Freitag, 6. November 2020

Die Schlacht im Teutoburger Wald bei Netflix

Seit letzter Woche kann man sich bei Netflix die Serie „Barbaren“ ansehen, die die Schlacht im Teutoburger Wald und ihr engeres zeitliches Vorfeld als Vorlage verwendet. Wie die verlinkten kurzen Netflix-Inhaltsangaben zu den sechs Teilen zeigen, trifft man zwar auf einige geschichtlich bekannte Personen und Ereignisse, bei denen die bekannte Entwicklung des römischen Offiziers Arminius hin zum gegnerischen Germanenführer die prominente Rolle spielt. Das wird aber durch starke frei erfundene Handlungsstränge ergänzt und dabei etwa der späteren Ehefrau des Arminius Thusnelda eine Rolle verpasst, die weit von der Überlieferung entfernt ist.

Ich habe bislang nur kleine Ausschnitte gesehen und bin mir gerade nicht sicher, wie scharf ich auf diese Barbaren-Folgen bin. Das kann ich noch abwarten. Die Serie halte ich aber schon insofern für sehr bemerkenswert, als Netflix versucht, solche Filme über für Lokalmärkte bedeutsame Ereignisse in diesem lokalen Umfeld zu entwickeln und dann international zu präsentieren. Das hat hier offenbar mit großem Erfolg geklappt, Business Insider gab für letzte Woche einen zweiten Rang für die Serie bei Netflix in den USA an.

Der Artikel von Thomas Rogers in der New York Times erläutert diese Entwicklung aus dem lokalen Umfeld heraus genauer. So scheint man etwa mit Absicht einen blonden und blauäugigen Arminius vermieden zu haben. Außerdem war es wichtig, ihn nicht als großen Kriegshelden oder als Gründer eines Germanenreichs zu zeigen.

Die Zerrissenheit unter den germanischen Stämmen im Vorfeld der Schlacht hat man in der Serie allerdings schon thematisiert. Römerherrschaft hätte ja neben einem Entwicklungssprung, den man dann allein in der Folge nicht hingekriegt hat, auch Landnahme, Ausplünderung, Versklavungen und für Germanen unübliche Strafen bedeutet. Ein freier Geist darf das ja abwägen und Kleist hat das, als er eine ähnliche Konstellation gesehen hat, in seiner „Hermannsschlacht“ verarbeitet. Die scheint im Übrigen wesentlich freier mit der Überlieferung umgegangen zu sein als die Barbaren-Serie, insofern ist eine an die heutige Zeit angepasste aktivere Thusnelda-Rolle doch ganz in Ordnung.

Die Schlacht läuft aktuell in der Wikipedia unter der Bezeichnung „Varusschlacht (auch Schlacht im Teutoburger Wald oder Hermannsschlacht, von römischen Schriftstellern als clades Variana, als „Varusniederlage“ bezeichnet)“. Die „Schlacht im Teutoburger Wald“ wurde bei uns vermutlich im Zuge der Kalkriese-Funde hinfällig und dafür „Varusschlacht“ erfolgreich installiert. Schaltet man auf die englische Wikipedia um, hängt die noch nach: „The Battle of the Teutoburg Forest (German: Schlacht im Teutoburger Wald, Hermannsschlacht, or Varusschlacht), described as the Varian Disaster (Latin: Clades Variana) by Roman historians, took place in the Teutoburg Forest in 9 CE..“. Netflix verwendet auch im Deutschen diese englische Bezeichnung. Ich jetzt für meine Überschrift auch. Die scheint wenigstens orginell zu sein, „Barbaren bei Netflix“ habe ich beim Nachgoogeln gleich mehrfach gesehen.

Die eigentliche Schlacht mag sich wie auch die Serie es nahelegt tatsächlich über eine lange Strecke verzettelt abgespielt haben. Wie ich mal dem Buch „Die Schlacht im Teutoburger Wald: Arminius, Varus und das römische Germanien“ von Reinhard Wolters entnommen habe, sind viele römische Quellen über solche Kämpfe aber oft erst ziemlich lange danach entstanden und es gibt in diesen Texten dieses Angriffsmuster häufiger. Das kann so in unterschiedlichen Fällen gewesen sein, aber man könnte sich auch vorstellen, daß man unzutreffende Standarderläuterungen wegen Unwissen oder einem Verheimlichungsinteresse gegeben hat. Im Falle der Schlacht im Teutoburger Wald muß es wohl auch schon lange den Gedanken geben, daß sich die Armee zu einem guten Teil selbst durch einen hohen aufständischen Germanenanteil besiegt hat. Ich habe das durch einen in andern Gefilden tätigen Archäologie-Absolventen vor fast 20 Jahren mitbekommen. Es gab/gibt dazu wohl keine Vorstellung über die Höhe der Germanenanteile in den römischen Truppen, aber die Idee lässt sich etwa auch in der Serienbesprechung von Thomas Schlüter wiederfinden.

