien aus den Gräbern, einen über den Seidenhandel zwischen Ost und West, einen über den Karfunkelstein ( = Granat ), einen über den „Unterhaching-Code - Das Geheimnis der Sachen und Bilder“, der sich mit der Bedeutung der einzelnen Grabbeigaben befaßt, besonders der Interpretation der Scheibenfibeln.

Die Ausstellung ist verhältnismäßig klein. Man wird zunächst mit dem Ort vertrauter gemacht - das Hachinger Tal in Fortsetzung des Gleissentals als Nord-Süd-Verbindung, die sich ein kurzes Stück südlich der Fundstelle mit der römischen Straße von Salzburg nach Augsburg als Ost-West-Verbindung kreuzt.

Aus dem Gleissental hochführende ehemalige Römerstraße Salzburg-Augsburg

Es folgt ein Nebenraum, in dem ein Film in Fernseh-Qualität gezeigt wird. Seide, Karfunkelstein, nicht zu vergessen die Arbeit der Restauratoren, die Inhalte fächern sich wie im Buch auf.

Der zentrale Raum der Ausstellung ist den Gräbern gewidmet. Jeweils einem Grab ist eine Vitrine zugeordnet. Die Lage des Skelettes steht einem als beleuchtete Skizze „auf Augenhöhe“ gegenüber, wobei die Funde am Skelett markiert sind. Diese genaue Angabe ist beispielsweise wichtig, um rückschließen zu können, welcher der seinerzeit vorherrschenden Kleidungssitten gefolgt wurde, wie ein Aufsatz im Katalog anhand gefundener Bügelfibeln im Becken statt an der Schulter zeigt.

Nach dieser Gegenüberstellung folgt die „Schatzkammer“ mit den Scheibenfibeln und verschiedenen Vergleichsobjekten. Dann ein Raum, in dem man selbst Hand anlegen kann - an verschiedene Seidenstoffe, an ein auf Basis von Metallresten rekonstruiertes Kästchen, oder an zwei Magnetplatten mit großen Scheibenfibel-Puzzles. Eine Werkbank mit Werkzeug veranschaulicht die Utensilien, mit denen die Scheibenfibeln hergestellt wurden.

Außerhalb der Ausstellung wird das Thema im Museum-Shop mit Granat in verschiedenster Form und dem dort erhältlichen Katalog fortgeführt. Neben der Sonderausstellung sind auch Teile der Dauerausstellung geöffnet. Wir sind im Saal 3 zwischen Vitrinen anderer bronzezeitlicher Funde auf eine mit den Goldfunden und dem Bernsteingesicht von Bernstorf gestoßen. Das ursprünglich für 2010 angekündigte Bronzezeit-Bayern Museum Kranzberg ist mittlerweile auf Anfang 2011 verschoben.

Noch zum Katalog: ich habe schon den Vergleich mit einem Detektivroman gehört, weil in den Aufsätzen vieles so spannend aus seinen Hintergründen heraus entwickelt wird. Es ist wirklich spannend gemacht, und das auch noch von verschiedenen Autoren und in einer Situation, in der vieles unsicher und unbeantwortet bleiben muß. Aber auch die Gründe dafür wurden erläutert. Ich halte diese Offenheit für eine große Stärke des Buchs.

Und stellen Sie sich Kinder oder Jugendliche mit Interesse für Archäologie vor. Die sehen da gibt es noch etwas für sie zu tun, da werden sie gebraucht. Ich glaube zwar nicht, daß der Katalog besonders als Geschenk für ein Kind oder einen Jugendlichen geeignet ist, aber in eine Schulbibliothek gehört er mit dieser aktuellen und aufgefächerten Darstellung von Tätigkeitsfeldern sicher hin.

Diese gute Darstellung unterschiedlicher Tätigkeitsfelder leitet über zu dem Gedanken einer „bayerischen Leistungsschau“. Im Zusammenhang mit den Funden sind ja schon einige Begriffe verwendet worden: „Sensationsfund“, „archäologischer Jahrhundertfund“, Unterhachings „China-Connection“ (wegen der gefundenen Seide), oder der „Unterhaching-Code“ (wegen der oben genannten Entschlüsselung der Sachen und Bilder, speziell der christlichen Ikongrafie der beiden gefundenen Scheibenfibeln).

„Bayerische Leistungsschau“ sollte für die Ausstellung und den Katalog passen. Frau Dr. Brigitte Haas-Gebhard, die Kuratorin der Ausstellung, formuliert das im Katalog nämlich so: wegen dem überschaubaren Fundmaterial hätten die „Dienststellenleiter von Staatssammlung und Landesamt (L. Wamser, S. Sommer) sich nämlich dazu entschlossen, einmal ein exemplarisches Projekt zu verwirklichen, nämlich ein Gräberfeld nach allen Regeln der archäologischen Kunst zu untersuchen, d.h. alle möglichen Erfolg versprechenden Untersuchungsmethoden anzuwenden.“ Die Arbeit der Restauratoren schließt sie im nächsten Abschnitt mit ein, da sie in enger Abstimmung mit den Wissenschaftlern arbeiteten und Restauration nicht mehr nur bedeutet, die Funde „schön zum Anschauen wieder herzurichten“, „... sondern sie im Sinne historischer Objekte zu behandeln, die eine Vielzahl von Informationen ... bereithalten“.

