Donnerstag, 23. November 2017

360° Panorama „ROM 312“ im Gasometer Pforzheim

Wie in „Villa Rustica Enzberg“ beschrieben, sind wir von der Villa Rustica auf der B10 weiter zu unserem zweiten Ziel, dem 360° Panorama „ROM 312“ im Gasometer Pforzheim. Wo man von der B10 in Pforzheim das kurze Stück zum Gasometer abfährt, ist ausgeschildert. Ich habe versucht die Geo-Koordinaten vom Eingang des Gasometer-Parkhauses zu nehmen.

Wir sind Mittwochs um die Mittagszeit eingetroffen, da war die Stellfläche kaum belegt. Auf dem Weg zum Eingang des Gasometergeländes ist gerade aus meiner Vogelperspektive eine Freifläche zu sehen. Auf der sind wir zwischen drei Reisebussen durchgelaufen. Zurück waren es glaube ich zwei. Im Gasometer selbst sind wir anscheinend während einer Besuchergruppenlücke gewesen. Eventuell hätte es Probleme bei den Bistro-Plätzen gegeben. Interessant sah dessen Angebot zwar schon aus, aber wir wollten dann gleich weiter zum Archäologischen Museum, um vor Einsetzen des Berufsverkehrs wieder auf die Autobahn zu kommen.

Gasometer Pforzheim

Aktuell startete in Hannover mit „Amazonien“ ein weiteres Panorama Yadegar Asisis. Von seinen fernen Panoramen hatte ich etwas mitbekommen, von dem in Pforzheim nichts. Das hat erst eine mündliche Empfehlung geändert. Die Reisebusse weisen aber auf ein größeres mediales Rad hin, das gedreht wurde. Ich will die Medien- und Marketingarbeit aber auch im Nachhinein nicht nachvollziehen. Mich würden eher O-Töne derjenigen Besucher interessieren, die sich schon eingehender mit der römischen Geschichte beschäftigt haben und schon ein paarmal in Rom waren.

Auf dem Weg in den Gasometer wird man etwas mit dem geschichtlichen Hintergrund bekannt gemacht und kann sich Videos über die Arbeit von Yadegar Asisi ansehen. Um das Panorama zu besichtigen, steht im Gasometer ein via Treppe oder Aufzug ersteigbarer Turm mit mehreren Plattformen bereit. Im hinteren Bereich der Plattformen befinden sich Stühle, mittels denen man sich bequemer in die einzelnen Perspektiven versenken kann, wenn vorne niemand die Sicht verstellt. Das haben wir von ein paar Plätzen aus gemacht. Begleitet von einer zunehmend als nervig empfundenen Soundkulisse, die sich in einem nachgestellten Tag-Nacht-Rhytmus wiederholt hat.

Gasometer Pforzheim

An der Kasse wird ein Audioguide angeboten. Ich weiß nicht, ob man via dem um die Wahrnehmung der Soundkulisse herumkommt und so angenehm eine lange Zeit im Gasometer verbringen kann. Führungen im Gasometer gibt es auch, haben wir dann im Archäologischen Museum mitbekommen. Ich weiss allerdings nicht, ob die mit Mikro und Ohrhörern stattfinden.

Solange die Aliens nicht ihre Rom-Scans von 312 freigeben, muß so ein Panorama zwangsläufig fiktional bleiben. Man kann trotzdem versuchen, möglichst viel auf archäologische und historische Erkenntnisse oder die eigene Anschauung durch Reisen zu bauen, wie das Dr. Frank Stefan Becker gemacht hat. Er hatte ja im „Abend des Adlers“ auf einigen Seiten das durch den Limesfall verlorene Gebiet, in dem Pforzheim liegt, literarisch verarbeitet. Man kann allerdings auch die fiktionalen Elemente überziehen, etwa Neuzeitliches einfügen, und den Betrachter gerade dadurch auf interessante Sachverhalte hinweisen. Brecht legt etwa durch neuzeitliche Formulierungen in seinen in „Fiktionales“ erwähnten „Geschäften des Herrn Julius Caesar“ über die Jahrtausende gleichbleibende Mechanismen bloß.