Thomas Schlüter findet die „Kostüme, Requisiten und Bauten .. sehr gut gelungen, die Ausrüstung der römischen Legionäre entspricht der historischen Wirklichkeit. Auch die germanischen Langhäuser wirken erstaunlich authentisch.“ Thomas Rogers Artikel in der New York Times scheint mir mit seiner Nähe zu den Serienschöpfern vielleicht etwas zu unkritisch zu sein. Der Film- und Serien-erfahrene Thomas Schlüter wirkt etwas ausgewogener. Wer es hingegen richtig kritisch mag, kommt bei bislang gleich drei Einträgen zur Barbaren-Serie im Blog des Archäologischen Freilichtmuseums Oerlinghausen vermutlich voll auf seine Kosten.

Laut Den of Geek scheint die Serie „a massive hit for Netflix“ zu werden. Da muß man sicher schon über die zweite Staffel nachdenken. So wie die erste Staffel auf die Schlacht im Teutoburger Wald zusteuerte, könnte die zweite Staffel mit der Schlacht von Idistaviso (oder am Angrivarierwall) enden.

Montag, 21. September 2020

Spessarter Redoute

Die Spessarter Redoute ist ein noch relativ gut erhaltenes Überbleibsel der Ettlinger Linie. Die Ettlinger Linie war eine Anfang des 18. Jahrhunderts sehr weiträumig aus Verhauen und Schanzen angelegte Verteidigungslinie gegen die Franzosen. Ich hatte die Spessarter Redoute schon in „Ettlinger Linie in Reliefansicht“ als Anschauungsbeispiel für die mit dem Geoportal Baden-Württemberg mögliche Reliefansicht verwendet. In diesem älteren Blogeintrag gibt es auch weiterführende Links zur Ettlinger Linie.

Spessarter Redoute
Spessarter Redoute

Die Ettlinger Linie wurde von den Franzosen „bei der Spessarter Redoute“ durchbrochen, insofern hat sie eine gewisse geschichtliche Bedeutung. Der schnelle Durchbruch der Franzosen und die Lockerheit eines zeitgenössischen Berichts hinsichtlich dem Verlust der aufwendig erbauten Ettlinger Linie läßt aber die Vermutung aufkommen, daß den Franzosen zu diesem Zeitpunkt auch an anderen Stellen ein schneller Durchbruch gelungen wäre.

Spessarter Redoute
Spessarter Redoute

Ich gebe noch einmal den Link aus dem Blogeintrag „Spessarter Redoute in Reliefansicht“ zum Geoportal Baden-Württemberg an. Wenn alles funktioniert, sollten oberhalb der Redouten-Überbleibsel Reste von früher durchgängigen Zickzacklinien zu sehen sein. Die Redoute lag seinerzeit dem Feind zugewandt vor dieser durchgehenden Verteidigungsanlage.

Spessarter Redoute
Spessarter Redoute

Die Lage der Redoute mag man sich einmal durch etwas Herauszoomen aus der Reliefansicht ansehen. Die Redoute liegt auf einer Wasserscheide und man müßte von ihr, wenn sie nicht wie heute im Wald liegen würde, einen Blick auf die Talenden von zwei Tälern vor der Ettlinger Linie haben. Die französischen Angreifer wiederum mußten genau auf diese Redoute treffen, wenn sie sich nach dem Aufstieg in das Bergland ohne irgendwo in Seitentäler abzusteigen nach Norden in Richtung der Verteidigungslinie bewegt hatten.

Spessarter Redoute
Spessarter Redoute

Für meinen verlinkten älteren Blogeintrag verwendete ich Fotos vom Mai 2010. Es soll in jüngerer Vergangenheit größere Probleme durch Mountainbiker gegeben haben. Mittlerweile wurde die Spessarter Redoute durch Baumstämme geschützt. Die hier zu sehenden Fotos sind von letzter Woche.

