Samstag, 27. Mai 2017

Allenthalben versunkene Städte

Im letzten Abschnitt von „Georgensteinblick II“ hatte ich empfohlen, einen Blick in das von Helmut Karger online gestellte Buch „Illustrirte Geschichte der Stadt München“ von Ferdinand Kronegg von 1903 zu werfen. In diesem Buch ist wie im Zusammenhang mit Bernstorf von einer versunkenen Stadt die Rede. Nur in diesem Fall von einer versunkenen Stadt beim südlich von Pullach gelegenen Baierbrunn. Von Ferdinand Kronegg 1903 noch mit „ay“ statt wie heute mit „ai“ geschrieben.

Georgenstein am Vatertag 2017

Findet man vor Ort jetzt tatsächlich etwas aus alten Zeiten - im Falle Bernstorf ist ja zumindest die bronzezeitliche Wallanlage unbestritten - dann wird so eine „Sage von einer versunkenen Stadt“ wohl gern als Ausgangspunkt der Erkundungen aufgegriffen, da sich damit eine schöne Geschichte bauen lässt. Aber selbst wenn vorzeitliche Funde vorliegen, kommen schnell Zweifel, ob eine mündliche Überlieferung tatsächlich mehrere tausend Jahre vorhält. Man könnte jetzt - Stichwort „Heidenmauer“ - daran denken, daß altertümliche Bauwerke oder Funde eine Sage immer weiter am Leben halten. Aber dann würde man erwarten, daß das Gebiet sehr genau angegeben werden kann, in dem sich die Heidenmauer oder die versunkene Stadt befindet.

Im Falle Baierbrunn zeigt der Bayerische Denkmal-Atlas südwestlich eine „Siedlung vor- und frühgeschichtlicher Zeitstellung“ an, (Denkmalnummer D-1-7934-0305), ein Stück weiter liegen im Wald einige „Grabhügel vorgeschichtlicher Zeitstellung.“ D.h. für eine verschwundene Siedlung hat man tatsächlich Anhaltspunkte. Ich könnte mir auch vorstellen, daß der Römerstraßenknick im Norden von Buchenhain im Zusammenhang mit einer älteren Keltensiedlung stand, die sich bei dem ausgedehnten Höllriegelskreuther bzw. Pullacher Gräberfeld Denkmalnummer D-1-7935-0092 „Grabhügel mit Bestattungen der Hallstattzeit“ befand. Das wäre ein weiterer Stadt-Kandidat. Aber an irgendeine Verbindung solcher Siedlungen mit der Sage würde ich trotzdem erst glauben, wenn Kronegg etwas in der Art anführen könnte, daß die Baierbrunner beispielsweise für ihren Kirchbau immer behauene Steine aus dem bestimmten Gebiet geholt haben. Das macht er aber nicht. Stattdessen findet er die versunkene Stadt bei Baierbrunn ganz allgemein wegen den vielen Funden in der Gegend plausibel und geht dann fließend zu Funden bei Grünwald über. Also gleich von der anderen Isarseite, was den Gehalt der Sage für Baierbrunn stark relativiert.

Georgenstein am Vatertag 2017

Vielleicht sind solche nicht genau verorteten „versunkenen Städte“ aber auch aus genau so einer diffusen Gemengelage heraus entstanden, mit Funden hier und da? Am Vorabend früher Formen der Archäologie. Bevor man tatsächlich raus in das Gelände gegangen ist, nachgegraben und aufgeschrieben hat, was man wo gefunden hat? Ich würde so etwas für denkbar halten. Ein paar Jahrhunderte früher hatte man noch ganz andere Einfälle. Ich erinnere mich da an die Tafel in Ettlingen, nach der Ettlingen von dem Trojaner Phorzys 1111 vor Christus gegründet und von den Römern Neptingen genannt wurde. Hier und da eine versunkene Stadt ist im Vergleich dazu doch moderat? Und vermutlich war in den gebildeten Kreisen des 19. Jahrhunderts ein in das Badische gelangter Trojaner Phorzys schon ziemlich unglaubwürdig. Eine im 19. Jahrhundert schriftlich festgehaltene Sage von einer „versunkenen Stadt“ wird hingegen noch heute gerne von den Medien aufgegriffen.