Gasometer Pforzheim

Ich bin da beim Panorama nicht weitergekommen, ich weiss auch nicht, inwieweit es überhaupt ein Ziel war archäologische und historische Erkenntnisse möglichst akurat rüberzubringen. Vielleicht habe ich mir etwas mehr Realismus in Richtung schmutzige Straßen, Mietskasernen und einen größeren Querschnitt der Bevölkerung erhofft. Das Panorama ist aber sehr Sehenswürdigkeiten-lastig, man kriegt am Eingang einen entsprechenden Flyer mit durchnummerierten Standorten. Viele weiße Gewänder sind mir in Erinnerung und ein häufiges Auftreten von vielleicht Prätorianern in Ausgehuniform. Es gibt neuzeitliche Bezüge, das Panorama steht sozusagen auf im unteren Gasometerbereich gemalten Ruinen. Das sagt uns wohl, daß wir uns über die Ruinen ein Bild vom alten Rom machen. Aber Brecht konnte eine komplexere Vorstellung von der Welt rüberbringen, in der die bekannten Gebäude Roms eingebunden waren.

Anzumerken ist, daß wir beim Aufbau unserer eigenen Rom-Grundlagen steckengeblieben sind. Die Rom-Links habe ich schon auch für uns selbst gesammelt, unsere Rom-Reise schiebt sich aber hin. Insofern wären jetzt die oben erwünschten O-Töne derjenigen Panorama-Besucher zuzuschalten, die sich da besser auskennen. Oder auf den Audioguide und die Führungen hinzuweisen, vielleicht ist da noch einiges herauszuholen.

Gasometer Pforzheim

Abschließend noch eine allgemeine Bemerkung zu Panoramen. Ich habe die mal in einer umfangreicheren Darstellung als ein zwar zeitweise sehr erfolgreiches, aber auch sehr zeitbedingtes Medium kennengelernt. Die Grundzüge dessen, was ich damals mitbekommen habe, stehen in den Wikipedia-Artikeln über Panoramen und über Louis Daguerre. Wichtige Stichworte zu dieser Zeitbedingtheit wären die Ursprünge der Panoramen in der Theatermalerei, die Erfolge, die Louis Daguerre gegenüber den Panoramen mit Dioramen erzielen konnte und der Gedanke, daß Daguerre sich zwecks seiner Dioramen-Malerei mit der dann nach ihm benannten Daguerreotypie beschäftigte. Panorama bedeutet „Allessicht“ oder „Rundumsicht“, Diorama „Durchsicht“. Im Falle der Dioramen ermöglichten die durchsichtigen Leinwände mittels dem Wechsel von Licht, einzeln bedienbarer Jalousien und von Blenden und farbigen Filtern die Illusion eines zeitlichen Ablaufs.

In dem Sinne fand ich die fernen Panoramen jetzt nicht so prickelnd, daß ich wegen ihnen ein lange fahren wollte. Und wenn ich in diesen Orten aus anderen Gründen gewesen wäre, hätte ich mir dort in begrenzter Zeit lieber noch nie gesehene Orginale angesehen. Im für uns öfters nahen Pforzheim hat es aber ganz gut gepasst, so ein Panorama mal zu besuchen. Ob unsere Vorbereitung so ideal war und ob wir einen Audioguide hätten nehmen und uns mehr Zeit lassen sollen - das kann jeder potentielle Gasometer-Gänger jetzt noch selbst für sich entscheiden. Vermutlich verspricht wie so oft eine sehr kommunikative Lösung den meisten Erfolg - nach einer guten Führung hinterher im Bistro die Eindrücke mit Leuten die sich interessieren und auskennen durchzusprechen, das hätte doch was!

Sonntag, 12. November 2017

Villa Rustica Enzberg

Die heute vom Autobahndreieck Karlsruhe aus dem Rheintal nach Osten wegführende A8-Strecke durchquert ein Jahrtausende altes Durchgangsgebiet. Für diese A8-Strecke gab es für die aus dem Süden kommenden Reisenden einen antiken Vorgänger: eine wenige Kilometer südlich der heutigen Autobahn bei Ettlingen nach Osten abzweigende Römerstraße, die über das Pforzheim nach Bad Cannstatt führte.

Das Gebiet befand sich nicht sehr lange unter römischer Herrschaft. Dennoch erinnert Pforzheim noch mit seinem Namen an diese Zeit. Es hieß damals „Portus“, und dieser Name soll sich außer auf „Hafen“ auch auf „Furt“, „Landeplatz“ und „Zollstation“ zurückführen lassen. Und die Furt durch die Enz gab es hier tatsächlich.