Dienstag, 8. September 2020

Künstliche Intelligenz

In diesen Tagen erschienen gleich zwei Meldungen über den Einsatz der Künstlichen Intelligenz (KI) in der Archäologie. In „Künstliche Intelligenz hilft bei der Herkunftsbestimmung“ ging es um die Frage, ob vorgefundener Obsidian aus lokalen oder entfernten Quellen stammt. In „Künstliches neuronales Netz unterscheidet altsteinzeitliche Werkzeugsets“ um die Unterscheidung von afrikanischen Werkzeugsets der mittleren und späten Steinzeit. Ein paar Monate ältere Meldungen handelten von mit „tiefem Lernen“ entschlüsselter Keilschrift und von einer durch maschinelles Lernen ermöglichten zuverlässigen Klassifizierung von Paläofäkalien.

Bleibt die Künstliche Intelligenz oder geht sie wieder weg wie bald das Internet?? Und mit dem Intelligenz-Begriff komme ich für so etwas überhaupt nicht klar!? — Ich habe den zweiten (!) KI-Winter um die 1990er herum in der zweiten Reihe miterlebt. Ein früherer Kommilitone hatte da noch nicht so lange in der deutschen Niederlassung der im eben unterlegten Wikipedia-Artikel genannten Firma Symbolics gearbeitet (diese Firma hatte Ende der 1980er noch Kultstatus!) und hat mir in der Zeit gesagt, daß man „Künstliche Intelligenz“ jetzt nicht mehr sagen darf, das heißt jetzt „Wissensbasierte Systeme“. Der Begriff „Künstliche Intelligenz“ war allerdings auch in den Hype-Zeiten zuvor immer mal wieder in der Kritik. Was ist überhaupt Intelligenz? Und soll das jetzt, was die Maschine produziert, Intelligenz sein? In diesen Jahren gab es auch ein „Funkkolleg Psychobiologie: Verhalten bei Mensch und Tier“. Eine Orientierung am Verhaltens-Begriff hätte ich damals für treffender gehalten, also vielleicht so etwas wie „Intelligentes Verhalten“ - man kam ja immer nur in irgendeiner Verhaltensecke ein Stück weiter. Aber AI oder KI sind einfach prägnanter und andere Begriffe mögen zwar treffender gewesen sein, aber wären nicht so gut in den Köpfen der Leute hängen geblieben.

Man beachte dabei auch, daß es Dachbegriffe sind, unter dem sich teilweise recht unterschiedliche Disziplinen versammelten. Also in der künstlichen Intelligenz Ava in Ex Machina würden, wenn sie denn so funktionieren würde, Vorläufer etwa aus den Gebieten Robotik, Maschinelles Lernen, Wissenrepresentation oder Bildverstehen stecken, an denen schon in den 1980er Jahren geforscht wurde. Insofern gab es wie im KI-Winter-Artikel beschrieben in manchen Bereichen zwar massivste Einbrüche. Andere Bereiche sind relativ ungestört weitergelaufen. Die KI war demnach nie weg, selbst als man den Begriff nicht mehr verwenden sollte.

Das in den 1980ern unter dem Dach der KI laufende Maschinelle Lernen galt in den 1990ern zusammen mit der Statistik als Basis des Data Minings und wird seither bspw. für die Warenkorbanalyse oder zur Kundensegmentierung eingesetzt. Der Algorithmus für das zur Warenkorbanalyse genutzte „Association rule learning“ ist relativ eingängig. Den konnte man selbst nachprogrammieren oder auf einer Diskette auf der Systems noch am alten Standort Theresienhöhe mitbekommen oder später in Form von Programmpaketen wie Weka downloaden. Ich habe das „Association rule learning“ seinerzeit mal mit einer Excel-Datei mit passenden Daten ausprobiert und da kamen dann die vorhergesagt eher unintressanten Regeln heraus. Also damit sein Geld verdienen zu müssen, ist vermutlich eine richtig anstrengende Arbeit. Hinsichtlich dem KI-Einsatz markiert aber so ein schneller Einsatz dieser Algorithmen ein unteres Ende – man muß einfach wissen, daß es diese Algorithmen gibt, und sie auf vorhandene Datenbestände anwenden.