Man bräuchte mehr Beispiele solcher „versunkenen Städte“, um zumindest die Aussage einer Häufung belegen zu können. Moritz Jacob hat sich die Mühe gemacht, weitere zu suchen und sie in „Deutsche Sagen des 19. Jahrhunderts über versunkene Städte“ zusammengefasst. Ich zitiere aus seinem Abstract: „In der Literatur des 19ten Jahrhunderts gibt es diverse Erwähnungen und selten auch Ausformulierungen von Sagen über versunkene Städte im deutschen Sprachraum. Um diese Art der Legende besser fassen zu können, sind hier einige – jedoch sicher nicht alle – gesammelt. Dadurch soll die textkritische Bewertung der Sage von der versunkenen Stadt bei Bernstorf erleichtert werden.“

Sonntag, 23. April 2017

„Amerika nach dem Eis“ im Karlsruher Naturkundemuseum

In den 1980er Jahren war ich öfters im Karlsruher Naturkundemuseum. Bei damals kostenlosem Eintritt bot sich das verkehrsgünstig in der Karlsruher Innenstadt gelegene Museum als Pausenfüller an. Meist habe ich dann nur mehr oder weniger kurz die Schlangen und Fische im Vivarium besucht. Bei unserem aktuellen Besuch konnte ich mich an die Dioramen im Erdgeschoß noch erinnern. Einiges Ausgestopfte im Obergeschoss müßte auch schon so alt sein. Aber selbst das große, sehr sichtbar in die Jahre gekommene Walross kommt mir nicht mehr bekannt vor.

Das alte Vivarium scheint restlos verschwunden zu sein. Der Raum, in dem man früher in einem Viereck aus einfachen Terrarien und Aquarien ging, ist irgendwie in mehreren Räumen mit teilweise mondäner Ausstattung aufgegangen. Blieb man früher etwas länger in der Ecke mit den Piranhas hängen, gibt es nun ein riesengroßes Becken mit Korallenriff und Hai. Bei den Präparaten scheint wie gesagt vieles noch aus alten Zeiten zu sein, steht aber neben Knallern jüngeren Datums. Also statt zu den Dioramen im Erdgeschoß kann man auch ein paar Schritte daneben die Treppe hoch zum Hatzegopteryx thambema - „weltweit das größte Flugsauriermodell, das in einem Naturkundemuseum gezeigt wird“.

Mittels diesen Sauriern hat sich das Karlsruher Naturkundemuseum vor ein paar Jahren sogar bei mir in München in Erinnerung gerufen. Was, nichts in München mitgekriegt? Hier der Beweis: der Bayerische Rundfunk interviewt Prof. Dr. Eberhard "Dino" Frey, „Paläozoologe Staatliches Museum für Naturkunde Karlsruhe“. Wer sich mal für Saurier interessiert hat, möge sich das Interview gönnen. Und das Flugsauriermodell ist vor Ort noch viel schöner als auf den Fotos!

Die Saurier passen zwar schon zu meinem Blog-Zeitbereich graue Vorzeit bis Spätantike, aber mit der seit Anfang April laufenden Sonderausstellung „Amerika nach dem Eis - Mensch und Megafauna in der Neuen Welt“ wird auch etwas zum Thema Archäologie geboten. Man möge dazu den verlinkten Text des Museums über die Sonderausstellung lesen. Von Baden TV gibt es einen kurzen Blick in die Sonderausstellung und kurze ergänzende Interviews.

Ich fand die Sonderausstellung erfrischend und bereichernd. Also nicht neue Wissensverästellungen wie bei der derzeitigen Karlsruher Alternative „Ramses - Göttlicher Herrscher am Nil“, für die nach meinem Gefühl der Stamm unterproportioniert ist, an den ich das hinhängen kann. Sondern einfach voraussetzungslos in die Ausstellung hinein gehen und etwas fürs Leben mit heraus nehmen. Überall muß man auf den Kontinenten ab einer gewissen Zeit die Megafauna mit dazuschalten. Nach der Karlsruher Sonderausstellung wird man das im Gefühl haben. Allerdings: als Ausstellungsthema ist dieser Spagat zwischen Mensch und Megafauna sicher sehr interessant und berechtigt, hinsichtlich der Beantwortung der im Begleittext aufgeworfenen Fragen sollte man aber angesichts der vielen vielen ungelösten Detailfragen nicht zuviel erwarten.