Villa Rustica Enzberg

Die Furt wird im Bereich der Innenstadt von Pforzheim verortet. In der Nähe befindet sich heute das Pforzheimer Archäologische Museum. Ein Stück enzabwärts kommt man, noch in Pforzheim, am Gasometer vorbei, in dem derzeit das 360° Panorama „ROM 312“ zu sehen ist. Etwa 3 km weiter enzabwärts überquert die A8 bei der Anschlußstelle Pforzheim Ost die Enz. Gegenüber dieser Anschlußstelle wieder etwas über 3 km enzabwärts kann man die hier auf den Bildern gezeigten Überreste der Villa Rustica Enzberg besichtigen. Alles auch für Ortsunkundige gut verbindbar mittels der B10, die sich in diesem Bereich immer in Enz-Nähe hält.

Villa Rustica Enzberg

Wir waren hier im September unterwegs. Sind zunächst von der Autobahnabfahrt auf der B10 in Richtung Villa Rustica Enzberg gefahren. Dann in Gegenrichtung auf der B10 zurück nach Pforzheim. Dort sind wir zum kostenlosen Parkhaus-Parkplatz beim Gasometer abgebogen. Haben das 360° Panorama „ROM 312“ besichtigt und sind dann entlang der Enz und an der früheren Furt vorbei zum Pforzheimer Archäologischen Museum gelaufen. Kurzentschlossene Autobahnabfahrer, die die Tour nachmachen wollen, werden durch die auf Mittwoch und Sonntag beschränkten Museumsöffnungszeiten die größten Probleme haben. Wer mit einer Busladung von Interessenten auf der Anfahrt ist, sollte aber vielleicht gleich die Kontaktaufnahme mit dem Museum ins Auge fassen. Ich schreibe im entsprechen Blog-Eintrag noch mehr dazu.

Villa Rustica Enzberg

Über die Villa Rustica Enzberg gibt es sehr ausführliche und informative Texte auf den Informationstafeln vor Ort. Ich will jetzt nicht versuchen die wiedergeben, sondern auf den Historisch-Archäologischen Verein Mühlacker verweisen, der im September 1999 „anlässlich der drohenden Überbauung des gerade freigelegten römischen Gutshofes in Enzberg gegründet wurde“. Ein Link funktioniert auf der Website des Vereins funktioniert nicht mehr so wie gedacht, man kann da mal via Suchmaschine nach der Villa Rustica Enzberg suchen und findet dann zwei Seiten auf muehlacker.de.

Villa Rustica Enzberg

Einen Blick auf die Villa von oben liefert Vici.org. Da sind auch einige weitere in der Nähe liegende Villa Rusticas markiert. Vici.org verlinkt auf das Stadtwiki Pforzheim-Enz, das ich hier ebenfalls für weitere Informationen über die lokalen Römer empfehlen will. Hier noch die Geo-Koordinaten in einer Form, bei der man sich die gewohnte Online-Karte aussuchen kann.

Villa Rustica Enzberg

Wie aus den Informationen im Netz hervorgeht, sind nur Teile der früheren zur Villa gehörenden Gebäudegrundrisse konserviert, der Gesamtkomplex war als noch deutlich beeindruckender. Die Villa Rustica Enzberg war schon sehr mondän und zeigt, was in der relativ kurzen Herrschaftszeit der Römer über dieses Gebiet an Infrastruktur erbaut werden konnte. In dieser Zeit muß die Villa aber schon statische Probleme durch den Berg in ihrem Rücken gehabt haben. Beim Herumlaufen hat sich mir immer mehr die Erinnerung an die Villa Romana del Casale aufgedrängt. Die war natürlich noch wesentlich mondäner als die Villa Rustica Enzberg, ist aber hinsichtlich der Lage mit Berg im Rücken vergleichbar.

Donnerstag, 26. Oktober 2017

Hotzenweg und Hermannsschlachten

Am Montag wurde ich von Hiltibold aus Graz auf zwei Hörsendungen des SWR hingewiesen.

Ich will beide gleich weiterempfehlen. Im einen Fall geht es um eine vermutete prähistorische Wegverbindung zwischen Hochrhein und Donauquellen. Ich weiß nicht wie fundiert die Sache ist. Aber da bei mir alte Römerstraßen und Keltenschanzen ein prominentes Thema sind, rechne ich mit einem entsprechend interessierten Publikum. Vielleicht ist jemand aus der Gegend oder kommt da mal hin.