Das obere Ende beschreibt der vor drei Tagen erschienen Beitrag „Stockfish 12: das Beste aus zwei Welten“ im Schachmagazin „Perlen vom Bodensee“. Der Artikel handelt von den Auswirkungen des auf künstlichen neuronalen Netzen basierende KI-Programms AlphaZero. Das hatte vor wenigen Jahren eine größere Medienresonanz bekommen, weil es nach relativ kurzem Selbststudium mit einer allerdings riesigen Zahl von Partien Go-Meister schlagen konnte. Nicht so bekannt wurde in der breiten Öffentlichkeit, daß das Programm auch gegen klassisch programmierte Schachprogramme wie das eben im zitierten Titel genannte Stockfish eine „Blutspur“ zog. Man muß sich nun zu solchen Schachprogrammen ein Szene vorstellen, die schon seit Jahrzehnten versucht, jede mögliche Optimierung in ihre Programme aufzunehmen. Und da wurde jetzt wie der Artikel beschreibt bei Stockfish auf die Niederlage gegen die KI reagiert und die zwei Welten wurden vereint. Klassisch programmierte Schachprogramme konnten schon Meister schlagen, der „Perlen vom Bodensee“-Artikel formuliert aber eine neue, durch die KI gewonnene Qualität: „Niemand bestritt, dass AlphaZero Schach vom anderen Stern gezeigt hatte und Ideen in einer bis dahin ungekannten Tiefe demonstrierte. Speziell die Themapartien zu "Positionelle Dominanz versus Material" sollten auch das menschliche Schach auf der Elite-Ebene nachhaltig beeinflussen.“

Wer sich nun in die KI vertiefen will: bei openHPI beginnt heute der Kurs „Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen für Einsteiger“. „Schülerinnen und Schüler, aber auch interessierte Erwachsene sollen die zugrundeliegenden Konzepte kennen und verstehen lernen. Angesprochen sind alle, die noch keine Programmiererfahrung oder technisches Hintergrundwissen haben.“

Eine „Praktische Einführung in Deep Learning für Computer Vision“ startete bei openHPI im März, da ging es speziell um die künstlichen neuronalen Netze. Der Kurs ist noch für das Selbststudium zugänglich und hat höhere Anforderungen als der vorher genannte Einsteigerkurs: „Grundlegende Programmierkenntnisse, vorzugsweise in Python. Mathekenntnisse auf Abiturniveau.“ Ebenfalls bei openHPI noch für das Selbststudium zugänglich ist der Kurs „Big Data Analytics“. In ihm geht es u.a. um „modernste Data Mining-Techniken“.

Zu Weka gibt es mehrere Kurse bei Futurelearn, die in Abständen wiederholt werden. „Data Mining with Weka“ startet nach aktuellen Angaben wieder am 5. Oktober, Advanced Data Mining with Weka am 2. November. „More Data Mining with Weka“ ist „Available now“ für das Selbststudium.

Diese Weka-Kurse gehen zunehmend in die Tiefe. Aber vielleicht hat man Vorkenntnisse in der Breite und will einfach mal sehen, wie ein eingestöpseltes KI-System in so einem Umfeld aussieht? Ich habe jetzt mal bei Udemy nach dem für Chatbots verwendbaren Dialogflow gesucht und überraschend viele mögliche Kurse mit unterschiedlichsten Komponentenkombinationen gefunden.

Meine Dialogflow-Suche ist aus der Situation heraus entstanden und sollte keine Empfehlung für eine bestimmte Chatbot-Plattform darstellen, sondern nur anregen, selbst einmal spezielle Systeme bei Udemy zu suchen. Weka kannte ich etwas und das damals erschienene Buch müßte noch bei mir zu finden sein. Für meinen Text war Weka wegen der langen durchgehenden Linie interessant. Müßte ich mich ernsthaft einarbeiten, würde ich zwar wegen den alten Zeiten und dem einfachen Futurelearn-Einstieg zu Weka tendieren. Aber da es mehrere solcher Programmpakete gibt zuvor versuchen, mich hinsichtlich einer Bewertung dieses Weges umzuhören. Die openHPI-Kurse sind mehr oder weniger anspruchsvolle Einführungen, zudem kostenlos, da kann nicht viel falsch machen.