Wie in dem Ramses-Text bemerkt, haben wir die Entscheidung für das Naturkundemuseum nicht bereut. Ein Naturkundemuseum ist häufig das erste Museum, das man mit Kindern besucht. Insofern war der Altersdurchschnitt der Besucher relativ niedrig. Die Atmosphäre war recht locker. Ich habe im Ramses-Text den Jungen erwähnt, der sich zwischen uns und einen Leguan quetschte, um ein Foto zu machen. Was ich auch schön gefunden habe: einen Raum mit Tischen, umrahmt von größeren Tierpräparaten an der Wand, und an den Tischen Familien, die mitgebrachtes Essen verspeisten. In dem Museum ist Leben. Das alles ist trotz schon vorhandenem Vortragsprogramm, Filmvorführungen etc. noch in einem sehr positiven Sinne ausbaufähig.

Freitag, 21. April 2017

Ramses in Karlsruhe

Letztes Jahr hatte ich die anstehende Ramses-Ausstellung in Karlsruhe in „Ein Göbekli-Tepe-Blog“ erwähnt. Als es auf Weihnachten hin akut wurde, habe ich zwar an die Ausstellung gedacht, hatte aber zu Weihnachten in der alten Heimat anderes im Kopf.

Das hat sich so fortgesetzt. Aber nun knapp vor Ostern habe ich mitbekommen, dass es eine Bloggerreise zur Ramses-Ausstellung gab und daraufhin ein wenig herumgegoogelt. Es gibt reichlich Websites, die Informationen versprechen. Ich habe was vom SWR („Neue Ausstellung im Badischen Landesmuseum“), vom DLF („Ramses-Ausstellung in Karlsruhe“) und den Bericht von dem Blogger-Event in „miris jahrbuch“ durchgelesen. Interessant war, daß für mich die Texte von SWR und DLF wie Kreuzungen aus Wikipedia und Pressemitteilung wirkten - vielleicht sind sie auch zur Gänze auf Basis des Pressematerials entstanden. Ramses wurde ja schon x-mal im Fernsehen durchgenudelt und da hat man einige der Stichworte im Kopf. Miris Bericht wirkt hingegen wirklich frisch und sie kommt ganz ohne die von Ramses gezeugten über 100 Kinder aus.

Trotz Miris Empfehlung sind wir aber am Ostersamstag stattdessen in das Karlsruher Naturkundemuseum gegangen und haben die Entscheidung nicht bereut. Das „Aufgrund der großen Nachfrage“ auf der Landesmuseum-Website hat mich schon eine lange Schlange an der Kasse sehen lassen, und da hätten wir uns dann sowieso nicht angestellt. Kostenmäßig sind wir inklusive einer Kuchen- und Butterbrezel-Zwischenstation noch unterhalb des Ramses-Eintritts geblieben. Obwohl man nicht so denken darf. Ich hatte ja schon erwähnt, die Sonderausstellungen im Karlsruher Landesmuseum sind immer sehr opulent, also die 12 Euro Eintritt für die Vollzahler sind sicher ein Schnäppchen. (Nachdem ich mal die Bahncard-Ermäßigung im Landesmuseum erwähnt habe: die Ermäßigung kriege ich nicht mehr. Bin als Seltennutzer dreimal an Streiktagen mit dem Fernbus gefahren.)