Die Sendung hat den Titel „Kelten im Schwarzwald: Der Hotzenweg“. Es gibt dazu schon ein Buch und hoffentlich noch ein Projekt von Dr. Roland Weiss. Auf seiner Website finden sich einige Fotos und die Aufforderung „Ortskundig? Kennen Sie selbst entlang der nebenstehend skizzierten Route interessante und rätselhafte Plätze? Das können Steinbauten sein, Geländemarken, Ortsnamen, Höhlen etc. Gerne dürfen Sie mir diese Stellen zeigen. Anruf genügt und wir vereinbaren einen Ortstermin.“

In der zweiten Sendung diskutieren Dr. Rudolf Aßkamp, Dr. Stefan Burmeister und Prof. Dr. Reinhard Wolters eine knappe Dreiviertelstunde lang unter dem Titel „Sieglos an der Elbe: Roms Tragödie in Germanien“ über die von Rom aufgegebene Eroberung Germaniens.

Den Rahmen der Diskussion hat Prof. Dr. Reinhard Wolters schon zu Zeiten des 2000jährigen Jubiläums der Varusniederlage in seinem Buch „Die Schlacht im Teutoburger Wald: Arminius, Varus und das römische Germanien“ gespannt, ich zitiere mal aus meiner damaligen Besprechung:

„Arminius, der Befreier Germaniens — das stammt aus den 'Annalen' des Tacitus, die Tacitus 20 Jahre nach seiner 'Germania' geschrieben hat, wo er einen Befreier Arminius noch nicht erwähnt. Wolters erklärt dies mit der anfänglichen Hoffnung von Tacitus auf eine Wiedereroberung Germaniens, die er zur Zeit der 'Annalen' aufgegeben hatte. Die Schlacht im Teutoburger Wald also nicht als allein entscheidendes Ereignis, sondern als gelungener Einstand, dem weitere Kämpfe gegen Arminius und die Cherusker sowie gegen die anderen beteiligten Stämme folgten, deren Ergebnisse auch lange über den Tod von Arminius hinaus Rom keine Perspektiven mehr für eine Herrschaft über Germanien boten.“

In der sehr interessanten Diskussion geht es um Sichtweisen und Erkenntnisse. Offenbar fehlen derzeit wissenschaftliche Erkenntnisse um sicher festzustellen, ob bestimmte wichtige archäologische Funde von den Legionen des Varus oder denen des Germanicus stammen. Anderseits scheinen sich Sichtweisen zu ändern, etwa daß man sich mittlerweile zeitlich aufeinanderfolgende Belegungen bestimmter Römerlager vorstellen kann.

Interessenten mögen jetzt nicht über meine kryptische Formulierung rätseln, sondern sich die Diskussion anhören und danach den aktuell frei zugänglichen Text von Harff-Peter Schönherr „Pinkeln an die Siegessäule“ in der taz ergoogeln. Den direkten Link lasse ich wieder wegen dem Leistungsschutzrecht für Presseverleger aus. Der taz-Artikel informiert recht hintergründig über Kalkrieser Verhältnisse. Und passt bestens zur SWR-Diskussionssendung, die für diesen speziellen lokalen Aspekt den Hintergrund liefert. Warum die im taz-Artikel erwähnte „Pontes-Longi-Hypothese“ möglich sein kann ist so bspw. bestens zu verstehen.

Als i-Tüpfelchen zum taz-Artikel mag man sich dann noch die heutige Pressemitteilung „Forschungen in Kalkriese - Kooperationsvertrag bis 2029 geschlossen“ ansehen, in der der „Aufsichtsratsvorsitzende der Varusschlacht im Osnabrücker Land“, Landrat Dr. Michael Lübbersmann, mit den Worten zitiert wird: „Seit nunmehr drei Jahrzehnten wird hier nicht nur Geschichte ausgegraben, sondern auch Geschichte geschrieben“.

Nebenbei noch bemerkt: den Titel der Diskussionssendung „Roms Tragödie in Germanien“ finde ich schlecht. Tragisch waren die römischen Unternehmungen sicher für die unzähligen betroffenen Menschen. Rom hingegen konnte den Triumph des Germanicus in diesen Jahren sicher noch gut mit Ausplünderungen anderer Orte finanzieren und dürfte in diesen Kategorien auch funktioniert haben. Und daß man sich vor Jahren so auf den Begriff „Varusschlacht“ eingeschossen hat, finde ich auch nicht so toll. Einerseits soll Varus ja ziemlich spät erst mitbekommen haben, daß er sich in „seiner“ Schlacht befindet. Zigtausende Germanen wußten das schon vor ihm. Anderseits setzt die Bezeichnung den Fokus genau auf diese eine Schlacht, die doch nur der gelungene Einstand zum späteren Ausstand war. Die Frage, wie Arminius mit seinen Gefolgsleuten viele Jahre Widerstand leisten konnte, bleibt außen vor.