Offiziell eine Ausstellung der Archäologischen Staatssammlung in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, sind für weitere Aufgaben die Anthropologische Staatssammlung München und Spezialisten weiterer Institutionen miteinbezogen worden. Der Katalog gibt hierzu ausführlich Auskunft.

Auch wegen dieser breiten Beteiligung bayerischer Institutionen will ich die folgende Aussage des neuen Museum-Chefs Prof. Dr. Rupert Gebhard im Interview mit Simone Dattenberger im Merkur Online in Richtung „Leistungsschau“ interpretieren: „Wir sind wichtig für die Schulen und für die breite Bevölkerung, die wissen will, wo ihre Steuergelder für die Archäologie hingehen. Das zeigt jetzt zum Beispiel die aktuelle Schau 'Karfunkelstein und Seide' über Unterhachinger Funde.“

Sieht man die Aufgaben von Ausstellung und Katalog darin, daß sie zum einen die Grabfunde möglichst weit ausloten und das neu gewonnene Wissen über die bayerische Geschichte der Bevölkerung vermitteln sollen, zum anderen eine Leistungsschau darstellen, die darüber informiert „wo die Steuergelder für die Archäologie hingehen“, aber auch einen aktuellen Stand der archäologischen Möglichkeiten mitteilt, dann sind die diese Aufgaben sehr gut mit Extrasternchen gelöst worden.

Zur Einstimmung auf die Ausstellung empfehle ich wie in meinem Ausstellungshinweis vom Januaranfang den Beitrag von Frau Dr. Brigitte Haas-Gebhard in den Mitteilungen der Freunde der bayerischen Vor- und Frühgeschichte.

Die Daten für den Katalog sind:

Titel: „Karfunkelstein und Seide. Neue Schätze aus Bayerns Frühzeit.“
Herausgeber: Ludwig Wamser.
Verlag Friedrich Pustet, 2010, 196 S., zahlr. Ill., 22 x 23 cm
Preis 25 €, ISBN 978-3-7917-2242-9


So, jetzt noch ein Punkt, wo ich lange überlegt habe, wie ich den einbaue oder ob ich den nicht gleich auslagere. Denn die Ausstellung ist schön und stimmig, aber bei diesem Punkt sehe ich eine Dissonanz. Es wurde zwar an verschiedenen Stellen erwähnt, daß eigentlich alles gut mit dem Fund gelaufen ist: bei Bauvorbereitungen wurden die vermutlichen Gräber entdeckt, die Ausgrabung ging dann sehr schnell vonstatten, wegen der geringen Störung durch die Ausgrabung und dem Wert der Funde dürfte der Grundbesitzer und Bauherr über die Funde nicht unglücklich gewesen sein.

Für mein Verständnis steht dem glücklichen Ablauf in diesem speziellen Fall aber eine eher problematische Situation im Allgemeinen gegenüber: das Denkmalamt ist - so verstehe ich den diesbezüglichen, wieder dankenswert offenen Aufsatz im Katalog - eher gegen neue Ausgrabungen. Hätte also gegen die Ausgrabung von Unterhaching sein müssen, wenn die Bauvorbereitungen nicht so weit fortgeschritten gewesen wären? Wenn dennoch gebaut werden darf, dann muß der Eigentümer wegen dem Verursacherprinzip die Kosten für die Ausgrabung zahlen. Das ist wie gesagt wegen der kurzen Ausgrabungsdauer für den Unterhachinger Eigentümer gut gelaufen. Schließlich noch das in Bayern fehlende Schatzregal, was im Fall von Unterhaching dem Bauherr möglicherweise eine Kompensation für seine Nachteile gegeben hat, also auch da ist es gut gelaufen. Aber einerseits dürften wertvolle Funde eher einen Sonderfall darstellen. Anderseits habe ich nicht den Eindruck, daß das Denkmalamt über die durch das fehlende Schatzregal notwendige Abstimmung und Entschädigung von Finder und Grundbesitzer so glücklich ist.

Ich hoffe diese Sachverhalte nicht verfälscht oder zu sehr verkürzt wiedergegeben zu haben, aber ich denke diese Fragen können für die Betroffenen halt eben hochkritisch werden. Das mag dieser jüngst erschienene Artikel unter dem Titel Fürs Denkmalamt wehte eisiger Wind im Oberbayerischen Volksblatt unterstreichen.

Was würde ich aus dem hohlen Bauch heraus vorschlagen? Ein Abend wo alle zusammenkommen, Eigentümer, Finder, Denkmalamt, Archäologische Staatssammlung, Ausgrabungsfirmen, Anwohner, Archäo-Touristen, ehrenamtliche Helfer, legale Schatzsucher, interessierte Laien. Jeder der aufsteht und etwas zu sagen hat wird inklusive Antworten gefilmt. 3 Stunden vielleicht, bis alle wichtigen Fragen angesprochen sind. Das muß keine Fernseh-Qualität haben und im Youtube-Zeitalter nicht teuer sein, vielleicht geht das ja als Schülerprojekt. Und das Ergebnis dann als kostenloser Download, als DVD für 5 Euro im Museumsshop und als Beilage im Katalog.

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