In Miris Jahrbuch kann man sehen, was fotomäßig ginge. Ich hatte mich mal in „Kykladen in Karlsruhe“ über das Fotoverbot ausgelassen. Es gab wahrscheinlich früher Gründe für ein Fotografierverbot - warum sollen ein paar Leute fotografieren und die anderen stören? Und solche unkontrollierten Fotos muß man dann noch seinen Leihgebern vermitteln. Aber heute kommt die Fotografiererei ziemlich natürlich rüber. Ein kleiner Junge hat sich im Naturkundemuseum zwischen uns und einen Leguan gequetscht und dann erfreut sein Ergebnis auf dem Smartphone betrachtet. Ein junger Mann hat mit seinem Smartphone die beste Position im Treppenhaus für den großen Flugsaurier an der Decke gesucht.

Das Badische Landesmuseum hätte da bei der Kykladen-Ausstellung 2012 mit seiner Neuerung erstmals eine App zur Ausstellung anzubieten noch ganz vorne mit dabei sein können („Anscheinend nur iPhone, und wer kein iPhone hat kann ein iPad ausleihen“). Man hätte statt das Fotografieren in der Sonderausstellung zu verbieten ausgewählte Objekte freigeben und die Leute schon Selfies davor machen und in die Welt hinaus schicken lassen können, bevor Museums-Selfies überhaupt ein größeres Thema waren.

Meine früheren Ausstellungsberichte liefen von den Zugriffszahlen her sehr gut. Das hing damit zusammen, daß ich bei manchen gebräuchlichen Suchworten vorne auf der ersten Ergebnisseite war. Das änderte sich etwa ab dem „Imperium der Götter“. Da wurde ich außer von den nun besser suchmaschinenoptimierten Online-Ausgaben der Zeitungen auch von Websites mit Veranstaltungshinweisen aus kurzen Text nach hinten verdrängt.

Es hätte mir geholfen, wenn sich meine früheren höheren Zugriffszahlen auch in mehr Verlinkungen niedergeschlagen hätten. Hat es aber nicht. Und ich war dann auch nicht so motiviert, im Bereich der Zugriffszahlen größer zu versuchen dagegen zu halten. Aktuell habe ich mir nur darüber Gedanken gemacht, wie ich damals ein Stativ für die Nachtaufnahmen hätte mitnehmen können. Und die Texte könnte ich mir mal wegen der Verständlichkeit und obsoleten Links durchsehen.

Jedenfalls war ich dann zu Zeiten der Münchner Kyladenausstellung mit meiner Karlsruher Kykladenausstellung auf Seite drei, wenn ich nach „Kykladen Karlsruhe“ gegoogelt habe. Ganz vorne auf der ersten Seite war damals wie heute eine Fotostrecke (!) einer Stuttgarter Zeitung. Die Quelle „Unbekannt“ vom Bild 2 ist da schon bemerkenswert. Also nicht nur, daß es ein Fotoverbot in der Ausstellung gab, die Profis stellen auch noch ein Foto aus unbekannter Quelle ins Netz?

Wenn man sich auf so einen Kampf um die Zugriffszahlen einlässt, dann könnte ich das als Hobbyist ja mal machen um zu sehen was geht. Die Profis müssen sich für irgendwas entscheiden, die haben ja vielleicht einen super „Qualitätsartikel“, den sie nach vorne bringen könnten. Warum nimmt man so eine aus meiner Sicht nicht so repräsentative Fotostrecke? Vor Jahren wurde mal gesagt, da wird auf die Klickzahlen abgezielt. Ein Artikel bringt vielleicht nur drei Klicks, eine Fotostrecke zehn oder so.

Das mit der Suche ist heute nicht mehr so einfach nachvollziehbar, etwa weil Google den Standort des Suchenden mit einbezieht. Suche ich in München nach „Zeitspringer“, bin ich weiter vorne als im Raum Karlsruhe. Die alte Veranstaltungsseiten-Konkurrenz scheint bei den alten Sachen teilweise verschwunden zu sein. Vielleicht sind sie wirklich nicht mehr aktiv oder meine eigenen späteren Verlinkungen im Blog haben mich da höher gedrückt. Von den Zahlen her relevant sind allerdings die Suchergebnisse bei aktuellen Ausstellungen, und da war aus meiner Sicht spätestens mein „Imperium der Götter“ aus der Zeit gefallen.